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Fesseln befreit und neue erleichternde „Schlüssel“ er—
findet; ob er dem Musikinstrument die Gattung musi—
kalisch feiner feilt, damit es mehr und mehr zum eigen—
vertigen Ausleger und Vermittler werde; ob er end—
lich von hoher künstlerischer Warte aus den Weg er—
kundet, den deutsche Musik seither gegangen ist, und
ein Zurück aus unheilvoller Sackgasse erkürt, von dem
sich Wiedergeburt und Steigerung erhoffen läßt. —
Entwicklung ist ein Merkmal von Gesundheit. Aber
kein Bruch darf es sein, wenn es gilt, im Rahmen
der Kultur musikalisch weiterzukommen. Der natür—
liche Trieb sichert sich durch Rückkehr. Jahrhunderte
müssen übersprungen werden. Wir sind ganz anders
geworden. Ein Schreiten auf Verästelungen würde in
neue Sackgassen führen. Wen haben wir auf alter,
goldener Straße, bei dem wir haltmachen können?
Dessen Urlaute auch in uns noch gleichgestimmt Wider—
eelhslhhl Saar⸗Sänger⸗Bund fssum nerensshcsh Nr.
bejubelt wurde wie jenes auf ihr fußende, am Kammer—
musikabend des Klingerquartetts zu Weihnachten 1928
aus der Taufe gehobene Quintett. Solche Ansätze einer
»olkstümlichen Kammermusik sind überzeugend zu—
unftssicher. Musikstücke wie die wundervoll einfach
und doch zugleich melodievoll und stimmenreich aufge—
»aute Suite für Schülerorchester brauchen wir ja ge—
rade heute in einer Zeit, in der sich das musikalische
ßedürfnis von der Maschine, der Schallplatte, dem
»lektrischen Klavier und dem übersättigenden Radio
vieder zu den Urformen musikalischer Betätigung, zu
dausmusik und Kammermusik, zurückflüchtet. Wie
neisterhaft Rinkens die volkstümliche Stimmung von
Melodie und Taktmaß beherrscht, offenbaren die herr—
ich robusten, für eine Bauernkapelle geschriebenen
Wünschensuhler Tänze. Alle Tiefen der bäuerlichen
Zeele sind hier mit wenigen Strichen getroffen, und es
st eine Lust, die begeisterte Bauernschar nach Rinkens—
chen Weisen tanzen zu sehen, eine Lust zum Mit—
nachen! Unerreicht ist die Verwendung der feierlich—
ernsten Moll-Tonart zum Ausdruck für die fröhlichste,
kernige Jubellaune bäuerlichen Lebens. — Dieselbe
Schwenkung hat sich auch auf „vokalem“ Gebiete voll—
zogen. Vollständig durchgeführt ist die „Polyphonie“
in der „Heiteren polyphonen Suite für unbegleiteten
Männerchor“ (op. 42), im Jahre 1927 zum Deutschen
Sängerbundesfest in Nürnberg uraufgeführt. „Dia—
onisch“ (Gegensatz von „chromatisch“) verlaufen die
Linien in der „Heiteren polyphonen Suite für ge—
nischten Chor“ (op. 44). Dasselbe Bild in der
„chorischen Kammermusik“. Ueberall weht wieder nach
einem versuchsweise gewagten Abstecher ins fremde
Land der Verstandesmusik in Rinkens Werken klare,
melodiegetränkte Luft, in der das einfache musikalische
Bemüt kräftig atmen kann. Hier kann Rinkens mit
»ollem Herzen schaffen, denn er schafft aus dem Grunde
eines ureigensten Wesens. Bekenntnis zum Leben heißt
ein Schaffen, Pulsschlag und Klang der Lebensfreude,
indlich froh und frei wie das Waldvöglein, unbe—
chwert vom Verstandesmäßigen und vom Todesernst
in harmlos-weltlich Gezwitscher aus Liebe und Lied,
ꝛeligiösen Grübelns. Jede musikalische Größe wird
hm lebendiges Ganzes, Persönlichkeit; jedes Musik—
nstrument erhält seine eigene Seele, wird „auf Melodie
gestellt“, die seiner Klangart entspricht, in psychologisch
einer Ergänzung zu Bachs „Kontrapunktieren“ —
ein köstliches Beispiel dafür schon das Trio für Flöte,
bratsche und Cello (op. 38), das die Welt durch den
dasseler Rundfunk kennen lernte. In gleicher Weise
vird jede Stimme der Chormusik „charakterisiert“; aus
»er Ursprünglichkeit der Empfindung entsteht eine neue
Freiheit des Liedes, eine ungefesselte ‚Melodik“, die
ogar die Taktstriche entbehren kann; denn alle
Ztimmen sind „melodischer Organismus“ geworden und
jeben inneren Halt durch sich selbst, das heißt durch
hren eigenen Stimmungsgehalt, wie etwa auf dem
vebiet der Dichtkunst der sogenannte „Sagvers“ in
den Liedern der Edda. Das neueste opus 532 (Lieder
in alter „Villanellenart“ zeigt diese Kunst auf voll—
endeter Höhe; es erntete bei seiner Uraufführung in
Erfurt begeisterten Beifall.
Der neue musikalische Kraftausbruch des Künstlers
mit dem Register der Ursprünglichkeit hat Klänge ge—
weckt, die schon in seinem früheren Schaffen hin und
vieder stark gehört wmurden. Klände dramatisicher Bo—
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Wilhelm der Ältere und Wilhelm der Jüngere, dazu Fips der Hund.
hall finden? Bach könnte es kaum sein, denn wir sind
borläufig noch ganz und gar „unbachisch“. Wir Men—
schen mit „roter Aura“ — um mit Steiner zu reden
brauchen eine weltliche begeisternde „Polyphonieé“
eine gleichmäßig durchgearbeitete Vielstimmigkeit im
Begensatz zur bloß begleitenden Rolle der Neben—
stimmen). Rinkens sieht nun in Händel die Wieder—
berknüpfung von Kunst und Volk für unsere Zeit und
für das, was er ihr selbst als Tonkünstler zu sagen
hat, am klarsten vorgezeichnet. Händel sei mehr
Renaissancemensch“ und die entsetzliche „harmonische
Atonalität“, wird überwunden durch eine gesunde
„Polyphonie“, die den heutigen musikalischen An—
schauungsformen nicht ins Gesicht schlägt. Das bedeutet
eine gewaltige harmonische Rechtsschwenkung, ein Rück—
gang zum Klareren, Gewaltigeren und auch zum
Barockeren“. Ein Stück jener überholten und mehr
und mehr abgestreiften romantischen Harmonieform
zeigt noch das op. 48, eine „Toccata mit Prelude,
Fughetta, Capriccio für Klavier solo“. Die einfache,
schöne Linie der „Polyphonie“ ist wiedergefunden in
der herzerfrischenden „Suite für kleines Orchester“
ov. 48), die hei ihrer Uraufführundg ehonsn sftüsisch