Full text : 7.1929-1930 (0007)

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VVIVVO Saar⸗Sänger⸗Bund sserrne

Ipppfhh Nr. 128

danach ein Phrasierungseinschnitt. Diese Auffassung ist deshalb
dinfällig, weil die ganze Zeile „Leb wohl, mein Schatz, leb wohl“
in musikalischer Hinsicht überhaupt nur eine einzige Phrase
ist. Daß da im Text an zwei Stellen ein Komma steht, kommt
dabei gar nicht in Frage. Man vergleiche hiermit auch das, was
ich in der zweiten dälfte des Abschnitles „Atemeinteilung“
gesagt habe.)
Die alte bange Frage der musikalisch unsicheren Leute: „darf
denn die Phrasierung ganz über den Text hinweggehen?“ ist
Allgemein niemals, sondern immer nur im besonderen
Falle zu beantworten. In diesem Falle so: der Phrasierungs—
einschnitt hinter „Leb wohl, mein Schatz“ widerstrebt, wie
zesagt, dieser einfachen, harmlosen Melodie, und man braucht
sich kein Eewissen daraus zu machen, ihn zu ignorieren. Dennoch
kann man ihn gelten lassen, wenn er nur nicht übertrieben
vird. Dies geschieht aber meistens. Ich habe die Stelle schon
so vortragen hören, daß das Wort „Schatz“ kurz abgerissen und
danach eine Pause gemacht wurde, die lang genug war, daß
man während derselben hätte Erfrischungen herumreichen können.
Dadurch ist die Melodie zerstört. Wenn man hier schon phrasieren
vill, wird man wahrscheinlich das Richtige schon dadurch treffen,
daß man den Sängern empfiehlt, an die Interpunktion hinter
„Schatz“ mehr zu denken als sie, knüppeldick, sicht bar zu
machen. Oder rein technisch ausgedrückt: man läßt die Sänger,
um den Einschnitt zu bekommen, keinen neuen Atem nehmen,
sondern man zeigt ihnen, wie man, ohne neuen Atem zu nehmen,
ibsetzt und wieder ansetzt; dies zu üben, ist sehr wichtig; es
'ommt oft vor in Fällen, wo, wie hier, durch das Einfügen
eines neuen Atems die Vergröberung des Vhrasierungsein—
chnmittes herbeigeführt würde

so werden sie sich entsprechend anstrengen müssen, und es
kann hart, spitz und dünn klingen. Es ist besser, wenn viele
mit mäßiger Kraft, als wenn wenige mit großer Kraft singen
Gut wäre es wohl, wenn man mehr als halb soviel Männer
hätte wie Frauen, also auf 50 Frauen, doch etwa 80 Männer
die Tenöre brauchen dann nicht zu krähen, die Bässe nicht zu
knarren und zu sägen.
Männerchor — Gemischter Chor.
Wo es nur Männerchöre gibt, sollte man, müßte man immer
die Herstellung von gemischlen Chören erstreben. Man müßte
in den Männerchören, zuerst ganz vorsichtig, dann gelegentlick
mmer wieder eine Bemerkung fallen lassen, wie: Es sei natür—
lich der gemischte Chor doch etwas anderes, etwas Besseres —
die klassischen Kompositionen! Nach der Probe, gelegentlich, ein
vespräch darüber, dazu ein paar Takte aus einem Werk für
zemischten Chor, ganz wenig, nur um überhauvt die Rede
darauf zu bringen.
Ich sehe aber die eigentliche Schwierigkeit in folgendem
Finen Frauenchor zusammenzutrommeln ist evtl. bald ge
nacht, aber nun, ihn vorbereiten, ihn einexerzieren! Wird kaum
anders zu machen sein, als daß man der Routine wegen, nicht
zum alleinigen Endzweck, Frauenchöre studiert. Später, um zu
iner Verbindung mit den Männern überzugehen, die Alt- und
Zopranstimme von Liedern etwa. Zunächst mit den Frauen
illein eine ganze Weile, vielleicht für ein ganzes Konzert
p»rogramm. Ddenn wenn man gleich den gemischten Chor zu
ammenzusetzen versucht, und wenn dann womöglich die Herrer
aus einem Männerchor stammen, also schon routiniert sind
die Frauen aber noch nicht, so werden sich die Männer lang—
veilen und das Interesse verlieren. Es kommt wieder daraui
hinaus, mit den Stimmengruppen einzeln zu üben.
Den Frauenchor also zu schaffen und einzuexerzieren, bevor
man mit dem gemischten Chor anfängt, das scheint mir die
Lösung der — Chorgesangsfrage unserer Zeit, das scheint

Stärkeverhältnis.
Zunächst zwischen Alt- und Sopranstimmen. Prinzip ist dabei,
daß der Sopran dem Alt an Klangstärke und Fülle nicht über—
egen sein muß, weil nämlich der Alt in der mehrstimmigen

