Full text : 7.1929-1930 (0007)

I Seite 259

desse Stoffe haben die Komponisten zu einer Unnatur des
Männerchorstils verführt, der stellenweise zu einer Grimasse des
Gefanges geworden ist. Hierhin gehören auch die verkünstelt—
opernhaft aufgebauschten Volkslied-Bearbeitungen. — Wenn es
gelingen soll, den Männerchor hinaufzuheben, so kann es nur
geschehen, indem man die rein polyphone Kunst der Literatur
des gemischten Chors auf ihn überträgt und ihn aufbaut
auf wertvollste echte Lyrik und die sentimentalen Pfeudolyriker
aus seinem Bereich hinauswirft. — So habe ich es selbssl
gehalten, und ich denke, meine entscheidenden Gesänge der letzten
Jahre, die ich für Männerchor geschrieben habe, erweisen mein—
Einstellung zu diesem Problem. Prof. Waldemar v. Baußnern
Bisher entscheidet sich die Menge für den Männerchor. Da
hat man sein Vergnügen daran, da liegt doch wenigstens Kraft
und Feuer darin, da kann man nach der Probe schön eins
trinken und dabei singen, brüllen, nach Belieben, man kann
auch noch sonstwo hingehen. Dann kommen die schönen Sänger—
fahrten, bei denen dann unter anderem auch gesungen wird,
dann kommen die Gesangswettstreite, eine ganz amüsante Sache,
dlimbim, Alkohol, Festreden, bei denen immerfort das Wort
„deutsch“ vorkoremt, Siegespreise, die der Größe nach unter
die anwesenden Vereine verteilt werden. Das ist so das all—
zgemeine Bild. Natürlich gibt es auch künstlerisch sehr hoch—
tehende Männerchöre, die sich von dem Rummel fernhalten,
aber auch sie kämpfen in ihren Programmen dauernd mit einem
Mangel an durchweg erstklassiger Literatur.
Zur Besserung dieser Verhältnisse können die Dirigenten zu—
nächst nichts anderes tun, als die Männer allmählich musikalisch
aufzuklären, indem sie ihnen die Bekanntschaft mit Werken aus
der Gemischten-Chor-Literatur vermitteln und den Sängern.
die dem gemischten Chor noch fernstehen, recht viel freien Ein—
tritt zu ihren Aufführungen gemischter Chöre geben und sie
mit sanfter Gewalt dazu heranholen. So eine fertige Aufführung
anzuhören, macht auf einen richtigen Sänger Eindruck. Ein
richtiger Sänger kann gar nicht zuhören, wie andere singen, er
möchte am liebsten gleich mit aufs Podium steigen. Daran
erkennt man seine Leute. Dann geht man gelegentlich mit so
ein paar Herren zum Bier, und dann kommt die Rede auf
das Singen. Und dann fragt man: Warum singen Sie eigentlich
nicht im gemischten Chor, Sie, mit Ihrer Stimme? Dann sagt
der Sänger, ein Bassist: Ich kann im gemischten Chor nicht
singen, weil ich nicht bis zum d und e hinaufkann, ich
bin — und er sagt es mit Stolz — ein tiefer Baß. Darauf
erklärt man ihm: Ein é, ein e zu singen, ist für jeden Bassist
oon Natur möglich, und wenn Sie im gemischten Chor sich
erst an die vernünftige Mittellage Ihrer Stimme gewöhnt
haben, kommen Sie unfehlbar sicher auch in die Höhe; sehen
Sie sich doch die Bassisten an der Oper an. Glauben Sie,
daß die einen besonderen Kehlkopf haben? Im Männerchor
nutzen Sie aber Ihre Baßstimme gar nicht aus. Immer und
immer sitzen Sie tief unten, Ihr tiefes fund e ist ja
tadellos und so die ganze Tiefe, aber damit ist es dann auch
vie sie selbst sagen, zu Ende. Das ist keine gute Stimmpflege.
Sie legen Ihre Stimme (man muß öfters sagen „Ihre Stimme'““)
— Sie legen Ihre Stimme auf die Tiefe fest. Glauben Sie mir:
Wenn Sie die Mittellage fleißig üben, im gemischten Chor
nämlich, so erhalten Sie Ihre Stimme gesund und erhalten
sich Tiefe und Höhe zugleich. — Wissen Sie übrigens, daß die
Natur keine menschliche Stimme so umfangreich geschaffen hat
wie die Baßstimme? Der Baß ist die einzige Stimme, die
glatt zwei Oktaven Umfang, mühelosen Umfang, brauchbaren
Umfang hat! Vomekbis k, so daß es klingt, und dann können
die meisten von Ihnen noch ein ganz schönes tiefes e geben
— haben trotzdem das hohenf —, und einige von Ihnen
jaben noch ein genießbares tiefes d, und dann ist noch einer
mit dem dicken c, ja, es gibt hie und da ein Phänomen
mit dem b und a, und einen kannte ich mal, der sang
nach der Probe, nachts um drei Uhr, noch das g, G wie
Hustav, Tatsache, ich schwindle Ihnen nichts vor.
Also diese stimmlichen Bedenken gegen den gemischten Chor
assen wir bei den Herren nicht gelten. Ich beantworte die
Frage des Männermangels bei den gemischten Chören so:
Heusikalische Aufklärung der Sänger und Heranbildung von routi⸗
tierten und leistungsfähigen Frauenchören. Es kann nicht
genügen, das Männerchöorunwesen mit Wort und Schrift zu
hekämpfen, man muß das Gegenstück hinstellen.
Niveau.
Sie sehen, worauf denn alle unsere Fragen und Bemühungen
zinaus wollen. Niveau, auf deutsch Bildungsgrad, höherer
Standpunkt.

