Full text : 7.1929-1930 (0007)

Seite 54 I

Saar⸗Sänger⸗Bund

Nr.

satorisch manches anders, besser sein. Wir wollen uns
deshalb auch weiter in scharfer Selbstkritik
tärken und uns freuen in der Ueberzeu—
gung, daß es für uns Sänger keinen Still—
stand gibt und keine Vollendung. Wer auch
nur einen Hauch deutscher Kunst verspürt hat, der
weiß, daß sie ewig neue, ewig junge Aufgabe ist. Nur
ver mit dem Dichter beten kann: „Und häng den
Kranz, den vollen Kranz, mir höher in die Sterne!“,
der verdient den Namen eines deutschen Sängers, nur
der ist innerlich Mitglied des Saar-Sänger-Bundes.
Die Trägen und Satten, die Stumpfen und Fertigen,
die Schwachen und Feigen — sie gehören nicht zu uns
und also nicht nach Neunkirchen! Dankaber, herz—
lbicher Dank Euch allen, die ihr an das Ge—
lingen dieses großen Sängertages ge—
zlaubt habt, die ihr die Kraft hattet, die

eigenen Beschlüsse nicht trotz — nein,
wegen der großen Schwierigkeiten durch—
zuführen, die Ihr freudig die kleinen
persönlichen Opfer für die große Sache
gebracht habt, die Eure Sache ist, die Ihr
durchdrungen seid von der Richtigkeit
und Wichtigkeit unserer großen und festen
Bundesgemeinschaft!
In diesem echten Sängersinne ist Neun—
kirchen ein Durchgang zum richtungklaren,
energischen Weiterstreben, ist dieser Tag
der deutschen Kunst, des deutschen Kultur—
gedankens in der Stadt der Werktätigkeit
schwerste und deshalb schönste Zukunfts—
verpflichtung für den Bund und alle seine
Mitglieder. In diesem Geiste Glück auf!
Hans Bongard.

Die Einbeziehung der Frauen und Mädchen in die Bundesarbeit
Vortrag des Bundesschriftführers auf dem Bundestag in Bous.
eh⸗er die hohe, segensreiche Bedeutung der dieses von überalterten Führern geleitete Heer — Herzog
N Tradition spricht sich Schiller einmal im Ferdinand von Braunschweig war 71 Jahre alt — bei
Wallenstein“ aus: Jena und Auerstädt 1806 zusammen. Es rächt
„Weh' dem, der an dem würdig alten Hausrat sich bitter, venn man nur von der Tra—
Das teure Erbstück seiner Ahnen, sihm rührt, dition leben will! Wahrlich, auch unsere
Das Jahr hat eine heiligende Kraft, Männergesangvereine können sich auf eine
Was grau vor Alter ist, das ist ihm göttlich. ruhmvolle Tradition besinnen. Im Jahre
Sei im Besitze, und du wohnst im Recht 1809 gründete Karl Friedrich Zelter in Berlin die
Und heilig wird's die Menge dir bewahren!“ »erühmte „Liedertafel“, die in des Vaterlandes höchster
Und Städte wie Saarbrücken, Merzig, Saarlouis und Not sich die Aufgabe gestellt hatte, das deutsche Lied
neuerdings St. Ingbert konnten ihr feines Verständnis zu pflegen, durch das deutsche Lied mitzuhelfen am
für geschichtliche Vergangenheit nicht trefflicher zum Aufstieg des Voterlandes aus Schmach und Verzweif—
Ausdruck bringen als durch die fachkundige und sorg- ung. Und dann wuchsen überall in deutschen Landen
same Pflege ihrer alten Bauwerke, Kunstwerte, bäuer- die Liedertafeln hervor und sammelten deutsche Männer
licher oder bürgerlicher Ausstattungs- und Gebrauchs- zu edler Geselligkeit und zu frohem Singen. Leicht
zegenstände im Stadtbild oder in besonderen Heimat- dätten die Männergesangvereine in der Geselligkeit ver—
museen. Gern beschwöre ich mir in dem vorbildlich Tachen können, wenn sie nicht in ihrem künstle—
geleiteten Heimatmuseum der Stadt Saarbrücken einmal vrischen Streben gleichen Schritt gehalten
in einer Feierstunde, die ich mir abringe, den Zauber zätten mit der Entwicklung der deutschen
dergangener Tage zurück, voll Ehrfurcht gegen die Kul- Musik. Tatsächlich sind hunderte von Vereinen in
tur unserer Väter, gegen die kunst- und kulturstarke dieser flachen Bierseligkeit zu Grunde gegangen, weil
Vergangenheit Saarbrückens. Aber dann schreckt man ie von der Tradition leben wollten und sich gegen die
auf einmal aus seinen Träumen auf, wenn man das Entwicklung sperrten und so den Namen „Liedertafel“ in
Rattern und Schellen der auf dem Markt St. Johann Verruf brachten. Die aber ein feines Ohr hatten
tkreuzenden Elektrischen, das Rasen und Huppen der für die Forderungen der Zeit sicherten sich
Autos, den Lärm der Großstadtstraßen zu sich empor- hre Kulturbedeutung, wurden und blieben wahre
branden hört. Alle Achtung vor der Ver- LLiedertafeln'“, indem sie Schubert, Mendelssohn,
gangenheit — aber Saarbrücken konnte keinen Weber, Spohr, Kreutzer, Schumann, Löwe und den
Dornröschenschlaf halten. Die Zeit stellte ihre For- Meister des Volksliedes Friedrich Silcher zu ihren
derungen. Und Saarbrücken stellte sich mit seiner Ent- Schutzheiligen erkoren. Sie sind es, die den Eigen—
wicklung in den Rhythmus der Zeit. Es wuchs zur vert des Männerchors herausgestellt und seine
Großstadt. Entwicklungen lassen sich nicht RKulturmission begründet haben. Und sie sind
aufhalten. Wir sind Kinder des Zeitalters der zuch immer der Entwicklung deutscher Kunst
Maschine geworden; wir können nicht mehr in der Jefolgt und haben durch Hegar, Kaun, Neumann,
Beschaulichkeit leben wie man lebte, als der Groß- Moldenhauer Anschluß gefunden an das Kunstdater
 die Großmutter nahm. Sonst geht die Entwictk- schaffen der Gegenwart. Und ganz klar muß
lung über unsern Köpfen seinen Weg. Erschütternd »s ausgesprochen werden, daß der herrliche, kraftvolle
zeigen es uns die Befreiungskriege. Friedrich deutsche Männergesang sich wirklich noch nicht
Wilhelm III. hoffte einen modernen Kriegsmnann wie überlebt hat, daß etwas Herzerhebendes in dem
Napoleon schlagen zu können mit einem Heer, das angesbrüderlichen Zusammenschluß deutscher Männer
sich unter Friedrich dem Großen zwar fünfzig Jahre iegt und daß die Kunstform, die er pflegt, ein
früher gegen eine ganze Welt behauptet hatte, dann grünes Blatt am Baum deutscher Gegen—
aber auf seinen Lorbeeren eingeschlafen war und sich vartskunst ist. Männerchöre brauchen sich also
richt mit der Zeit fortentmickelt hatte Klädlich hrach oinesfalls einfach in gemischse EChßre u1824
            
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