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— wisssl Saar⸗Sänger-Bund sIs
Vlh Seite 237
Haupt- und Nebensilben.
Beim gewöhnlichen Sprechen behandelt man die Nebensilben,
das sind die unbetonten Silben, meist ganz nachlässig. Beim
Singen müssen sie deutlich heraus, ebenso wie die Hauptsilben,
wenngleich sie gegen diese abgewogen werden müssen. Die
Auftakte sind ähnlich wie die Nebensilben zu behandeln.
Im allgemeinen wird man die Wortbetonung nicht durchaus
in die musikalische Betonung übernehmen. Die leichten Be—
tonungen in der zarten melodischen Linie sind feinerer Natur
als die sozusagen ordinären und alltäglichen Wortbetonungen
Ich widerspreche einer alten Ansicht, daß man die Musik richtig
bortrage, wenn man den Text richtig betone, ja daß man
Musik, die keinen Text hat, besser verstehe, wenn man sich
Worte dazudenke. Dergleichen Winke zeugen nicht von feinem
Verständnis, ich halte sie eher für groben Unfug. Als ob
man durch Worte zu Musik käme!
Portamento.
Wenn zwei oder mehr Töne aneinander gebunden werden
sollen, so muß es vermieden werden, daß von einem Ton
zum anderen hinübergezogen, hinübergeheult wird. Hier lehrten
die Gesanglehrer früher, der Chor müsse einen Ton aushalten
und dann auf ein plötzlich gegebenes Zeichen in den neuen
Ton hinübergehen. Auf diese Weise wäre keine Zeit zu dem
Uebergangsgeräusch zwischen den Tönen.
3 Methode ist einfach, aber sie führt an der Hauptsache
vorbei.
Es wird vielmehr so gemacht: Zwischen den beiden Tönen
nuß ein momentanes Nachlassen der Tonstärke stattfinden.
Das wird so bewirkt: Wenn der erste der beiden Töne zu
Ende sein soll, läßt man ihn ganz schnell, unmerklich, zum
Pianissimo herabsinken, und ebenso unmerklich schnell läßt man
den folgenßen Ton aus dem Pianissimo ansteigen, ohne daß
übrigens zwischen beiden Tönen eine Lücke entstanden ist. In
Wirklichkeit entsteht der Eindruck, daß die beiden Töne in
boller Klangstärke dicht aneinander kommen. Geübt wird das
indem man es zuerst ganz langsam macht, also mit deutlich
vahrnehmbarem Ab⸗ und Zunehmen zwischen den beiden Tönen
Später dann in der richtigen Weise.
Das hörbare Herüberziehen von einem Ton zum anderen
tennt man Portamento. Es entsteht dabei, wenn es nicht
Janz dezent, mit feinem Geschmack ausgeübt wird, der Eindruck
hes Heulens, Wimmerns oder Stöhnens, und es ist dann eine
rußermusikalische, unmusikalische Sache. In wertvollen Kompo—
sitionen ist es kaum jemals angebracht, es schwächt die Wirkung
des eigentlich Musikalischen ab, es verlegt die Wirkung vom
Musikalischen ins Profane, Naturalistische, eine Sache, über
die wir doch wohl hinweg sind. Das deutsche Lied, auch das
zute Volkslied, verträgt wohl kein Portamento. Es paßt
sesser für ungarische Weisen, schlechte Operettensachen, auch
ür russische Romanzen, dieses sentimentale Zeug, das die Russen
und leider auch die Deutschrussen mit dem entsprechenden Aus—
zruck singen.
Ueberzeugen Sie sich doch und hören Sie sich gute Geiger,
nicht im Kaffeehaus natürlich, sondern im Symphoniekonzert, an.
Beaͤchten Sie, mit welchem großen Ausdruck die Künstler spielen
ind wie klar bei cantablen Bindungen ein Ton neben dem
anderen steht.
her gar nicht an, vielmehr darauf, daß man es fertigbekommt,
in bestimmten Stellen, wo man es sich vorgenommen haf
»der wo es vorgeschrieben ist, tatsächlich zu atmen, das heiß!
atsächlich mit der Luft zu Ende zu sein und neu zu atmen
Dieses sogenannte Beherrschen des Atems ist wichtiger und
chwieriger als das sehr lange Aushalten mit einem Atem
worauf sich manche Sänger etwas einbilden.
