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Man muß aber auch das Schrift- und Hochdeutsch, die
Sprache des großen Vaterlandes beherrschen. In manchen
ssegenden heißt das geradezu: man muß zwei Sprachen
önnen.
Ob das auch für unsere engere —I zutrifft, mag
dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall heißt in der Saar—
»rücker Gegend reine Sprache pflegen, einen ewigen Krieg
ühren gegen die Eigentümlichkeiten einer Mundart, die
se nach dem Himmelsstrich eine Kreuzung oder Mischung
yvon Pifälzisch, Lothringisch, Moselanisch, Hochwäldisch usw
darstelln. Hier im Saargebiet prallen nämlich mehrere
Zprachgebiete aufeinanderr In Bischmisheim z. B. rollt
nan das R, keine zehn Minuten davon entfernt, in Schaf—
zrücke, kann man das schon nicht mehr. Saarabwärts
pricht man hinten in der Kehle, wie die Kölner, im
ofälzisch-elsässischen Grenzgebiet gibt es Ortschaften, wo
ein U-Laut überhaupt nicht vorhanden ist. Die Mitlaute
viet, p und k sind im ganzen Saarland Stiefkinder.
Fine Unterscheidung vonsch und sch kennt man nicht. Hier
zlingt e wie ä, dort wiederum wie i. Die für den Chor—
meister unerläßliche Pflicht der Pflege eines reinen Hoch—
deulsch steht da zuweilen vor schier unbeseitigbaren
dindernissen. Er hat je nachdem die Aufgabe, Lippen und
zunge seiner Sänger zu ganz ungewohnter Tätigkeit an—
regen und erziehen zu müssen. Abge man allenthalben
Zegen für diese Bemühungen ernten, denn man erfüllt da—
mit die Pflicht, die heute leider von den Stellen in
erschreckender Weise und ungestraft vernachlässigt wird,
denen sie von Berufs wegen zukäme. Gemeint sind unsere
»eutschen Theater. Bei ihnen ist seit dem Umsturz als
sragwürdiges Zeichen vielgepriesener Freiheit eine Sprach—
üderlichkeit Mode geworden, die allen bisherigen Ansor—
derungen Hohn spricht. Zum Teil hat das seinen Grund
darin, daß das Bühnenpersonal, infolge einseitiger Be—
vorzugung, an einer gewissen Ueberfrachtung durch Oest—
reicher und Wiener krankt, zum Teil aber auch in der
rusdrucksfeindlichen Bewegung unserer Zeit, die sogar die
Lächerlichkeit besitzt, harte Ts und gerollte Rs für „Pa—
thos“ anzusprechen! Wenn das so ist am grünen Holz,
darf es da am dürren auch so werden? Die deul—
schen Gesangvereine haben heute eine doppelte Piflicht:
sie pflegen nicht allein das deutsche Lied, sondern sie
oflegen mit ihm gleichzeitig auch die edle deutsche
Sprache. Seid darum, liebe Chormeister und Sänger,
nicht läfsig in dem, das Ihr tun sollt! Wo ein Wille ist,
da ist auch ein Weg. Und wenn es irgendwo, auf Grund
ines verschrobenen örtlichen Dialektes, ausgeschlossen er—
cheinen sollte, ein einwandfreies Hochdeutsch herauszu—
»ringen — nichts ist unmöglich. Der griechische Redner
Demosthenes, der Schöpfer philippischer Brandreden, hat
vogar Mittel und Wege gefunden, seinen hemmenden
Z3prachfehler restlos zu beseitigen. Das war gewiß noch
biel schwieriger als das Erreichen einer ordentlichen deut—
chen Aussprache beim Singen, wo Wort- und Tonbildung
band in Hand gehen...
Das oberste Gesetz für jeden, der singen will, lautet:
„Gut gesprochen ist halb gesungen!“ Das kann
nicht genug betont werden. Wie wichtig Aussprache, Wort—
und Textbeherrschung beim Singen sind, weiß der Repe—
tsitor und Begleiter eines Solosängers eben so woohl wie
der Chormeister. Er weiß auch, daß es Unterschiede bei
den einzelnen Dichtungen gibt, daß das Lied eines Lyrikers
vwie Goethe z3. B, viel einfacher zu sprechen ist als Verse
eines Schiller. Es ist nicht unseré Säche, festzustellen,
voher das kommt; es gibt dafür eine besondere Wissen—⸗
schaft, die der sogenanten Typenuntersuchung. Uns ge—
nügt es, daß wir fühlen und schlechthin wissen, die Sprache
des einen ist weicher, musikalischer, die des anderen bevor—
zugt Härten, stellt mit Vorliebé scharfe Mitlaute einander
zegenüber, was zwei bekannte Beispiele bestens zu heweisen
bermögen. Goethes Faust beginnt: „Habe nun, ach! Philo—
sophie, Juristerei und Medizin und, leider! auch Theologie
durchaus studiert mit heißem Bemühn“, Schillers Glocke
dagegen: „Fest gemauert in der Erden, steht die Form aus
Lehm gebrannt.“ Niemand wird leugnen können, daß hier
ein wesentlicher Unterschied besteht, und daß, will man
dazu noch alle Rs ordnungsgemäß rollen, der Schillersche
Vers beim Sprechen schwerer ist als der von Goethe.
