Full text : 7.1929-1930 (0007)

Nr.

3
3 NMliun

un Saar⸗Sanger⸗Bunde

a Seite 638

Wer diesen Chor hört, der lernt.

Der Wiener Lehrer⸗A⸗-cappella⸗Chor.

Dieser Chor ist keine Ansammlung sangesbeflissener, be—
SDfrackter, befreundeter Herren, die wöchentlich einmal
ihrer bösen Ehehälfte oder der Oede ihres Junggesellen—
daseins entweichen wollen, dieser Chor hat rein gar nichts
oon der Bierbank an sich, er politisiert nicht, er bieder—
neiert nicht — er betreibt nur eines — er singt. Aber
dies mit Inbrunst, aus der Tiefe seiner Seele heraus.
Dies ist das Geheimnis der Schönheit dieses Chores. Der
erbittertste Feind der engen Harmonie der Männerchor—
nusik verstummt vor der Weite, die sich da auftut. Eine
stets gleichbleibende Zahl von Sängern, 60 an der Zahl,
an Stimmbegabung, Musikalität, ja Stimmfarbe sorgfältig
aneinandergepaßt, ist hier mit größter Sorgfalt zu einem
stlangkörper von seltener Schönheit zusammengeschweißt.
Diese Art der Chororganisation ist ein wahres Ei des
Kolumbus. Sollte man meinen, daß erst entdeckt werden
mußte, daß ein Chor doch nur die Addition von Sanges—
fähigkeiten ist und daß die Qualität, nicht die Quantität
der Chorstimmen entscheidend ist. Wer wußte das nicht
und wer richtete sich darnach? — Es sind nun zehn Jahre,
daß dieser kleine Chor durch die völlig neue Art seiner
Organisation, die unter andern auch die altgeheiligte Auf—
stellung aufhob, sich mit einem Schlage in die vorderste
Reihe des Wiener Musiklebens stellte. Er erwies sich in
zahlreichen Auslandsreisen, besonders aber in dem alles
Neue in Grund und Boden schimpfenden Oesterreich als
ein einziges, vielbesaitetes, kostbares Instrument voll
adelig-bestrickendem Wohlklange. Die bisher unerhörte
Intensität seiner Ausdrucksmöglichkeiten ist der Triumph
einer wahrhaft eisernen Diszipphin und wohlbedach—
en Organisation. Der Chor ist aristokratisch abge—
schlossen wie ein Geheimbund, er hat endlich mit dem Vor—
urteil gebrochen, daß der Wert eines Chores mit der An—
zahl der Mitglieder steige. Es ist ausgeschlossen, daß in
diese Gemeinschaft ein Nichtskönner sich eindränge, der
janze Chor stünde wie ein Mann gegen ihn auf. Alles
die freie Entwicklung der Kunstleistung Beeinträchtigende
vird sorgfältig ferngehalten. Es gibt z. B. bei den Auf—
führungen keine Notenblätter, die man sich vor den Mund
halten könnte, es gibt auch keinen Vergnügungsausschuß,
um Leute zu halten, die sich ohne begleitende Hetz keine
Kunst vorstellen können, es gibt auch keine überall drein—
redende Vereinsehrenmummelgreise, die Traditions-Erinne—
rungen, aber keine Stimme mehr haben. Es gibt hier auch
einen Schulmeisterstab, der drohend auf wackelige Mittel—
timmen hinsticht, es gibt nur eine ruhige, leitende Hand
ohne Taktstock, die unauffälligen, aber wissenden Gebärden
eines Chorleiters, der im Blick seinen Willen zeigt. Aug
in Aug, ohne Notenblatt, stehen sich Chor und Dirigent
gegenüber. Die große Exaktheit der Rhythmik und Dyna—
mik dieses Chores beweist aufs Neue, daß alles wild—
gestikulierende Herumdirigieren gar nichts ausmacht, daß
auch das vprachtvollste Ausstellungseremplar eines noch so