Hat man zwischen zwei Tönen wenig oder keine Zeit, so darf
zie erforderliche Zeit nicht von dem soeben endenden Ton
zenommen werden. Man fsinge diesen vielmehr ruhig zu Ende
das musikalische Gefühl sorgt schon dafür, daß man beim
Wiederanfang nicht zu spät kommt.
Die Atmung hängt in gewisser Weise, wenn auch nicht immer
mit der Phrasieérung (musikalischen Sinngliederung) zusammen
Nach Möglichkeit nämlich singt man das musikalisch Zusammen
hängende auf einem Atem.“ Im Schlußchorag der Johannes—
Passion die Zeile: „Alsdann vom Tod erwecke mich“ ist eine
'olche Phrase, und sie paßt auf einen Atem, und der un—
nerkliche Einschnitt nach dieser Zeile vaßt zu der gleichfalls
inmerklichen Atempause.
Darf aber keine Atempause entstehen, wo dennoch geatmer
verden muß oder kann, wie in der letzten Zeile: „Ich will dich
—
die melodische Linie keinen merklichen Einschnitt bekommt, was
sehr schwer ist, was musikalischen Geist erfordert und dadurck
erreicht wird, daß man die zweite Silbe von „preisen“ erstens
wie gesagt, nicht verkürzt und vor allem, indenm man nicht die
vor dem Atemholen gehabte Tonstärke sinken läßt. Sehr schwer
auszuführen!
H. Sender Nachfolger
Inhaber: A. Gernsheimo
Saarbrücken 3
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Atemeinteilung.
Der noch ungeübte Sänger atmet an der Stelle, wo ihm die
duft ausgeht. Also erst wo Und hier schöpft er recht viel Atem,
und wenn er keine Zeit hat, so nimmt er sie sich.
Beides ist falsch Man muß vielmehr:
1. das musikalisch Zusammenhängende, die Phrase, nicht durch
Atmen unterbrechen, und 2. immer so wenig wie möglich Atem
schöpfen, das heilßt man muß nach der Phrase, auch wenn sie
Janz kurz ist, gerade mit dem Atem zu Ende sein. So werden
die kurzen Rufe „Wen“, „Wohin“ usw. in der Mathäus-Passion
mit je einem kleinen Atem gesungen. Ueberflüssige Luft
in der Lunge ist unbequem und ermüdet Leib
und Seele, ist also dem Gesange wie der Gesundheit schädlich.
Sehr wichtig, muß besonders geübt werden!
Hat man viel auf einem Atem zu singen, so muß man gleich
heim Einsetzen mit der Luft sparen, nicht erst am Ende, wenn
es einem schwarz vor den Augen wird. Der noch Unkundige wirft
gleich beim Einsetzen alle Luft aus der, Lunge heraus. Man
übe alle langen Phrasen immer mit quasi Piano-Kinsatz.
Man übe lange Töne und lange Phrasen überhaupt zunächst
m Piano.
Es ist nicht gesagt, daß immer möglichst lange Enden mit
einem Atem gesüngen werden müssen. Darauf kommt es nach⸗
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All diese Mühe macht man sich aber nicht wegen der Text—
interpunktion, wie manche glauben, sondern wegen des musi—
kalischen Zusammenhanges.
Dieser geht sogar vor: Am Anfang des Chorals „Ach Herr
— laß dein lieb Engelein“ möchte es manchem einfallen, der
Textinterpunktion wegen hinter „Ach Herr“ einen kleinen Ein—
schnitt zu machen. Das ist grundfalsch, es zerreißt die melodische
Linie, die hier gar keinen Einschnitt will noch verträgt.
Diese Erhaltung der Melodie ist im Falle des Zweifels immer
ausschlaggebend. Man könnte im Prinzip, ich bitte mich recht zu
verstehen, von einer gewissen Verachtung des Textes sprechen —
man wird immer wissen, wo. Wir sind in der neueren Zeit
so sehr ins Dramatische gekommen, daß uns dabei zum Teil der
feine musikalische Geschmack abhanden gekommen ist.
Ich lasse es bei der prinzipiellen Erledigung all dieser Fragen
beruhen. Im einzelnen kommt es auf den musikalischen Stil
an und auf die musikalisch-stilistische Einstellung des Dirigenten
Fortsetzung folgt.)