Full text : 7.1929-1930 (0007)

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d41 Seite 15

Nettes geplant hatten. Also schwieg ich hübsch still und
tanzte vergnügt die ganze Nacht hindurch.“ Erst am 2.
Januar ging sie zum Arzt, der sie sofort in die Berge
chickte.
Eine vorgeschriebene Ausbildung hatte sie für die Er—
zieherinnenstelle, die sie im Frühjahr annahm, nicht ge—
nossen. Dennoch unterrichtete sie 8 Kinder, die drei ver—
schiedenen Klassenzügen angehörten, in allen Fächern und,
vie sie später sah, nicht zum Schaden ihrer Schülerinnen.
Nachdem sie später in Berlin vorschriftsmäßig das
Lehrerinnenexamen abgelegt, wurde sie nach einer ganz
kurzen Lehrtätigkeit an einem im Entstehen begriffenen
Lehrerinnenseminar als Leiterin angestellt. Sehr bald er—
weiterte sich ihr Wirkungskreis in der Hauptstadt: Sie
vurde Mitbegründerin des Deutschen Frauen-—
vereins und half tatkräftig bei der Herausgabe von
Zeitschriften für die Frau. All ihre Arbeit lief darauf
hinaus, der Frau alle Bildungsmöglichkeiten zu erschließen
Ihrem unermüdlichen Arbeiten und Kämpfen haben wir
es zu verdanken, wenn Preußen im Jahre 1908 den Frauen
die Tore der Universität öffnete. Gegen Ende der neun—
ziger Jahre erlebte ihre Arbeit eine entscheidende Wendung.
Sie berichtet darüber: „Eine in ihrem Ursprunge laäange
rätselhaft gebliebenen Augenkrankheit mit schweren körper—
lichen Begleiterscheinungen nahm mir in ktückischem all—
mählichem Fortschreiten langsam jede Möalichkeit des Lesens,
Schreibens und intensiven Arbeitens. Meine Lehrtätigkeit
war damit aufgehoben: Ich war dankbar, die Leitung der
Kurse an den damaligen Direktor der Königl. Augusta—
schule, Prof. Dr. Wychgram, abgeben zu dürfen, der sich
stets warm für unsere Sache eingesetzt hatte. Die Vereins—
ätigkeit war auf das schwerste gehemmt. Ich fühlte meine
ganze geistige Existenz bedroht. Sekretärinnen von der
üblichen Art konnten mir nichts nutzen. Ich brauchte
semand, der mir vorarbeitete, der geistige Dispositions—
fähigkeit, umfassende Kenntnisse, die Möglichkeit der Ein—
tellung auf meine besondere Art mitbrachte; jemand, den
zu finden ich verzweifeln mußte. In dieser Zeit der
chwersten geistigen Not ist Gertrud Bäumer zu mir
gekommen. Ich brauche kaum ein Wort weiter hinzuzu—
fügen. Daß wir nun gemeinsam zunächst das „Fandbuch
der Frauenbewegung“ aufbauen konnten, daß ich
wenigstens meine Vereinstätigkeit fortzusetzen imstande war,
daß „Die Frau“ nicht Schiffbruch zu leiden hatte, son—
dern jetzt erst zu dem werden konnte, was mir vorgeschwebt
hatte, das alles hat mich in dieser Zeit schweren Leidens
mmer noch das Glücksgefühl empfinden lassen, das von
geistigem Schaffen untrennbar ist. Ja, daß neben mir jetzt
die Energie einer jungen, neuen Welterfassung meine Ar—
beit teilnehmend und verstehend mitförderte, wurde ein
geistiger Gewinn, der den schweren Verzicht fast eines
hollen Jahrzehnts auf eigenes, eindringendes Weiterstudium
in mancher Beziehung fast die Wage gehalten hat. Was
aber mehr als alles galt: Ich sah die Nächfolge gesichert.
Ich wußte, das Werk, an dessen Grundlagen ich mitgeschaffen
sJatte, war nun sicher, empor zu e, dem Licht ent—
zegen. Was ich persönlich nicht mehr zu sehen hoffem
durfte, die Zukunft würde es verwirklichen.“
Mit diesen Worten rollt Helene Lange die Bedeutung
von Gertrud Bäumer so klar auf, daß nichts hinzuzu—
fügen ist. Sie leitet heute das Schiff der Frauen als
Mäinisterialrätin in der Schulpolitischen Abteilung,
bertritt die fraulichen Interessen im Reichstage und in
Benf vor dem Völkerbund. Ihr Arbeitsfeld ist noch größer.
In der Zeitschrift „Die Frau“ bringt sie immer wieder
eigene Aufsätze. Man liest ihre Artikel in der Frankfurter,
in der Berliner und zuweilen auch in der Saarbrücker
Zeitung. In ihrem Buch „Die see lbische Krisis“ läßt
sie uns die Ursachen aller seelischen Nachkriegsnöte scharf
erkennen. Mit Lilli Droescher zusammen gab sie ein
Buch heraus „Pon der Kinderseele“, Beiträge zur
sKinderpsychologie aus Dichtung und Biographie, R. Voigt—
länders Verlag in Leipzig, aus dem besonders Mütter
reichen Aufschluß über Erziehungsfragen erhalten. Aus
der gesamten Likeratur sind mit feiner Hand Selbstbeob—
achtungen aus der Kindheit zusammengetragen, um die
senntnis der Kindesseele auf Grund konkreter Befunde
zu vertiefen und dadurch den durch Lehramt oder Eltern—
chaft berufenen Erziehern reichere, wärmere Teilnahme
aim Leben des Kindes zu ermöglichen. Frau Dr. Gertrud
Raüumer soßt heor vicht ur in dor Gnemarn Xrr ihrem

