Full text : 9.1931-1932 (0009)

Wiener Lehrer-A-cappella-Chor.“

ppuee

»urnf, Nr. 6

Mit großer Begeisterung wurde dieser Chor von uns allen
Lerwartet, und nun wir ihn gehört haben, dürfen
wir sagen, daß er unsere Erwartungen erreicht, ja in dem
Punkte, wo er am stärksten ist, eher noch übertroffen hat.
Einem so hedeutsamen Erlebnis gegenüber ist es nicht
genügend. einsach festzustellen, daßß es „großaxrtig“ war,
aund dinige Lobesworte hervorzusuchen, denn der Mäunerchor
ist eiwas zu Lebendiges bei uns, zu Wichtiges, als dah wer
uns nicht besinnen sollten, was von den Wienern zu
lernen ist.

ie verzweifeln? Sollen sie gedrückt heimgehen von einem
olchen Abend? Turchaus nicht. Denn wir hörten und
anden es bestätigt, Wagner-Schönkirch hat ein rein
ünstlerisches Ziel, ein entschieden und nur musi-—
alisches, die Mitglieder des Chores sind Künstler. Der
Männerchor als große Volksbewegung ist aber keineswegs
eine „rein künstlerische“ Angelegenheit. Das
nuß eingesehen werden, gar in einer Zeit, wo man sogar be—
»eutende Chorleiter in diesem Wahne befangen sieht. Der
Männerchorgesang ist eine Aeußerung des Volkes und nicht
»er Aesthetik, und wenn die allermeisten Sänger hundertmäl
Jlauben, sie rommen bloß zusammen, um Kunst zu treiben,
o ist es doch nicht wahr. Niemals wären sie dann dem
lustande, besonders den Franzosen so wichtig gewesen.
s8 find Triebe oon ganz anderer Herkunft und höchstem
Verte, es sind solche zu bluthafter Gemeinfchaft,
belche die Seele des Männerchorwesens ausmachen, Re—
ungen, die eine solche Gemeinschaft brauchen, um auf Grund
hrer, auf Grund des Zusammenstehenwollens und Müssens
inen ganz eigenen Idealismus zu entwickeln, und dieser
lefühlsgefättigte Jdealismus ist es, der dem
Rännerchor als Volkserscheinung nichts
gachst. Als Gefühyl ist dieser Idealismus in allen echten
Nännerchorgesangvereinen vorhaüden, darauf Lommt es an.
der verständige Verstand vermag oft nur ungenügende
zymbole aus der Gefühlsintensität zu erzeugen, das leügnen
vir gar nicht. Trotzdem darf man den deuntschen Männer—
horgesang ruhig als eines der merlwürdigsten, ja noch
nn spießerhaftem Zustande rührendsten Zeugnisse des un—
usrottbaren idealsten Hanges unseres Volkes bezeichnen,
ind wer nicht hier seine Bedeutung sieht, der ist daran,
elbst wenn er noch so sehr künstlerisch arbeitet, den Män—
lerchor zu untergraben. Auch die Frage, ob die Münner—
zöre sich zu gemischten umbilden sollen, kann nur gestellt
verden, wo man den Wesensgrund des Männerchorgefanges
uicht ersaßt gat. Daß der gemischte Chor rein müsikélisch
»em engen Satz des Männerchores weit ühberlegen ist, darüber
ann doch kein Vernünftiger auch noch um Beweise grübeln
vollen, es liegt ja am hellen Tage. Aber warum haben
ie Menschen seinerzeit die Vereinigungen gerade so und
richt anders gegründet? Etwa weil sie so viel dümmer
varen als wir und eine musikalische Binsenwahrheit nicht
rkannten? Nein, weil sie einem Instinkt folgten, der Ge—
zreinschaft wollte, Gesinnungsgemeinschaft, Zusammen—
tehen, Treue, idealistische Lust zu einer Sache, und zwar
netypisch männlicher Art. Dies war das erste, die Pflege
eutschen Lieds erwies sich aber als hervorrägend geeignet
um Erleben des angestrebten Guts, zum häufig kaum be—
vusßten Erlebnis dieses Guts. Erst als drittes kommt dann
ie Notwendigkeit, auch musikalisch richtig und ersreu—
ich zu singen, weil nämlich nur dann der innere Gehalt
essen, was erlebt werden soll, mittels der Lieder wirklich
erauskommt und gerade die Mühe um das gemeinsame
zchassen das Gemeinschaftsgefühl zum Klingen bringt. Ich
jalte es für sehr wichtig, sich über diese Tinge etwas
larer zu werden als meist der Fall ist; eine Menge Müdig—
eit von Vereinsleitern, falscher Ehrgeiz von Vereinen, unñ—
ingebrachtes Lächeln würde mit einem Schlag beseitigt und
's geschähe dasür etwasß für unser gänzes Volk nicht
Inwichtiges, denn so gewiß das Erstehen des Männerchor—
vesens ein vollgültiges Zeugnis unserer Gesundheit war,
o gewiß ist die jetzige Kriselei nur das Zeugnis mängelnder
zInstinktsicherhett. Auf diese muß der Nachdruch verlegt
verden. Ist man hier festgegründet, so ergibt sich aller—
dings das Streben nach musitalisch anständiger, sa hoch—
getriebener Leistung ganz, von selbst, und wird unerläßlich,
»arf es auch werden, weil der Boden fest ist. Nicht aber
imgekehrt! — Ich hoffe, man mißversteht mich nicht so, als
ei ich der Meinung, auf die musikalische Leistung lomme
s nicht an. Das Gegenteil meine ich. Aber meine Be—
zründundg ist anders und geht von dem aus, was weseni⸗
ich ist am Männerchor und was man oft übersieht, zum
S„chaden der Sache.
Kehren wir jetzt nochmal zu dem Wiener Chor zurück.
VWir dürfen ihn als Muster und aneiferndes Beispiel im
Zingen nehmen, ja müssen es. Wir empfinden übrigens
iinheimelud so Vieserlei as miltteiha Mänmnslie r