Die Frage nach dem Wert der Komposition ist für die meisten
Sänger, Vereinsvorstände und musikalischen Kommissionen über—
haupt nicht vorhanden. Die Frage ist von ihnen noch nite
gestellt worden. Unvergeßlich bleiben mir die erstaunten Ge—
sichter, als ich in einem über 70 Jahre alten Männergesang
verein bei einem Liede diese Frage vorbrachte. Die guten Leule
sahen mich so verständnislos an, als rede ich plötzlich chinesisch
Aber eigentlich, was wundert man sich über die Sänger‘
Auch die meisten Chordirigenten haben die Frage nach musi
kalischem Wert oder Unwert noch nie gestellt.
Die Gesangvereine müssen sich eben ihre Dirigenten nähe—
ansehen. An denen liegt es.
Man muß wissen, daß langjährige Praxis eines Dirigenten
nicht durchaus eine Garantie bietet, gerade die älteren Semester
können oft angezweifelt werden. Die Musiker und Dirigenten
der neueren Zeit sind besser durchgebildet als die vor 30
10 Jahren. Unter den älteren gibt es viele, denen gerade
durch den jahrzehntelangen Umgang mit den Männerchören der
letzte Rest von musikalischem Urteilsvermögen zugleich mit dem
etzten Rest von Widerstandskraft gegen unmusikalische Vereins
zorstände und „musikalische“ Beiräte abhanden gekommen ist
Auch die Staatsprüfungen sehen zu wenig auf das Wesentliche
Dieses wäre außer gesanglicher und pädagogischer Vorbildung
eine ganz gründliche Durchbildung in der Praxis der Kompo—
sition. Nicht, damit der Dirigent selbst komponiere — darau
kommt es gar nicht an —, sondern damit er den scharfen,
wägenden, kritisierenden Blick für die Qualität der Kompositior

H. Sender Nachfolger

—

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hekomme. So kommt er zum Verständnis und zur Hochschätzung
der Meisterwerke und zur Verachtung alles Halben, Schwächen
uind Verlogenen — die minderwertigen Erzeugnisse sind ja
Lrügen, sie sind Fälschungen, sie sind Ersatz im eigentlichen
Sinne, sie sind Gift für unser Volk, das, obwohl es gelegentlich
an armseligen Darbietungen sein lautes Vergnügen äußert, doch
mit dem unbewußten Verlangen nach dem Wahren und Echten
uimhergeht.
Im übrigen dürften wir, um im Volke tatsächlich zu wirken
in der Auswahl der Werke nicht ganz über die deh hinweg⸗
hantieren. Sonst wird der Kreis zu klein, und es komm
so heraus, als ob die Musik nur eine Sache der oberen Zehn—
tausend sei, eine Angelegenheit des Komforts, der besserer
debenshaltung, des vom Proletarier so genannten Bürgertums
Alles das ist die Musik von Natur nicht. Die Natur selbst weist
darauf hin, indem sie jedem Menschen eine Stimme gegeben
hat, ferner die verschieden hohen Stimmengruppen, Sopran
Alt, Tenor und Baß und in dieser Gesamtheit das unver—
gleichliche Instrument, den gemischten Chor, geschaffen
sat — (die Natur wollte den gemisschten Chor — die Engel
            
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