Die Kunstsendung des Wiener

Das waren Feststunden seltenster Art, zu welchen der
RLehrer-A⸗-cappella-Chor Pilger aus nah und fern
eingeladen hatte. Er war erschienen als der begnadete
Sendbote der Kunst des Männergesanges zur Andachtübung
im Allerheiligsten dieser Kunst. Allüberall, wo dieser
Meisterchor — seiner Stärke nach nur ein Taschenformat
der großen Konzertvereine Wiens, allerdings in Lucxus—
»and und Prachtausgabe — erscheint, schart sich eine be—
geisterre Kunstgemeinde um ihn, und die Konzertberichte der
GnFdIM, do Mussandee Tind von hächston

vorteilhaft seine Auslage arrangierenden Dirigenten wert—
'os ist, daß vielmehr jeder Körperschaft vor allem ein
Erzieher nottut. Und solch einen Erzieher besitzt der
dehrer-A-cappella-Chor an seinem Dirigenten lrofessor
dans Wagner-Schönkirch. Selbst ein ausgezeichneter Kom—
»onist, seit Jugend mit dem Chorklange vertraut, gibt es
üc ihn keine Schwierigkeiten der Materie. Daß er ein
servorragender Dirigent ist, wäre nichts Besonderes, was
den Mann unschätzbar macht, ist aber sein Organisations—
alent. Früher Dirigent mehrerer hervorragender Vereine,
st es ihm erst spät gelungen, sich sein Idealinstrument
u bauen. In Wagner-Schönkirchs Art, sich zu seinem
shor zu stellen, lebt die Art der alten Kantoren, deren
hor ihr Leben, ihre Familie, ein Teil ihres Selbst war.
luch mit Wagner ist ein Chor verwachsen, er fanatisiert
hn, und die durchwegs jungen Leute folgen ihm, weil er
ticht nur unbedingtes Beugen unter seinen Willen ver—
angt, sondern sich selbst vor dem Kunstwerk erniedrigt,
zem er gerade dient. Hier wird es keinem Komponisten
assieren, daß er vom Chor als Rahmen zu dem eigenen
zitel bespiegelten Bilde behandelt wird. Daß die Organi—
ationsprinzipe dieses Chorleiters die richtigen sind, zeigt
zie einfach magische Wirkung des überaus edlen Chorklanges,
dem jeder Hörer unbedingt unterliegt. Der einfache Grund—
atz, der doch in der Architektur längst bekannt ist, daß
naterialgerecht gestaltet werden muß, daß ein echtes Kunst-—
verk aus falscher Monumentalität und minderwertigem
Materiale, aus Kleister und Pappe nicht zusammengesetzt
verden kann, diese Binsenwahrheit, ist ins Chorwesen noch
mmer zu wenig gedrungen. Hier erfüllt unser Chor eine
Mission, indem er ein lebendiges Beispiel ist, daß Chor—
ragen Organisationsfragen sind. Hans Wagner-Schönkirch
jat sich als wahrer Bahnbrecher erwiesen. Er hat vor
illem erkannt, daß nicht Quantität, sondern Qualität das
vahrhaft Maßgebende ist, daß ein einziger schlechter Sänger
ine Gefahr für den ganzen Chor bedeutet. Er erntet aber
ruch die Früchte seiner eisernen Grundsatztreue. Durch
ein überaus vorsichtig ausgewähltes Material wird es ihm
nöglich, frisch zur eigentlichen Arbeit heranzutreten; dies
jeschieht nicht nervbös und verärgert durch zaäahllose Ein—
zaukerproben an Einzelstimmen. Wenn er den Meißel an—
etzt, ist es nur zum bosseln und ausfeilen, nicht zu er—
nüdender Roharbeit am Werkstücke der einzelnen Stimme.
zhm bleibt für seine wohlvorbereiteten, intelligenten Sänger
ille Kraft zur eigentlichen Tätigkeit des Dirigenten — für
»as Beseelen. Durch den Vorgang, daß alles durch Hilfs—
räfte für sein Kommen vorbereitet wird, empfindet der
Lhor seinen Meister als geistigen Berater, nicht als Ab—
richter, der Leistungen mit Gewalt erzwingt. Die Eben—
zürtigkeit des Chores und seines Dirigenten ist das Ge—
zjeimnis. Wer diesen Chor hört, der lernt.
Joseph Lorenz Wenzel,
Professor an der Hochschule für Musik, Wien

Cehrer⸗A· cappella⸗Chores.
dob erfüllt ob der Trefflichkeit seines Könnens. Es sei
»aher auch uns gestattet, zu seinem Preise das Wort zu
iehmen, geschieht es doch in ehrlicher Begeisterung und
ils Ausdruck des tief empfundenen Dankes, der Hunderte
»on Herzen erfüllt; denn noch singt es und klingt es wie
wiger Nachhall in der Brust. Wie heiliger Opferdienst auf
»em Altare der Kunst mutete dieses Konzert an; wer
bnnte da unfrommen Gedanken nachhängen? Der Vor—
‚ang schwebt empor, und der Anblick der berühmten Sänger—
—
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.