In dent Heft mit den Liederterten findet sich eine kle me
„Ehorgeschichte“, die erzählt, der Chor sei 1919 von Hans
Wägirer-Schönkirch gegründet worden, durch den
Krieg aufgelöst, 1920 aber, in neuer Umsormung wieder
hergestellt. Dann aber folgt das, was für uns wichtiger ist,
die Angabe, was Wagner-Schönkirch eigentlich will, was
sein Leitgedanke ist: „Der Chor hat sich die Aufgabe ge—
sttellt, durch möglichste Volkkommenheit seiner Vorträge den
Gipfel der Kunst in der, Wiedergabe mehrstimmiger A-capbella«-Chöre
 zu erreichen“. Er ist „eine rein künstleriscchhe
 Vereinigung““ Hieraus folgt logisch, daß nur er—
lesene Stimmen, daß nur musikalisch Gebildete Mitglieder
ein können, daß Partiturstudium erfolgt und dergleichen
mehr. Können durchschnittliche Männerchöre das nachmachen
und sollen sie es?
Ehe wir diese Frage beantworten, fragen wir erst, ob
die Wiener in der Tat das leisten, was sie anstreben. Man
darß unbedingt sagen ja, sie leisten es, und sogar in einem
überraschend hohen Maäße.' Das beste an dem Chor ist seine
Alangwirkung. Die ist ganz auserlesen. Es gibt Leute,
die sagten, ja, aber die Tonmasse ist nicht so stark, wie ich
sie mir vorgestellt habe. TDas ist verkehrt. Wagner-Schön—
kirch gibt selber an, daß er sich die Wirkung als die eines
„subtilen Kammerstils“ vorstellt. Das ist sie auch. Und
zanzx mit Recht wird hier nicht materielle, sondern qual—
kative Hochleistung angestrebt. Man kann nur mit selbst—
bergessenem Entzücken dieser Tongebung lauschen, die merk—
dar einem besonderen, körnig aufgehellten Klang gehorcht.
Nur Stimmen, die solcher hochgeschmacklichen Auswahl ge—
nügen, sind eingestellt worden. Darin liegt etwas ganz
en ja, das Besondere und Außerordentliche des
Chores. Man kann das nicht hoch genug stellen, nicht ernst
genug würdigen. Die Chorleistungen sind ein musikalisches
Freignis. Wie zu erwarten, finden wir auch in Ausdruck,
Benauigkeit, Beseelung, Erfassung des Stimmzusammen—
zanges, kurz im Hervorzwingen des formal-müsikalischen
und geistigen Gehaltes eine sehr hohe Stuse. In der Be—
vältigung dieser Tinge sieht man den Musiker und Menschen
Schönkirch noch umrissener. Gelegentliche Ueberzeichnungen
leiner Motive, scharse Augenblicksexpressivos auf Koften
zornehnt einheitlicher Großlinie, ganz vereinzelt ꝛ»inmal
ein Annähern an Empfindseligkeit berühren eher sympathisch,
jsie stellen den Zusammenhang mit dem Wurzelgrund her,
hringen Erdgeruch mit sich. Bezwingend ist dos volle, ge—
ättigte Piano des ganzen Chores, ebenso das meisterhafte
Unterteilen, die Dürchsichtigkeit der Stimmen, auch das
Sprechen bezeugt die besondere Schulung, wenn auch der
‚rasende, heulende Nord“ ziemlich geschluckt wurde.
Was ist nun angesichts solcher glänzenden Leistung sür
unsere Männerchöre überhaupt zu sagen und besonders für
solche, die reineswegs in ihren Mitgliederreihen großenteéils
Ausgebildete Musiker und erwählte Stimmen haben? Sollen

2) Wir entnehmen diesen Auffsatz dem Fränkischen Volksblatt
in Würzburg. Unsern Lesern ist es nicht unbekannt, daß
vir in einer Reihe von Fragen, namentlich der Ein—
eziehung der Mädchen und Frauen in unsere volkstüm—
liche Kunstpflege, in unsere Vebens- und Kulturgemein—
schaft, ferner über Inhalt und Umfang unserer künst—
erischen Mission überhaupt eine abweichende Meinung von
der des Verfassers haben Dr. Oskar Kloeffel eröffnet aber
o feine Einblicke in die Welt unserer lieben Wiener und
zibt darüber hinaus so wesentliche Anregungen für unsere
Männergesangvereine, daß wir diese Abhändlung gerne
unserm Leserkreise unterbreiten Die Schriftleitunñg.
            
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