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Bruckner straffte sich auf, schob das Blatt in sein Pult
d bereitete sich, in der Stiftskirche die Vespergesänge zu
zegleiten.
Gut denn, er würde also morgen in Urfahr sein. Die
lachende Donau lockte. Wer weiß, welche süßen Geheim—
nisse unter ihrer kristallenen Oberfläche schlummerten? Er
wollte sein Glück nicht in den Wind schlagen, wenn es
in Gestalt der schönen Kathi winkte.
Aber es kam anders. —
V dem Tanzboden beim Böhmerwaldwirt ging es
do er.
„Jessas — der Bruckner Anton“, schrie es jubelnd, den
allgemeinen Lärm übertönend, aus zwei, drei Männer—
ehlen von der Musikantenecke her, als sich die breite Er—
scheinung des Angerufenen in der Saaltür zeigte, „der
hät geraäde gefehlt; jetzt ist keine Sorge mehr.“ Zugleich
slogen Geige und Klarinette im Schwung zur Seite, so
daß das aüf so treulose Weise im Stich gelassene Fagott
aus verdreifachter Leibeskraft den Tschardasch zu Ende
dudeln mußte. Und ehe er sich dessen versah, hatten sie
den erstaunten Stiftsorganisten mit derbem Griff gepackt
— drückten ihn in ihrer Mitte auf der Musikantenbank
aieder.
„Laßt's mich eh' verschnaufen, Kinder!“ rief das Opfer
des Ueberfalls abwehrend und mit dem groben roten Tuch
sich die Stirn reibend.
Da gaben sie denn Frieden und erzählten.
Freilich, der Fall liegt nicht so einfach. Hatten da zwei
Musikbrüder mit triftigen Gründen im letzten Augenblick
absagen misssen, und nun war Holland in Not. Der
agen aih sah sich genötigt, zur Geige zu greifen, auf
der er nur ein elender Stümper war, und die schier un—
entbehrlichs Trompete fiel ganz aus. Zwar war schon ein
Bote zurß Stadtpfeiferei nach Linz geijagt worden, um
wenigstens Ersatz für die Trompete aufzutreiben; aber
ehe so ein schwerfälliger Stadtmusikant seinen Mittags—
schlaf ausgeschnarcht hatte und zur Stelle geschafft war,
tonnte es Abend werden.
Die übrigen drei waren — wie hätte es anders möglich
sein können! — ihres Zeichens Lehramtsgehilfen und mit
Bruckner vom Präparandiekurs her bestens bekannt.
Genossen aus dem teuern Lehrberuf eine solche Bitte
1Wzuschlagen, — was sage ich: eine solche Selbstverständ—
lichkeit abzuschlagen? — eher im Erdboden versinken! War
es doch noch nicht lange her, daß er selber als Unter—
—
zog und Sonntag um Sonntag zum Tanz aufspielte, wie
sich das so für einen treubiedern Schulmeister im alten
Desterreich ob der Ems sich eben gehörte. Wer sonst auf
dem Lande hätte sich denn aufs Geigen und Trompeten—
dlasen verstanden? Und seine Tanzfreude mukte das
Völkchen doch haben.
Also ohne Umschweife — einen tapferen Schoppen hinter
die prunkvolle Sonntagsatlasbinde gegossen, erstens um
den Staub hinabzuspülen und zweitens, um gleich im
rechten Fahrwasser zu schwimmen; — die Violine unters
Kinn — und mit Dideldet und Dumdata legte das ver—
stärkte Orchester, aus dessen Fülle nun auch der Brumm—
baß mit zufriedenem Geschrumpe hervortrat, frischen Mutes
wieder los.
Das fuhr denen auf dem Tanzboden gleich ganz anders
in die Beine als das magere Gekickse und Gekratze vor—
her. Die Burschen zeigten sich zu kühnen Taten be—
feuert, schickkten Juchzer auf Juchzer aus der Heldenbrust
zegen die niedrige Saaldecke, stampften mit dem Ge—
nagelten, daß die Erde bebte, und die Madeln krähten,
Iihlen und ließen ihre Röcke wehen, daß es eine Art
atte.
Eine war nur nicht in Kirtagsstimmung — die schöne
Kathi. Mit schiefem Mäulchen saß sie irgendwo an der
Wand und schoß unter den hoch geschwungenen Brauen
her finstere Blicke in die Musikantengegend. Da hatte
sie nun ihren besten Putz angelegt und sah ganz wie ein
Stadtfräulein aus. Und der, dem es galt, geigte den
andern etwas vor und kümmerte sich nicht einen Pfiffer—
ling um sie. Ueberhaupt — tanzen mit einem von der
Musikantenbank? Oh, sie würde schämen. War sie
denn eine Bauernmagd? Trotzig hoh sie den Kopf: sie
wollte fich schon zu trösten wissen.
