Full text : 9.1931-1932 (0009)

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diesem Jahre die Reise der Wiener als eine kultur—
bolitische Sendunge auffassen. Sie bedeutete in
dolland, mehr aber noch in unserem geliebten Saarland,
ine Stärkung der deutschen Wesensart, die eben in der
deutschen Kultur, dem stärksten Bindemittel zwischen allen
deutschen auf der Welt, begründet ist. Denn die wichtigste
Ktraftquelle des Deutschtums liegt in jener Kultur, deren
Hauptträger allemal das deutsche Lied ist, und deshalb be—
vegt sich die Erhaltung und Stärkung unseres Auslands-—
deutschtüums in erster Linie auf dem Gebiete des deutschen
Hesanges! Mehr wie je hat gerade diese Reise dem Deutschtum
 nuin Auslande und im Grenzland gedient: sie hat
gebündelte Hoffnungen gehäuft und ausgehäufte Sehn—
üchtige erweitert! Die Säle faßten die Besucher nicht.
Polizeilich mußten die Eingänge geschlossen werden, Hunu—
zerte mußten umkehren. Erhebend war es aber auch,
namentlich in Saarlouis, festftellen zu dürfen, daß eine
große Anzahl Sänger aus dem jetzigen Frankreich —
einige kamen über 180 Kilometer weit — zu den Kon—
zerten eilten. Wir sahen, daß sich unsere deutschen Brüder
und Schwestern im Saarlande offen, frei und stolz zur
deutschen Kultur bekennen. Eine weihevolle Stunde hub
sedesmal an, wenn die Wiener den „Gruß an die
Saar-Sängerschaft“ in der Vertonung von Wagner—
Schönkirch, nach Worten Theo Schönbauers, vortrugen:
„Ihr Brüder an der Saar, Ihr all, seid uns gegrüßt
hieltausendmal! Heil Saarland dir, du schönes Land, so
schwer geprüft wie Oesterreich, wir stehn in Treue Hand
n Hand, gleich dir zu Volk und Reich! Ihr Brüder alle
in der Saar, erprobt in Not und in Gefahr, wir grüßen
euch, beglückt aufs neu: Auf ewig, ewig deutsch und ewig
reü!“ Gerade hier wurde uns durch den Gesang klar
zum Bewußtfein geführt, daß Deutsch der Inbegriff eines
sahrhunderselangen gewaltigen, geschichtlichen Geschehens,
die Verkörperung höchster Kulturwerte, ein ungeheures,
wirtschaftliches Energiezentrum, eine unerschöpfliche geistige
ind materlelle Kraftquelle, ein unaustilgbarer Mensch—
heitswert ist. In dieser Verbundenheit fühlten wir uns
als Deutsche, da wir durch das herrliche Lied der Wiener
die deutsche Kultur als eigenen Persönlichkeitswert be—
rachten konnten, mehr aber noch, als wir die Not des
deutschen Volkes als eigene empfanden. So stand in der
zanzen Konzert-Auslandsreise der deutsche Gedanke turm—
zoch über dem kleinen Gezänk des Tages. Das vollendet
dargebotene deutsche Lied wurde zum Inhalt
der seelischen Gemeinschaft aller Deutschen.
Auch das Lied kann tief herabziehen, aber wie es himmel—
wärts hebt, das haben wir bei der jetzigen Auslandsreise
wieder miterlebt. Gerade in der Darbietung unseres ge—
liebten deutschen Liedes, wie es von den Wienern so
neisterhaft verkörpert wird, steckt Heimatsinn, Heimatschutz,
Heimatkunst, Heimatsfest und Heimatforschung. Bei Ge—
egenheit der 11. Grenzlandfahrt des Berliner VLehrer—
Besangvereins sprach Oberst a. D. Andersch in Lötzen:
„Singen, das ist Ihr und unser aller Sangesbrüder Be—
enntnis, heißt an dem Gedanken eines höheren Menschen—
tums arbeiten und ihn einer größeren Gemeinschaft vor—
leben. Sänger sein, das ist eine Bewegung, die wie keine
andere auf Zusammenfassung aller Kräfte, auf Einheit des
Wollens und Vollbringens begründet ist. Liedgemeinschaft
st Volksgemeinschaft. Dienst am Liede ist Dienst am Vater—
ande! Sänger sein, heißt am Gedanken eines höheren
Menschentums arbeiten!“ Dieser Satz war für die Wiener
Sänger wie zugeschnitten!
Hätte die Auslandsreise der Wiener Lehrer passender
heginnen können als in Regensburg? Auf dem
Wäldweg zur Walhalla stand man auch an jener Stein—
tafel, auf der die Worte des Erbauers für alle Zeiten ein—
zegraben sind: „Möchten die Deutschen, welchen Stammes
fije auch sein mögen, nicht vergessen, daß sie ein gemein—
ames Vaterland haben!“ Und diefse Worte König Ludwig J.
erweiterten die Wiener durch den Wahlspruch des Ost—
märkischen Sängerbundes, den sie in der Walhalla sangen:
„Deutsches Lied voll Freiheitsglut,
Deutsche Tat voll Mannesmut,
Treue Lieb' zum Vaterland,
Schling' um uns ein festes Band!“
Der schönste und würdigste Empfang ward den Wiener
ZSängern im heiligen Kölhn zuteil. Die Wiener kamen mit
Sonderschiff on Moin, Ginioe dreikßia Fohnen haffen

