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siker gesehen, dem so wie dem Liszt die musikalische Emp—
indung bis in die Fingerspitzen liefe und da unmittelbar
ausströmt.“ Schumann aber empfand diese Einheit von
Liszt und dem Klavier mit den Worten: „Das Instrument
slüht und sprüht unter seinem Meister.“
Bis zum Jahre 1847 durchzog Liszt die damalige Kunst—
welt auf unvergleichlichen Triumphzügen. Er hat Gold
und Ehren geerntet in vor ihm unerhörtem Maße. Aber
wann hätte ein Künstler königlicher mit dem Gelde ge—
wirtschaftet, wo hätte einer würdiger alle Ehren getragen,
als dieser, dem Schillers Mahnung an die Künstler, daß
der Menschheit Würde in ihre Hand gegeben sei, höchster
Stolz, aber auch schwerste Verpflichtung bedeutete?s Man
kann nur immer wieder aufs neue staunen, mit welchem
Nutzen für seine Gesamtbildung Liszt diese aufreibende
Reisen überwunden hat, wie innerlich seine Natur bei
all dem äußeren Drumherum geblieben ist, wie sehr dieser
Virtuose immer Künstler war, in wie edlem Sinne dieser
Künstler vor allem überall Mensch blieb. Ein Wohltäter
im Großen, vergaß er selber dankbar niemals wirkliche
Freundschaft, war er geradezu ein Virtuose im Erkennen
hon Verdiensten, im Herauswirtschaften des Guten und
Wertvollen. Es gab bei ihm keine laue Freundschaft, kein
laues Wohlwollen; er war Enthusiast alles Guten und
Schönen, wo er es auch fand.
Im. Jahre 1847 erfuhr die erstaunte Welt, daß der
Weltbeherrscher des Konzertsaales sich nach dem kleinen
Weimar zurückgezogen habe und dort „Großherzoglicher
Kapellmeister in außerordentlichen Diensten“ geworden sei.
Daß dieser Augenblick, in dem Liszt seiner Virtuosenlauf—
dahn entsagte, einmal kommen mußte, lag in seiner Natur
begründet. Daß es jetzt beim sechsunddreißigjährigen
Manne nicht vielleicht noch einige Jahre später geschah,
hatte den äußeren Anlaß, daß Liszt eine Frau kennenge—
lernt hatte, die in ihrer tiefdringenden Geistigkeit ihm
largemacht hatte, daß, so glänzend sein Leben verlief, er
das Beste der Welt bislang schuldig geblieben. Diese Frau
hatte gefühlt, daß, wer so nachschuf, selbst ein Schöpfer
ersten Ranges sein müsse, und an diesen wandte sie sich.
Liszt wäre nicht der wahrhaftige Künstler gewesen, wenn
er dem Rufe nicht gefolgt wäre, als ihm sein Inneres
die Wahrheit desselben bestätigte. Diese Frau war die
Fürstin Wittgenstein.
Es ist hier an der Stelle über das Kapitel Liszt und
die Frauen zu sagen, das den Moralphilistern so reichlich
Belegenheit zur sittlichen Entrüstung gegeben hat. Liszts
ausgedehnter Briefwechsel kennzeichnet ihn in seinem Ver—
hältnis zur Frau als Edelnatur. Je länger man sein auf
inniger Seelengemeinschaft beruhendes Verhältnis zur
Fürstin Wittgenstein, mit der er fast zuei Jahrzehnte um
Beseitigung der Hindernisse ihres Ehebundes gekämpft
hat, betrachtet, um so höher steigt die Schätzung des
Mannes. „Liszt ist ein Ehrenmann“, erklärte der Graf
d'Agoult der Pariser Gesellschaft, die die Flucht der Gräfin
mit Liszt, dem sie später drei Kinder schenkte, so gern zum
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Was Liszt im kleinen Weimar wollte? Ein Teil davon,
aber nur ein kleiner, ist in Bayreuth verwirklicht worden.
Ein Zentrum musikalischer Kultur wollte er schaffen, einen
Sammel- und Ausstrahlepunkt für die Macht Musik. An
dem, was er unter den widrigsten Umständen — Gleich—
gültigkeit und Verständnislosigkeit der Bürgerschaft, Hoch—
mut und Intrige des Adels, Kleinlichkeit der Gesamtver—
hältnisse und Beschränktheit der Geldmittel — erreichte,
kann man erkennen, wie herrlich die Erfüllung des Ideals
gewesen wäre. Der junge schaffende Künstler wußte eine
Stätte, der er vertrauensvoll sein Werk übergeben konnte.
In Konzert und Oper hat Liszt, an den Verhältnissen des
Ortes gemessen und im Vergleich zu dem anderwärts Ge—
anen, Riesiges geleistet.