Der gute Bruckner hätte allerdings solche Gedanken
richt hinfter ihr gemiftert In seinen Migon hildeten die
Pi Saar⸗Sänger-Bund IIIIV
zuh Nr. 8
Schulmeister eine besondere Welt für sich, die ihm unan—
astbar war. Und daß er hier mitgeigte und sich offen zur
zuünft bekannte, das war vollends ein Ehrenpunkt, an den
hin keiner hätte rühren dürfen. Die Kathi mußte für
o etwas ein Einsehen haben. Und wenn sie trotzdem
inderer Ansicht war, so wäre das nicht in seinen ein—
achen Sinn hineingegangen. Wohl schaute er sich das eine
»der andere Mal nach ihr um. Aber sie flog schon von
Tänzer zu Tänzer und fand kein Auge mehr für ihn.
„Weiß der Kuckuck,“ knurrte er schließlich verwundert
»or sich hin, indem er über die Noten des Ländlers hin—
vegschielte, der eben gespielt wurde, „mit welch wilder
Begeisterung das Mädel hier bei der Sache ist. Saß sie
daheim am Spinett und sollte mir ihre Tonleitern vor—
ꝛxerzieren oder eine Sonatine von Haydn üben oder sich
in einem Mozartschen Rondo versuchen, so wäre ich schon
dankbar gewesen, wenn sie mir ein Zehntel dieses Feuers
»ewiesen hätte. Ich weiß nicht, — heute gefällt sie mir
richt recht .....“
Er achtete jedoch nicht mehr viel auf sie, denn es war
erstaunlich, was die Musikantenbrüder sich in den Tanz—
oausen alles zu erzählen hatten. Von alten Lehrern, lieben
Freunden, von glücklich bestandenen Examensnöten, Ver—
setzungen und Büchern, ja auch wohl hier und da von
einer heimlichen Liebelei. Dabei machte der Becher fleißig
die Ruͤnde, und Bruckner hatte schnell vergessen, welcher
Anlaß ihn eigentlich hierher geführt hatte. Die schöne
sdathi, die mit kühler, ja abweisender Miene vorüber—
änzelte, wenn sie in seine Nähe kam, schien es übrigens
rzuch nicht mehr zu wissen und entbehrte ihn, wie der
Augenschein lehrte, keineswegs. Um so besser.
„Nun, Anton,“ fragte der an der Baßgeige, „bist du
zuch gut präpariert für morgen früh?“
„Auf was soll ich präpariert sein, da ich morgen dienst—
rei bin?“
„Nanu? — Und der Linzer Dom?“
„Was soll's mit dem? — Zum Einstürzen ist er doch
och zu jung; oder kriegt er etwa noch einen dritten Turm
hinten aufs Dach, da, wo jetzt der winzige Stutzen sitzt?“
„Schau her, Franzl,“ wandte sich der Sprecher nach
inks, „wie der hochgefahrene Stiftsherr den Unwissenden
herauskehrt. Und sitzt an der Quelle der Weisheit. Aber
ein Glas ist leer, daran mags liegen. Schenk ein.
Bruder ......“
—838 lieb ich allemal. — Doch, was den Dom be—
rifft
„Daß der morgen seinen neuen Organisten haben wird,
der das Erbe des seligen Kranghofer antreten soll? —
stinder, was waren das köstliche Stunden, als wir bei
dem gutmütigen Alten Generalbaß studierten!“
„Was Ihr nicht alles wißt! — Morgen sollte .....“
Und das erfahre ich jetzt erst, und hier durch euch?“
„Wird halt deine eigene Schuld sein. Du hockst zu viel
in der Stube. Aber du hast doch selbst noch kürzlich im
Dom gespielt?“ *
„Freilich hab ich. Als Aushilf natürlich nur. War
ietzt seit drei Wochen nicht mehr dort.“
„Ha also, klipp und klar: morgen früh auf zehn Uhr
st Probespiel angesetzt für die Bewerber. Es sollen ihrer
übrigens nur zwei oder drei sein. Also keine scharfe Kon—
kurrenz. Frisch gewagt, Anton, ein Kerl wie du — —!“
„Im lachenden Wien!“ kommandierte es knapp und
aut vom Klarinettenpult mitten zwischen die Unterhal—
zung. „Schrumm, schrumm,“ intonierte der Kontrabaß,
und schon wiegte sich der Saal im Walzertakt.
Das war ja blanker Unsinn, was der da gemeint hatte.
Als wenn er für die Domorgel und einen bischöflichen
Zuhörer ernstlich in Betracht käme. Nein, da hatte man
vürdigere Männer zur Wahl, und Männer reiferen
Könnens .... Aber krotzdem spürte er einen prickelnden
de Das Sichprüfenlassen war von jeher sein Steckenoferd.
Ueber solchen Gedanken spielte Bruckner sein Notenblatt
so jämmerlich schlecht herunter, daß ihn der Baßgeiger
mit einem sanften Klaps seines Bogens wiederholt ins
Beleise bringen mußte.
„Der hier darf nichts mehr trinken. Vor seinen Augen
tanzen die Walzernoten schon Polka.“
„ASchenk ein, Bruder, schenk ein! — Hab halt ein Weil
sinnen müssen Und hßrt!? enh einoesoden. h nicht — in