—EUr —W— I
aschuhe chuhhaus Gcheuer ẽaarbrücen

Que

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Musik, auf die es amn meisten ankommt, eine ebenso selbständige
ind wichtige Partie zu singen hat wie der Sopran oder sonst
eine Stimmengruppe. Da nun aber die wirklichen tiefen Frauen—
timmen nicht in genügender Zahl zu haben sind und man also
in den Alt noch eine Anzahl von nicht ganz richtigen Altstimmen
hineinstecken muß, so muß man den Alt an Kopfzahl ziemlich
zroß machen, damit wieder dadurch Fülle hinein kommt. Alles
Nähere entscheidet das Ohr des Dirigenten. Findet man den
Alt zu schwach, so kann man ziemlich bestimmt darauf rechnen,
daß im Sopran einige sind, dir auch Alt singen könnten, dies
aber nicht gerne tun. Manche Damen glauben nämlich tatsächlich,
daß das Altsingen irgend etwas Untergeordnetes sei. Es iss
zorgekommen, daß ein Sopranfräulein auf Bitten des Dirigenten
mit Tränen in den Augen in den Alt hinüberging. Ich frage
mich ernstlich nach dem Grunde dieser Tränen. Ist es der
Abschied von der bisherigen Stimme? Ist es vielleicht die
Ansicht, daß die tieferen Töne unweiblich und unschön seien?
Ist es die Empfindung einer Art von Degradierung, von ent—
zogenem Vertrauen? Ueber diesen Punkt wird der Dirigent
aufklären müssen, und er muß von vorneherein fragen: Meine
Damen im Sopran, ist jemand unter Ihnen, der sich zutrauen
würde, Alt zu singen? Eventuell nur bis zur nächsten Auf—
ührung? Sotfort ist der richtige Standpunkt hergestellt.
Und nun, wieviel Männer braucht man für diese Frauen?
diese Frage ist schon sehr verschieden beantwortet worden.
In Kirchenchören sieht man leider oft auf 4 oder 5 Frauen
erst einen Mann. In anderen Chören hat man auf drei
Frauen einen Mann. In lettländischen Chören, die im Sommer
im Freien auf der Esplanade in Riga Sängerfeste veranstalten
und ganz hübsch singen, sah ich die Männer in erstaunlichen
Massen auftreten, fast so stark an Kopfzahl wie die Frauen.
Ich sage nicht, daß das nun richtig ist. Es wird aber leider meistens
nicht danach gefragt, welches Zahlenverhältnis das richtige ist,
man nimmt eben soviel, wie da ist. Sind zu wenig Männer da—

mir die Lösung der noch ungelösten Frage: Wie kommen wi—
yom Männergesang los, in den sich unser Volk ngengeram
hat und an dem unser Gesangswesen und Musikleben kran!
geworden ist?
Wie bekommen wir die Männer zu den gemischten Chören?
Frauen haben wir. So klagen die Kirchenchöre, aber auck
die anderen gemischten Chöre, Da ist nur eine kleine Gruppe
von Männern, die sich tatsächlich für den gemischten Chor
das heißt für die Werke von Händel, Bach, Mozart, Beethoven
Brahms, Bruckner usw., mit einem Wort für die eigentliche
Musik interessieven. Es ist ganz klar, daß die in der Minderheit
ind, daß die große Menge sich für den Männerchor interessiert
vo von diesen Komponisten überhaupt nichts gesungen werden
ann und wo nun zum größten Teil nur eine ganz gewöhnliche
Anterhaltungsmusik gepflegt wird — wenn auch bisweilen in
z»ester Aufmachung. Natürlich gibt es in der allerneuesten Zei—
ein paar bessere Männerchorkomponisten, aber das meiste, was
die Männerchöre singen, ist keine Musik, sondern — ich weifß
ticht was. Da stehen 70, 80, 150 Männer auf dem Podium,
auter gesunde, ansehnliche Herren, Leute, die im Leben ihre
Stellung, ihre Bedeutung haben. Die fangen mit einemmal an
om „Feinsliebchen“, vom „Schätzchen“', vom „Rhein“ (über—
haupt: der Rhein!), vom „Wein“, so daß, wenn man es
richt anders wüßte, man glauben möchte, daß man lauter
danswürste und Säufer vor sich hat. Und die Kompositionen
solcher Lieder! Wenn nicht, wie zum größten Teil, musikalisck
ninderwertigstes, armseligstes Zeug, direkt Dilettantenhaftes, so
ist es eine Art gesungener Instrumentalmusik, eine Art von dra—
matischer Musik, über die Waldemar v. Baußnern in der
„Saar⸗Sängerzeitung“ sagt: Es ist meine Ueberzeugung, daf
der Männerchor nur dann zu einer höheren Kultur zu bringer
sein wird, wenn die Schaffenden endlich einmal darauf ver—
zichten werden, orchestrale, illustrative Musik für den Männerchon
zu schreiben. Die Wahl dramatisch gestalteter Dichtungen, balsa
            
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