Full text : 7.1929-1930 (0007)

—dus der xXiufsikßwehllt.

UIII Saar⸗Sänger⸗Bund II“

* Nr. 10

Tas Badische Musikfest in Karlsruhe wird als starkes
musikalisches Erlebnis fortan in der Karlsruher Musik⸗
geschichte gebucht werden müssen. Es begann mit der seier—
lichen Eröfsnung der Brucknerausstellung in den Räumen
des Badischen Hochschulpalastes. Selbst Wien hat zu seinem
ietzten Brucknerfest nicht eine so reiche Schau an Kostbar—
keiten bieten können. Von den ersten Studienheften bis zu
den Skizzen der 9. Sinfonie war alles wichtige aus dem
deben des unermüdlich Schaffenden zusammengetragen.
Besonders umlagert war gewöhnlich der Tisch, der An—
erkennungsbriefe von den Großen jener Zeit an den Meister
bot, Hugo Wolf, Liszt, Cosima Wagner, Mahler, Paul
Heyse und andere. — Eine Einführung in das Leben und
Schaffen Bruckners gab abends im festlichen Rathaussaal
der bekannte Bruckne forscher Dr. Grunsky. Stuttgart. Er
ging von dem Gedanken aus, daß Bruckners Kunst in ihrer
ursprünglichen Frische und ihrem tiefen Gehalt langsam
eden Widerstand besiegen und volkstümlich werden müsie
Ohne Mithilfe des Klavieres wäre die Menschheit niemals
in den Besitz der Beethovenschen Sinfonien gelängt, und so
nüsse der Weg zu Bruckners Sinfonien von der Hausmusik,
om Klavier zum Konzertsaal führen. Wie klangschön
klar und überzeugend Klavierüberfetzungen sein können,
bewies Dr. Grunskys Spiel mit Georg Mantel, Karlsruhe
an zwei Flügeln (bekanntlich sind die mustergültigen Be—
arbeistungen für zwei Klaviere von Dr. Grunskh neuerdings
im Verlag Peters erschitenen. — Am 2. Abend kam in der
katholischen Stadtkirche St. Stephan in weihevoller Andacht
der Kirchenmusiker Bruckner zu Wort. Gleich vorweg sei
gefagt, daß der Badische Kammerchor unter Direktor Franz
Philipp Mustergültiges an Ausgeglichenheit der Stimmen,
keinster Tongebung und liebevollftem Erfassen des Stim—
mungsgehaltes bot. Nach dem schlichten Akkordsatz der
frühen Choralmesse (Sanctus, Benedictus, Agnùs Deéei)
erklang als starker Gegensatz das vierstimmige „Veéexillà
cegis“, das letzte Kirchenwerk des Meisters mit unerhörten
Chorkühnheiten. Das siebenstimmige „Ave Maria“ mit
reizvollem Wechsel von Frauen- und Männerstimmen be—
schloß den ersten Teil. In diese Gesänge hinein war das
durch Bratschenverdoppelung eigenartig dunkel gefärbte, vie
zu selten gespielte Streichquintett in F-Dur gestellt (Badi—
sches Streichquintett Josef Peischer, Oskar Schmidt, Georg
Balentin-Panzer, Heinrich Müller, Paul Traulvetter). Den
hPöhepunkt der Chordarbietungen bildete das vierstimmige
Gradugle „Christus factus es“, ganz erfüllt vom Schauer
des Christuswunder. Feinste Marienlyrik boten rota
pulchra es Maria“ und „Virga Jesse“. So war mit dem
hymnenartigen „Locus iste“, dem in lydischer Tonart ge⸗
haltenen „Cs justi“ und dem ersten der fünf Tantum ergo“
eine Auslese aus Bruckners geistlichen Kompositionen ge—
geben, die eine unschätzbare Bereicherung religiöser Toͤn—
kunst bedeuten. Erschienen sind diese „geistlichen Gesange
für gemischten Chor“ wie auch die eingangs gespielte und
oon Franz Philipp ergänzte Orgelfuge in C-Moll im
Verlag Fritz Müller, Karlsruhe. — An der Spitze der ver⸗
zinigten Orchester des Badischen Landestcheaters und des
Freiburger Stadttheaters setzte sich Generalmusikdirektor
trips mit allen Kräften und vollein Gelingen für die J.
in C-Moll und die V. Sinfonie in B-Dur ein. Hier wurde
offenbar, was Dr. Grunsky betonte, daß die Entwicklung von
der J. zur IX. Sinfonie nicht im Formalen, sondern allein
im Geistigen, Seelischen zu suchen ist. Gleich die T. Sinfonie
ist ein Meisterwerk.“ Die Einheit von Scherzo und Adagip—
der V. und die Plesenantpnrune des Finaleausgangs
am zur überzeugender Wirkung. Als einziges Fremowerk
Nicht-Bruckner) stand die in Süddeutschland schon mehr⸗
fach anfgeführte „Friedensmesse“ (Sinfonie mit Chören)
don Franz Philipp auf dem Programm des 9. November.
Daß sie sich mit tiefster Wirkung und brausendem Jubei
neben der vom Kapellmeister Balzer, Freiburg, fast
faustisch aufgebauten VIII.“ Brucknersinfonie behaupten
sonnte, ist ein Beweis für den tiefen Gehalt dieses schönen
Werkes. Der Riesenchor, Orchester und Else Blank alé
dorzügliche Sopranistin unter Leitung des Komponisten
schienen ganz und gar mit dem, Werk verwachsen zu sein.
Die Probe der 8 Messe in F-Moll unter Kapellmeister
Dr. Heinz Knöll versprach eine würdige Festaufführung mit

