Full text : 9.1931-1932 (0009)

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VIID Saar⸗Sänger-Bund p

*IIP Seite

Wilhelm Rinkens.

Eine biogeaphische Skizze.

Wihem Rinkens, der Rheinländer von Geblüt
mit dem thüringischen Herzen, ist ein Vertreter
moderner deutscher Tonkunst, in dem sich ihr Ausdrucks—
grund echt und ehrlich bewahrt hat. Die Musik muß daher
ihre durch den heutigen kulturellen Wirrwarr bedingte
„Krise“ in einem solchen Künstler hellbewußt leben,
— D
Ueberwindung jener so verhängnisvollen Krise ist eben
gerade der kraftvolle, urwüchsige, aber bei dem festen
Stand auf den Schultern der Ueberlieferung ins Un—
gewisse getauchte Rückschlag der deutschen Künstlerseele.
Das Problem künstlerischen Schaffens geworden ist
heute die Spannung zwischen „Harmonie“ und „Me—

Hugo Kaun bei Wilhelm Rinkens in Eisenach.
lodie“. Allerfeinste Kleinarbeit harmonischer Spitz—
findigkeiten, eine zu „Atonalität“ — (einer jener herr—
lichen, unübersetzbaren Fachausdrücke in der neuen
Musik) — gesteigerte Künstelei musikalischen Denkens
hält den Urlaut der einfachen Seele nieder, denn die
vererbte Kulturform darf vom Tonschöpfer der „Schule“
nicht ungestraft verlassen werden. Das ist die Fessel,
die auch den starken Musiker zum Spaziergang auf
wohlgehüteten Parkwegen verpflichtet, während draußen
das arme Volk sich wundert, daß es nichts versteht
vom fürstlichen Tun der Fachleute, und angewidert vom
Geplärr der Gassenhauer nach dem Künstler dürstet,
der der Melodie des Volkes begeisternden Ausdruck
gibt. Hier liegt der tiefere Grund des musikalischen
Problems. Wer kann sagen, welches die „Melodie“
unseres Volkes heute ist? Von Zwiespalt zerrissen,
weiß unsere Volksseele noch nicht wieder, was sie will.
Sie braucht noch Entwicklung zu sich selbst zurück. Ueber
volkskundliche Kleinarbeit und stückweise Selbstbesin—
nung wird es gehen müssen, ehe der einheitliche Puls—
schlag wieder da ist. Das spürt die Musik am deut—
lichsten, wo sie noch volkstümlich geladen ist. —
Wilhelm Rinkens ist einer von den kulturbewußten
Künstlern. dessen Musik dieses ganze VProblem in

seiner Schwere und seinem verhängnisvollen Ernst
ahnt. Er hat die Voraussetzungen dazu: das Ver—
wurzeltsein im deutschen Volkstum mit allen Herz—
fasern und das überragende Können des schulgerechten
Virtuosen und Tonkünstlers. Er hat die quellende
Kraft dazu, die auf dem Feuerland frohmütigen Lebens—
dranges wachsende nimmermüde Stoßkraft, die, von
Begeisterung getragen, jederzeit neues Werden in ver—
holzende Formen pulsen kann, die ihn nie zum Knecht
eines toten Aeußeren, eines überkommenen Gewandes
oder einer Mode werden läßt, sondern die Form über—
steigert und, wenn es sein muß, zerbricht. Er hat
die kindliche Ehrlichkeit des deutschen Musikers, die aus
unmittelbarem Erleben schöpft und gibt und alles gern
tut, was des Volkes ist. Sein fester Boden ist die
Wirklichkeit, das rollende Leben, die Gegenwart, das
Jetzt. Aus den Augen leuchtet ihm des Rheinländers
schelmische Art, das Lachen der unverbesserlichen Ver—
trauensseligkeit, die Tugend der Jugend: Hoffnung
Als Künstler wie als Mensch aus einem Guß, kenn—
zeichnet ihn sein köstlicher Humor auch als Tonkünstler
am besten: wenn er, der gefeierte Thüringer Lieder—
meister, vor einem sechssstausendköpfigen Sängerchor als
bequemes erziehendes Mittel einen Trompeter zu sich
ans Dirigentenpult heraufholt und ihn die Melodie
erst einmal „ins Unreine“ blasen läßt; wenn er nach
weiter Reise eine sehr alte Dame herzlich begrüßt mit
den Worten: „Ich freue mich, daß ich Sie noch ange—
troffen habe!““ wenn er bei seiner Einführung in die
Eisenacher Gesellschaft im Jahre 1906 dem zerstreuten
Professor, der ihn der zufällig anwesenden Prinzessin
von Meiningen vorstellen soll und nicht gleich auf
seinen Namen kommt, verbindlich zuruft: „Sagen Sie
cuhig „Wilhelm“!“ — so sind das Kostproben eines
unmittelbaren Sprühens, in dem sich Stimmung frisch
und frei Bahn bricht. Das Fehlen jedes ängstlichen
Brübelns entlastet sein Schaffen und ist auch der Grund,
veshalb für ihn der Gegensatz „musikalisch — musi—
kantisch“, den man gern für Rinkens bereiten möchte
so Idachim Bergfeld in der sehr reifen Abhandlung
„Wilhelm Rinkens zum fünfzigsten Geburtstag“ in
„Ton und Takt, Thüringer philharmonische Blätter“,
Nr. 4, Juni 1929, wo Rinkens als „der ideale Ver—
treter des musikantischen Typus“ hingestellt wird), tat—
ächlich nicht besteht. Es ist dies im letzten Grunde der
Angelpunkt seiner noch wenig erkannten und benützten
dramatischen Begabung. Auch schwere Schicksalsschläge,
die den jetzt Fünfzigjährigen im Laufe seines arbeits—
reichen Lebens nicht verschonten, haben seine „Jugend“
nicht verhärten können. Jung und zukunftsfroh lebt
er dem Fortschritt deutscher Tonkunst: ob er in die
Tiefen des Volkstums greift und den Wünschensuhler
Bauern! für ihre urwüchsigen Tänze wesensnahe
Musik schreibt: ob er das deutsche Lied weiter von

Vergleiche Thüringer Monatshefte 1929, Seite 203
bis 220; ferner Dr. Héinrich Alexander Winkler: Linsen—
barths Thüringer Volkstänze. Verlag L. Bartenstein,
Gerstungen 1928. — Eine große Ausgabe dieser Tänze
durch Dr. Heinrich Alexander Winkler mit Originalmusik
don Prof. Wilhelm Rinkens, Tanzfiguren von Graphiker
Milli KGrücer Mufha und BRilder in Norhbopeitund
            
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