Nicht minder bedeutsam für die Allgemeinheit war,
vas Liszt in sozialer Hinsicht tat. Einen Fürstendiener
hat man ihn oft ceichnlten. Mon weise dach noch ein
‚weites Mal, ein so freies, so edles Verhältnis zwischen
einem Künstler und einem Fürsten nach, wie es sich in
dem Briefwechsel zwischen Liszt und dem Großherzog aus—
pricht! Gerade weil Liszt in den äußeren Formen dem
Fürsten gab, was nach den sozialen Verhältnissen ihm
ukam, konnte er darauf beharren, daß dem Künstler
vurde, was diesem dank seiner Ausnahmestellung gebührt.
„Der Künstler ist himmelreichsunmittelbar“, antwortete er
»en Hochmütigen, die auf ihre reichunmittelbare Würde
vochten, und hat danach gehandelt. Liszt ist der eigent—
iche Vollender der sozialen Befreiung des Musikers. Mit
der Gründung des „Allgemeinen deutschen Musikvereins“,
der jetzt auf ein siebzigsähriges Bestehen zurücblickt, hat
r für die schaffenden Kuünstler auch die erste Organisation
zroßen Stils geschaffen.
Liszt hat ferner gewirkt als Lehrer und Anreger. Das
zeht weit über den Rahmen des Klavierspiels hinaus.
domponisten, Schriftsteller, Dichter, die ganze Art des
zffentlichen musikalischen Lebens ist durch ihn nachhaltig
»eeinflußt worden. Liszt war ferner der Apostel der großen
dunst. Hier braucht man nur den einen Namen Richaärd
VBagner zu nennen. Was Liszt für ihn getan hat, seelisch
ind materiell, ist als unvergleichliches Denkmal einer
dünstlerfreundschaft in ihrem Briefwechsel festgelegt.
Trotz dem Umfange dieser Tätigkeit ist sie nur gewisser—
naßen die Fortsetzung seiner bisherigen. Das Neue, das
ür die Welt Unerhörte war, daß Liszt jetzt als Schöpfer
zoßer Werke vor sie hintrat. Er hat es später, als er
ich von Weimar trennte, in einem Briefe an eine Freunden
uusgesprochen, daß ihn dort festgehalten habe „die große
zdee der Wiedergeburt der Musik durch das innigfte
Zzündnis mit der Dichtung“. Er sah darin „eine freiere
ẽntwicklung, die dem Geiste unserer Zeit entsprechender“
bvar. Nicht als bequemer Vertreter der allherrschenden
sttichtung in der Musik erschien Liszt, sondern als Neuerer.
iszts riesiges Verdienst innerhalb der Entwicklungsge—
chichte der musikalischen Komposition liegt darin, daß er
ie Berliozsche Programmsinfonie logisch weitergebildet hat
ur sinfonischen Dichtung. Mit vornehmer Sachlichkeit blieb
riszt dem erkorenen Berufe treu, mit heroischem Mut hielt
r all dem Spott und Hohn, der ihm jetzt entgegen—
geschleudert wurde, ftand; mit unentwegter Stadhaftig—
eit diente er seinen Idealen, ohne Anspruch auf irgend—
oelchen Lohn, völlig gleichgültig gegen die Aufnahme bei
er Welt, dabei felsenfest überzeugt vom zukünftigen Siege
einer Sache. Die Art, wie Richard Wagner um seine An—
rkennung kämpfte, wie er für seine Werke litt, wirkt
ramatischer; aber nicht minder groß und im Grunde tra—
zischer ist diese Art, wie der erfolgverwöhnte Liszt den
dienst der Kunst auffaßte und durchführte.
Es liegt überhaupt eine ganz beglückende Selbstherr—
ichkeit bei diesem Menschen, die dabei ihren letzten Grund
n einer großen Bescheidenheit hat. Seiné tiefe Religiosität,
zie ihn jetzt im Altker und wohl mit unter dem Einfluß
»er Fürstin wieder zu einer strengeren Kirchlichkeit führte,
egt in ihn ein Gefühl für die Göttlichkeit der Berufung.
30 nimmt er für sich das Kleid des katholischen Priesters
ind wird als Künstler der Reformator oder genauer, der
zchöpfer einer neuen katholischen Kirchenmusike Auch hier
ehindert es ihn nicht, daß die Kirche seine Kunst nicht
ür die ihrige erklärt. Er schafft im Zwange der Not—
vendigkeit and ebenso im festen Glauben an den ein—
hoen Sieg der Wahrheit. die er in seinem Schaffen
ühlt.
Wer stimmt angesichts eines solchen Lebens, das durch
15 Jahre Fruchtbarkleit und Segen war, nicht ein in
sHoethes Wort:
Volk und Knecht und Ueberwinder,
Sie gestehn zu jeder Zeit,
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Versönlichkeit.
Dr. HKarl Storck *
Umzüge )vagerhaus aarbrudten carl gillebram