Wie steht es nun mit dem Text unseres Tonstückes „In
den Alpen“. Man braucht nur dessen erste Zeile vor sich
sinzusagen, um zu fühlen, daß er mehr beschwingt als
rart ist. daß scharfe Mitlaute ĩim Gegensake etwa zu or
vähntem Schillerschem Verse, in auffallender Minderzahl
»orhanden sind. Trotzdem ist er nicht leicht zu sprechen.
And das kommt durch die sogar stabreimartig «auf—
retenden Mitlaute, die Stimm- und Umlaute, die
darin vorhanden sind. Das Versmaß und seine musi—
alisch-metrische Deutung haben wir im ersten Aufsatze be—
reits dargelegt. Der Text des Scheffelschen Gedichtes, der
den ersten Teil der Hegarschen Vertonung beherrscht, lautet:
„Heia! das Schneegebirg han' wir erklommen,
Schau'n in der Täler vielfurchig' Gewind'!
Schweben wie Adler, von Aether umschwommen,
Ueber den Wolken und über dem Wind!“
Bis auf die zweite Zeile, die eine Silbe zu wenig hat
ind darum vom Versmaß und auch von dem der Musik
ibweicht, bringt Hegar in ganz natürlicher Weise den
/zzTakt zur Anwendung. Im weiteren Verlaufe gestattet
er sich die dem Tonsetzer zukommende Freiheit gegenüber
einem Texte. Besonders das Wort „Heißa!“, ein Freuden—
ruf, wird dabei verschieden betont, zuweilen auf der ersten,
uweilen auf der letzten Silbe. Das soll uns aber vorerst
ioch nicht bekünmmern, denn das was uns in der ersten
robe zu diesem Chorwerke vornehmlich zu interessieren
ind zu beschäftigen hat, ist die richtige Aussprache der
tachher in ihrer musikalischen Fassung zu behandelnden
Lerszeilen. Es ist sehr wesentlich, daß der Chor
neister selbst den Text mit höchster Vollendung vor—
pricht. Darauf muß er sich im Notfalle, das heißt,
denn er über die notwendige Vortragsbeherrschung nicht
erfügt, vorbereiten. Er braucht sich dazu nicht eigens
zeit zu nehmen. Es gibt tagüber soviel Zeitschnitzel und
Uugenblicke, wo man unbeobachtet und für sich allein ist,
zaß man so ganz beiläufig den Text überdenken, sich vor—
lüstern und vielleicht sogar vorsprechen kann. Je klarer
ind langsamer man dies für sich allein und dann vor
inderen tut, um so mehr Erfolg wird man haben. Heißt
jut gesprochen, halb gesungen, dann heißt seinerseits wieder
zut ee gut sprechen hören. Scheffels Verse sind nicht
infach. Die Schwierigkeit liegt bei der Ausspraäche viel—
eicht dort, wo wir sie nicht vermuten, und zwar einmal—
vie schon gesagt, bei den Stimm- und Umlauten, dann
rei den Mitlauten, ganz besonders aber bei der Unter—
heidung vonsch und sch, sowie bei der Aussprache eines
lingenden W. Ein Wuhört man beim Singen gewöhnlich
o gut wie gar nicht. Soll es stimmhaft gesprochen oder
jesungen werden, dann bedarf dies besonderer Uebung.
Vuklingt in vollendeter Aussprache ungefähr wie eine
bereinigung von Weund F, also wf. Durch einen ge—
chickten Trick läßt sich alles meistern. so auch die Aus—
prache des stimmhaften W. Jeder kennt den Familien—
tiamen „Wefing“. Auf „ing“ verzichten wir und be—
jalten die Silbe „Wef“ (kurzes e) im Sinne. Wiederholt
nan sie einige Male mit fast nicht mehr zu vernehmendem
s, dann hat man beinahe die gesuchte Aussprache des
illgemein so schlecht behandelten W.
Etwas übertrieben dargestellt würde unser erster Vers in
weckmäßiger Aussprache beim Singen folgendermaßen lauten:
„Hajaa! Das Schneegebirg hann wiir errklomm-menn.
Schaun inn deer Tählerr vielfurchich Gewinndt!
Schwfeben wfie Aadlerr vonn Aeterr ummschwfomm-menn
Ueberr deen Wfolkenn und üüberr deem Wfindt!“
Es ist unser Ideal, den Text in ähnlicher Weise hören
ind sprechen zu lassen,. Das erfordert viel Aufmerksam—
eit und zielbewußten Willen. Aus den im ersten Aufsatz
ingeführten Gründen soll aber in der Chorstunde nicht
illzuviel Zeit darüber verloren werden. Ist der Chor—
neister beim Vorsprechen seiner Sache sicher und der Chor,
owohl die alten wie auch die jungen Sänger, zu konzen—
rierter Teilnahme erzogen, dann geht das auch. Haben
vir erst unsere Pflicht in bezug auf die Aussprache er—
üllt, dann werden wir bald bemerken, wie prächtig die
Vortbildung die Tonbildung beeinflußt, wie klarer und
oller der Gesang klingt, welchen Fortschritt der einzelne
zänger und mit ihm der ganze Verein gemacht hat. Es
iegt ein Geheimnis in der guten Aussprache, im schönen
VLortrag. Man sucht die Ursache schöner Chorwirkung viel—
ach am verkehrten Ende und bedenkt viel zu wenig, daß
zut gesprochen halb gesungen ist. Vielleicht überlegk man
ruch einmal, warum es einem unserer ersten Sprech- und
Vortragskünstler, Ludwig Wüllner, gelingen konnte, in
nerhältnismäßig kurzer Zeit ein bedeutender Liedsänger
u werden (Fortsekung folgt.)
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