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»IIIIP Saar⸗Sänger-Bunden
*1 141 Nr.
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uinufnihk.
J nmitten des schweren Dunkels dieses Daseins,“ in der
Aerstickenden Nacht, die sich von Stunde zu Stunde zu
berdichten schien, fing wie ein verlprener Stern im düstern
Raume ein Licht zu glänzen an, das sein Leben erleuchten
ollte. Die göttliche Musik ...
Großvater hatte gerade seinen Kindern ein altes Piano
geschenkt, das er von einem seiner Schüler übernommen
uind das seine erfinderische Geduld einigermaßen instand
gesetzt hatte. Das Geschenk war nicht sehr freundlich emp—
angen worden. Luise sand, daß das Zimmer schon ohne—
dies klein genug sei; und Melchior sagte, daß Papa Hans
Michel sich nicht gerade ruiniert hätte; das wäre ja reines
Brennholz. Einzig der kleine Christof war über den
Neuankömmling vergnügt, ohne recht zu wissen warum.
Ihm war, als sei das ein Zauberkasten, voll wunderbarer
Beschichten, wie sie in dem Band von Tausend und eine
Nacht standen, aus dem Großvater ihm von Zeit zu Zeit
einige Seiten vorlas, die sie beide entzückten. Er hatte
gehört, wie sein Vater am ersten Tage, um die Tasten zu
pröbieren, daraus einen kleinen Sprühregen von Arpeg—
gien hervorlockte, dem ähnlich, den ein lauer Wind nach
zinem Platzregen aus den feuchten Zweigen eines Ge—
hölzes niederfallen läßt. Er hatte in die Hände geklatscht
und „Weiter!“ gerufen. Aber Melchior hatte das Klavier
zerächtlich geschlossen und gesagt, daß es nichts tauge.
Thristof bestand nicht darauf; äber er strich seitdem un—
aufhörlich um das Instrument herum; und sowie man den
Rücken drehte, hob er den Deckel und schlug leise eine
Taste an, als berührte er mit dem Finger das grüne
Rückenschild eines großen Insektes: er wollte das darunter
zingeschlossene Tier herauslocken. Manchmal tippte er in
seinem Eifer ein wenig zu stark; und seine Mutter rief
hm zu: „Wirst du dich wohl ruhig halten? Faß nicht
alles an!“ Oder er klemmte sich arg, wenn er den Kasten
schloß, und schnitt jämmerliche Gesichter, indem er an
dem verletzten Finger sog...
Seine größte Freude ist es jetzt, wenn seins Mutter
agsüber einen Dienst hat oder einen Weg in die Stadt
nächt. Er lauscht, wie ihre Schritte die Treppe hinunter—
gehen: nun sind sie in der Straße; jetzt entfernen sie sich—
Er ist allein. Er öffnet das Klavier, schiebt einen Stuhl
heran, er nistet sich darauf ein, seine Schultern reichen
bis zur Höhe der Tasten: genug für seine Wünsche. Warum
vartet er, bis er allein ist? Niemand würde ihn am
Zpielen hindern, vorausgesetzt, daß er nicht zu viel Lärm
macht. Aber er schämt sich vor den andern, er getraut
sich nicht. Und dann spricht man auch und bewegt sich;
das verdirbt das Vergnügen. Es ist so viel schöner, wenn
man allein ist! — Christof hält seinen Atem an, damit es
noch stiller wird, und dann, weil er auch ein wenig erregt
ist, als sollte er eine Kanone losschießen. Das Herz schlägt
hm, wenn er den Finger auf die Taste setzt; manchmal
hebt er ihn wieder auf, nachdem er ihn schon zur Hälfte
niedergedrückt hat, um ihn auf eine andere zu setzen. Weiß
man, ob aus dieser nicht noch etwas Schöneres als aus
sener konmmt? Plötzlich steigt der Ton emvport: tiefe sind
»arunter und spitze, solche, die klingen, und andere, die
zrollen. Das Kind lauscht ihnen lange, einem nach dem
indern, bis sie schwächer werden und hinschwinden. Sie
viegen sich wie Glocken, die der Wind, wenn man in den
Feldern ist, wechselweise herträgt und entführt; dann, wenn
nan genug hinhört, vernimmt man in der Ferne andere
erschiedene Töne, die sich verschlingen und kreisen, wie
Insektenflüge; sie scheinen dich zu rufen, dich ins Weite
u ziehen, weit fort ... immer weiter, in geheimnisvolle
z„chlupfwinkel, wo sie niedertauchen und versinken . . . Nun
ind sie verschwunden! ... Nein, sie murmeln noch ... ein
leiner Flügelschlag . .. Wie seltsam das alles ist! Sie
ind wie Geister. Doch warum sie so gehorchen, warum sie
ndieser alten Kiste so gefangen gehalten werden, das
ann man gar nicht verstehen!