Buch „Frauengestalten der deutschen Frühe“
— Verlagsbuchhandlung F. A. Herbig, G. mab. Ha Berlin
W. 35 — sucht lie die deutsche Frau der Vergängenheit.
Sie will mit dem Buche unter die Oberfläche des tobenden
Alltags zu „den Müttern“ vordringen und die Quellen
vahren Lebens bloßlegen. In großer deutscher Kunst der
Vergangenheit sucht sie das Wesentliche, Bleibende, Un—
terbliche, die geheimnisvoll bildende Kraft neuen Lebens:
„Musik und bildende Kraft künden uns mehr von dem
Weson der Dinge als die unendliche, leichtbewegliche
Flut der Worte.“ Es kann Frauen aller Stände nur
mpfohlen werden, sich mit dem Schaffen beider Füh—
rerinnen unserer Bewegung ernst zu befassen. Man wird
ihre Bücher und Aufsätze nie ohne reichen inneren Gewinn
aus der Hand legen! K. M.
Der anz.

In dieser Frauennummer muß dem Tanz, an dessen
Aufwärtsentwicklung die Frau im Laufe von Jahrtausenden
o lebendigen Anteil genommen hat, besondere Beachtung
jeschenkt werden. Immer wieder ist die Form unter ihrer
Mithilfe mit neuem Inhalt gefüllt, beseelt worden. So
ging der Entwicklungsgang oft nach-, oft nebeneinander
vom Kulttanz über Volkstanz, Gesellschaftstanz, Kunst—
uind Bühnentanz zum Tanz als Mittel der Körperschulung,
ils Gymnastik. Man vergegenwärtige sich diese Entwick—
ungsreihe an wesentlichen Ausschnittent dem Tanz der
stenaissanee im ausgehenden 14. und 15. Jahrhundert,
zöfisch, zeremoniell, die Herren mit Barett und Degen,
die Frauen in schweren, langen Brokatgewändern. Der
Tanz wie ein geformtes Gesellschaftsspiel, mehr Reigen
ind gegliedeter Umzug. Oder in der Rokokozeit im 17.
ind 18. Jahrhundert, anfänglich stark unter französischem
xinfluß, mit kunstvoll, nahezu spielerisch zusammengesetzten
Figuren: das Menuett, der Contre. Die Geburksstunde
»es Ballet. Und dann die Biedermeier-Tanzperiode in
deutschland, der zierliche, anmutige, schelmische Tanz ohne
tarke Leidenschaften, aus Großmuttertagen uns hie und
da noch bekannt. Dann strömten dem deutschen Tanz aus
lavischen Einflüssen Leidenschaften zu, die sich besonders
m Bühnentanz auswirkten. Der Gesellschaftstanz
zjing seinen eigenen Weg, wurde international und ver—
uchte seine Weisen aus Musik und Gestaltungskunst der
staturvölker zu befruchten, zu erneuern. Der Kunstanz
 sormte sich in unsern Tagen aus dem Bewegungs—
eichtum des menschlichen Körpers heraus zu einer Aus—
»ruckskunst von ebenso eindringlichem künstlerischen Er—
ebnis des Schauens, wie das Aufnehmen anderer Kunst-—
ormen durch Hören, in Musik, Drama, Dichtung. In seinem
zekannten Werk Der Tanz als Kunstwerk, Studien
zu einer Aesthetik der Tanzkunst, mit 24 Kupferdrucktafeln,
— Delphin-Verlag München — führt uns Frank Thieß die
Meisterinnen neuer Tanzkunst in Bild und Wort vor
Augen, eine Mary Wigmann, die finnische Tänzerin Sent
M'ahesa, die ihr tänzerisches Erleben in exotischer Ge—
vandung und Bemalung auszudrücken liebt, die graziöse
Niddy Impekoven, die anmutige Luey Kieselhausen, die
Zchule Loheland von Rohden-Langgaard. Recht instruktiv
st Tanzkunst von Fritz Böhme, mit 24 Bildtafeln, C.
dünnhaupt Verlag, Dessau. Hier ist der Tanz in seinen
Zusammenhängen mit der geistigen Kultur aufgezeigt, als
kräger einer Idee, Ausdruücksform, die seelische Gegeben—
heiten in sich aufnimmt, in einem Menschen, der die
wwige Schönheit, die jeder in sich trägt, durch das Wunder⸗
dollste offenbart, das wir an geformtem Stoff besitzen,
zurch den menschlichen Körper. Hier kommen die kos—
nischen, rhythmischen Schwingungen und Gefühle zum
Ausbruch, die den unmittelbaren Zusammenhang des
Menschen zum All wieder aufnehmen. Fritz Böhme gibt
uuch Einblick in die vvyn Rudolf von Laban begründete
LChoreographie, einer Notenschrift, die den am Auge vor—
ibereilenden Tanz als Gegenstandswert graphisch festhält.
Von überragender Bedeutsamkeit als Führer durch das
Problem neuzeitlicher Tanzkunst ist Rhythmit, Theorie
ind Praxis der körperlichen musikalischen Erziehung, mit
32 Bildern, herausgegeben von Elfriede Feudel, Delphin—
Berlag, München. Der ganze Umfang choredgraphischen
Virkens ist hier sach- und fachkundig in wertvollen Auf—
itzen umschrieben: die Daleroze-Methode, Rhythmik, Ge
4hirde- Rmre kijstfrorische 6ürhererziehun,-
            
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