Full text : 9.1931-1932 (0009)

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Monatitsschrift
lleber zoo Vereine mit über 30 ooo Mitgliedern. Herausgegeben im Auftrage des Bundes 3 —
von Stadtschulrat Dr. h. e. Hang Bongard und Rektor Walther Stein, Saarbrücken. BW⸗
Ddruch und Verlag der Buch- und Kunsloruckerei Bebr. Hofer A.G. Saurbrücken *
Oslklingen und Leinzig. Bezugspreis Er. 5.— vierteliähzrrlich. Einzelnummer Fr. 2.-11.
 Jahrgang

November 1031

Die seelischen BGrundlagen
Jeder Musikfreund hat sich wohl schon ein oder das
andere Mal darüber Rechenschaft zu geben ver—
sucht, warum dieses oder jenes Kunstwerk, sei es
nun ein einfaches Lied, ein Chor oder ein Werk mit
Orchester, wie und wodurch Musik überhaupt auf
ihn wirkt. Es ist gewiß
nicht ohne Interesse, zu
zören, was ein bedeuten—
der Denker und auch
Dichter, Friedrich Nietzsche,
in diesem Zusammenhange
iußerte, wie er die Wir—
kungen der Musik in
einem Briefe schilderte.
Er schreibt: „Musik gibt
mir jetzt Sensationen
wie eigentlich noch nie—
mals. Sie macht mich
von mir los, sie ernüch—
tert mich von mir, wie,
als ob ich mich von ferne
her überblickte, überfühlte.
Sie verstärkt mich, und
jedesmal kommt hinter
einem Abend Musik eine
Menge resoluter Einfälle
und Einsichten. Das ist
sehr verwunderlich. Es ist
als ob ich in meinem
natürlichen Element ge—
dadet hätte. Das Leben
ohne Musik ist einfach
Irrtum, eine Strapaze,
ein Exil.“
Die Tatsache, daß Musik
tiefe gefühlsmäßige Wir—
tungen auszulösen ver—
nag, ist unbestritten. Die
Antwort auf die Frage Ludwig van Beethoven.
aber, worin die Kraft der Musik, die sie zu solchen
Wirkungen befähigt, besteht, ist auf eine einfache
Formel nicht zu bringen. Am ehesten wird noch die
Einsicht in die Welt der praktischen Erscheinungen zur
gewünschten Klarheit führen und sich auch eine Art
oon Gesetzmäßigkeit auf diesem Wege feststellen lassen.
Jedes Werk der Tonkunst verdankt der Zuhörer
letzten Endes dem schaffenden Tonkünstler, dem Ton—
dichter dem ßomponisten Was diesen selhst 20

musikalischer Wirkungen.
iefst innerlich bewegte, was in ihm nach Ausdruck
»erlangte, als er sein Werk schuf, mag es nun eine
rinfache Melodie oder ein kunstvolles Gefüge von
Themen sein, ist in das klingende Kleid des Werkes
gebannt. Dieses klingende Kleid des Werkes, die
musikalische Substanz, ist
nur gewissermaßen Sym—
bol des Erlebnisses, das
nach klingendem Ausdruck
berlangte, Symbol für
ꝛtwas, das den Schaffen—
den bewegte, sich in Wor—
ten vielleicht gar nicht
ausdrücken läßt. Nicht das
klingende Kleid, der rein
akustische Eindruck ist es,
wer hätte es noch nicht
gefühlt, das auf den Hörer
wirkt, sondern eben dieses
ins Werk gebannte „Et—
was“, das wir Erlebnis
des Schaffenden nennen
wollen. Je allgemeingil—
tiger, umfassender das
Erlebnis des Schaffenden,
je weniger subjektive es
war, desto größer wird
auch der Kreis der Hörer
sein, die das Erlebnis
nachzufühlen vermögen, die
dom Werke, mit einem
treffenden Ausdruck be—
‚eichnet, „angesprochen“
verden. Eine der Quel—
len, aus denen die Kraft
des musikalischen Kunst—
werkes fließt, wäre damit
angedeutet. Später soll
noch von einer anderen,
mnit dieser parallel laufenden Quelle gesprochen werden.
All das, was nun der Schaffende an wirksamen
dräften, wir nannten es umschreibend Erlebnis, in
ein Werk gelegt hat, dem Hörer zu vermitteln, ist
Aufgabe des nachschaffenden, des reproduzieren-—
den Künstlers. Er ist das vermittelnde Binde—
zlied zwischen Hörer und Schaffendem. Im Sinne des
früher Gesagten kann die dem nachschaffenden Künstler
Jesftellte Nufvnobe nicht bhidne darin bhestehen daß «»r
            
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