Aber das Allerschönste ist, wenn man zwei Finger gleich—
eitig auf zwei Tasten setzt. Nie weiß man ganz genau,
vas geschehen wird. Manchmal sind die beiden Geister
Feinde; sie zürnen, sie schlagen, hassen einander, sie
rummen mit verdrießlicher Miene: ihre Stimme schwillt
in; manchmal schreit sie vor Zorn, manchmal klagt sie
»oll Wehmut. Christof liebt dieses Spiel leidenschaftlich:
vie entfesselte Ungeheuer sind sie, die ihre Bande zer—
eißen, gegen ihre Gefängniswände anrennen; es scheint,
aß sie sie einreißen und nach außen durchbrechen werden,
die die, von denen das Märchenbuch erzählt, die in
irabischen Truhen unter Salomons Siegel gefangenen
dämonen. — Andere schmeicheln einem: sie versuchen zu
etören; aber man fühlt ganz gut, daß sie nur beißen
vollen und daß sie Fieber haben. Christof weiß nicht recht,
vas sie wollen, aber sie ziehen ihn an und beunruhigen
hnugleichzeitig; fast machen sie ihn erröten. — Und noch
in andermal erscheinen Töne, die sich lieben: die Klänge
imschlingen sich, wie man mit den Armen tut, wenn man
ich küßt; sie sind reizend und sanft. Gute Geister sind
»s mit lächelnden, faltenlosen Gesichtern; sie lieben den
leinen Christof und der kleine Christof liebt sie; die Tränen
reten ihm in die Augen, wenn er sie hört, und er wird
ticht müde, sie herbeizurufen. Das sind seine Freunde.
eine lieben, zärtlichen Freunde ...
So wandert das Kind im Wald der Töne, und fühlt
ausend unbekannte Kräfte rings um sich, die es belauern
ind zu sich rufen, um es zu liebkosen oder zu ver—
chlingen ....
Eines Tages überraschte ihn Melchior so. Mit seiner
auten Stimme ließ er ihn erschreckt auffahren. Christof
zlaubte sich auf einer Uebeltat ertappt und hielt seine
dände an die Ohren, um sie gegen die fürchterlichen Klapse
su schützen. Aber Melchior schimpfte seltsamerweise nicht,
ex war guter Laune, er lachte. „Das interessiert dich also,
zchlingel?“ fragte er, indem er ihn freundschaftlich auf
8 Kopf patschte. „Willst du. daßk ich dich Klavierspielen
ehre?“
Ob er wollte. . . Er murmelte ein entzücktes Ja. Sie
etzten sich zu zweit vor das Klavier. Christof wurde dies—
mal auf einen Stoßk dicker Bücher gehoben: so nahm er
2) Wir entnehmen diesen Ausschnitt dem im Verlage
oon Rütten und Loening in Frankfurt a. M. erschienenen
Roman Johann Christofs Jugend von Romain
Rolland. Der geistvolle Dichter und Gelehrte, der uns
mit seiner berückenden Gestaltungskraft das Leben Beet—
hovens, Händels, Michel Angelos und Tolstois kongenial
dergegenwärtigte, dessen „Musikalische Reise ins Land
der Vergangenheit“ und dessen fröhliches Buch „Meister
Breugnon“ über alle Grenzen weg seine gläubige Ge—
meinde vergrößerten, steigert sich in diesem auf mehrere
Bände berechneten Werk zu monumentaler Größe. Wir
stehen vor einem Bildungs- und Entwicklungsroman, der
die klassische Reihe von Wolframs Parzival über Goethes
Wilhelm Meister und Kellers Grünem Heinrich auf die
Begenwart fortsetzt. Wunder der Wortbeherrschung, archi—
tektonisch reifer Aufbau der Handlung, weise Einsicht in
jiene Schicksalsverflochtenheit, die man Leben nennt, aber
allem voran: subtilstes Einfühlungsvermögen in die ge—
heimsten Kräfte, Spannungen und Lösungen des inwen—
didgen. des seesischen Khens machen diesen Roman 2u einem
erzbeweglichen Erlebnis, in dem man je mehr und mehr
»as Gefühl hat, im Tiefsten selbst mit hineingezogen zu
ein. Wir begleiten in diesem ersten Bande den Aufstieg
ines Knaben, der von oben her die Berufung zur gött—
ichen Musik erhielt. O, erschütternd, wieviel Steine zur
zeite geworfen oder übersprungen werden müssen! Er—
chütternd aber auch, wie der lebendige, aus Urquellen ge—
peiste Bach vorstößt und aus lachenden, lockenden Blumen—
älern einem magischen Kompaß mit frühem Führertritt
ie reiche, weite Ebene erreicht. Dieses Buch von der
öttlichen Musik muß uns allen zu einem Brevier werden!
fkinem Brevier für stille, besinnliche Stunden. Es spricht
»ie unmittelbarste Sprache des Herzens zum Herzen! Der
ßerlag bringt den umfängreichen Roman von rund 800
Zzeiten für den außerordentlich niedrigen Preis von 3,75
Nark auf den Büchermarkt. An seine Ausstattung setzte
r seine Liebe. Die folgenden Bände „Johann Christof
n Paris— und „Johann Christof am Ziel“ befinden sich
n Vorbereitung. Wir wünschen dieses Werk in der Hand
edes Stänudoers