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am Landungsplatz des Schiffes Aufstellung genommen, und
nach einer herzlichen Begrüßung durch den Vorsitzenden
des Kölner Männergesangvereins, Rechtsanwalt Dr. Heimann,
 zog ein imposanter Zug mit den Fahnen an der
Zpitze zum altehrwürdigen Gürzenich. Ein solcher Emp—
ang ist wohl selten einer Sängerschar zuteil geworden!
Auch in Holland wurden die Sänger herzlichst auf—
jenommen. So sagte der Bürgermeister von Amsterdam
zeim Empfang seitens der Stadt während eines Banketts:
„IIch fühle mich besonders previlegiert, im Namen, der
zemeindeverwaltung das Wort an Sie richten zu dürfen.
Vir legen hohen Wert auf Ihren Besuch und freuen uns
des schönen Erfolges, den Sie gestern Abend mit, Ihrem
Auftreten erzielt haben. Welche Stadt würde es sich nicht
ur Ehre rechnen, einen solchen Chor empfangen und
derumführen zu dürfen.“ Alle holländischen Zeitungen
prechen über die Leistungen das höchste Lob aus. Nur
zer „Telegraph“, dessen Stellung während des Krieges
deutschland und Oesterreich gegenüber sattsam bekannt ist,
pricht von einer „Liedertafelei“, sagt, daß die holländischen
thöre eine solche Art des Singens schon vor 30 Jahren
seboten haben! Der Vorsitzende des Königlichen Utrechtchen
 Männergesangvereins aber erklärte wörtlich: „Wäh—
end Sie in der glücklichen Lage sind, daß sowohl in
desterreich als auch in Deutschland der Männergefang
ioch große Anerkennung, großes Interesse findet und Sie
ich dadurch einer stets neuen Zufuhr jugendlicher Kräfte
rfreuen können, ist leider die Lage in Holland im Laufe
»er Zeit viel ungünstiger für den Männergesang gewordem.
Auch das Interesse des Publikums für die Gesangchöre hat
n den letzten Jahren stark nachgelassen. Wir betrachteten
zhr Kommen äals etwas so außerordentliches, daß wir
flaubten, keinen Versuch unterlassen zu dürfen, um Ihren
zesuch in Utrecht möglich zu machen.“
Das Reiseprogramm wickelte sich präzise wie ein Uhr—
verk ab. Es ist in erster Linie das Verdienst des ersten
Vorstandes Theeo Schönbauer. Auch die Reiseleitung,
unge prächtige Menschen, verdienen hohes Lob. Wenn
ie spricht, gibts kein Murren; ihren Anordnungen fügt
ich alles, also auch eiserne Disziplin im Aeußern! Die
Reise führte von Regensburg über Darmstadt nach Colonia
Agrippina; dann gings nach Holland, wo in Scheveningen,
stoötterdam, Amsterdam und Utrecht gesungen ward. Von
drefeld führte die Reiseroute über Oberstein nach dem
Zaargebiet: Saarbrücken, St. Ingbert, Homburg, Neun—
irchen, Saarlouis und zum Schluß nach Würzburg, der
Zztadt Walthers von der Vogelweide, die heuer im Zeichen
—
Die äußere Disziplin war eben der Abglanz jener vor⸗—
üglichen Disziplin, die im Chore bei den gesanglichen
Ddarbietungen obwaltet. Und hier regiert Hans Wagner—
Schönkirch, der Meister seines Fachs, der Herrscher auf
dem Podium. Immer wieder bewundert man die innere
Lerbundenheit zwischen ihm und seiner Schar, jene Ver—
»undenheit, die die köstlichsten Früchte aus einer Voll—
rute heraus zeitigt.
In diesem Jahre war das Repertoire, das kontinuier—
iche Fluidum der musikalisch-gesanglichen Hochleistung,
velches das Herz einer Konzertreise ausmacht, nach allen
Zeiten ausgebaut: Starkes paarte sich mit Mildem. Mit
e‚hrwürdiger Tradition verbindet Wagner wuchtige Er—
rungenschaften auf Neugebiet. Und wenn er, immer wieder
ꝛigens gewünscht, eigene Kompositionen bringt, so zeigen
diese den Komponisten Wagner-Schönkirch im hellsten Licht.
die Leistungen wiesen nach der Seite eines kultivierten
bianod und einer innerlichen Ausdrucksbelebung noch eine
Zteigerung gegenüber dem Vorjahre auf. Man hatte den
rhor wieder verjüngt. Seit 1929 sah man etwa 20 neue
ßesichter. In der Ueberwältigung dieser Arbeit, man weiß
a, daß jedes Mitglied über ein gewaltiges Repertoire ver—
ügt, hat Wagner-Schönkirch in der Heranbildung der
ieuen Sänger eine starke Hilfe an dem unermüdlichen,
uinverwüstlichen Karl Härkl, der dazu noch die humo—
ristische Resonanz des Chores bildet.
In diesem Jahre gab es amüsante Neuheiten: Hindemith
„Du mußt dir alles geben“, „Fürst Kraft“) wurde in der
ünstlerischen Eigenart mit der homophon gehaltenen an
zregorianische Choräle anklingenden Melodik fein heraus—
jeschält. In Robert Keldorfers „Wir tauchten aus dem
Ztrom“ versyvürtfte man dessen dediegenes Köännen Die
            
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