den Solisten Rosel Landwehr, Elfriede Haberkorn, Robert
Butz, Johannes Willy, Orgelvirtuose Krauß. Das gewaltige
Tredo war scharf hergusgemeißelt, das unvergleichliche Bene—
dictus von tiefster Weihe erfüllt und das Ganze getragen
on einem bezwingenden Ernst und Treue zum Werk. —
Noch zu berichten wäre von einer weihevollen Mitglieder
oersammlung unter dem 1. Vorsitzenden Dr. Grüninger
Triberg. Weihevoll wurde sie durch die wunderhübsche
Schilderung des Brucknerstiftes St. Florian von Domkapell—
meister, Müller, dem Organisten der Klosterkirche. Muͤchte
seine Bitte, durch Spenden des Meisters Orgel vor Verfall
zu schüßen, Gehör finden! Dr. Auer, Brucknerforscher und
Vorsitender des internationalen Brucknerbundes, lud ein
zum nächsten großen Fest in München im Monat Juni
1930 mit anschließender Pilgerfahrt in die österreichische
Heimar des Meisters nach Linz und St. Florian!
Vom regelmüßigen Probebesuch.
Tieser Aufruf an die Sänger ist von so hohem Ver—
antwortungs- und Pflichtgefühl Wrragen daß der Artikel
zur genauen Beachtung und Befolgung wiedergegehben
werden muß:
„Das gesungene Wort ist eine seelische Steigerungsform
des gesprochenen Wortes. Der Sprechklang taugte nichts
mehr. Begeisterung riß ihn zur Tonwerdung. Also ist
Singen gleich begeistert sein.
Zwar erzielt man eine ganz beträchtliche Begeisterung durch
Zusichnehmen von gewissen Flüssigkeiten, doch die von den
Romponisten vorgeschriebene Präzision des Chorapparates
erheischt Ordnung, Zucht und klaren Kopf. Die zwei
Stunden Probe in der Woche erfordert strengste Disziplin.
Vor allem: „Vorpünktliches Erscheinen sämtlicher ernst—
denkenden Sänger. Da um 8,30 Uhr der erste Chorklang
ertönt, so kann man nicht erst um 8,30 Uhr das Probelokal
betreten, — vielweniger noch später. Auch verläßt man das
Probelokal nicht ad übitum, sondern am Schluß der Probe.
Während der Probe findet der Mund nur zum Singen Ver—
wendung: wohlgemerkt! Der Probesaal ist kein Klublokal.
keine Markthalle oder Börse. —
Jeder Sänger bedient sich seines eigenen Platzes und
singt immer bei demselben Nebenmann, so daß er sich stets
auf seine im Kampf erprobten Kameraden verlassen kann.
Hierzu ist, wie gesagt, das Erscheinen aller erstes Gebot.
Nur Kinder schwänzen den Unterricht, Männer obliegen
ziner selbstgewählten Genauigkeit und Zuverlässigkeit ihres
Tuns. Ein Chor ist wie ein Klavier! — alle Tasten
müssen anschlagen um darauf Annehmbares zu leisten
Man kann nicht hexen! Um von Annehmbaärem über
Tadellosem zum Vollendeten zu gelangen, brauchen wir
eine starke Dosis Geduld zur Arbeit und Vertrauen zur
Sache. Wir sind nicht nur zum Vergnügen auf dieser
holprigen Erde. Wer Vergnügen sucht, der findet sie auf
zewissen glatten Flächen der Gesellschaft: Billardtisch oder
Kegelbahn. Sie wollen jedoch singen und nicht kleine
oder große Kugeln schleudern. Nun, da doch Kunst von
stönnen kommt, so müssen Sie eben oft können, und nur so
vorbereitet, wird im Schweiße Ihres Angesichts Ihre Arbeit
zur Kunstleistung. Also gehört Chorsingen in die Kategorie
Schwerarbeit. Ich gebe zu, es scheint paradox, wennñ ich
hier auf den Eingang meines Aufrufs, daß Sie, meiné
Zangesfreunde, Ihre Schwerarbeit mit Begeisterung ver—
richten müssen, zurückgreife.
Haben Sie beim Singen Sonne im Herzen! Ein jeder
sage fich: „Ich bin gut!“ Dann tiefes Atmen und strengste
Konzentration auf Ihren wohlmeinenden Chormeister.“
Erwin Lendvai.
Tas Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht Berlin
vperanstaltet im Winterhalbjahr eine Reihe von zehn Vor
trägen über aktuelle Fragen des gegenwärtigen Musiklebens
Folgendes Programm liegt vor:“ 88. Oktober 19829 Inten
dant Paul, Bekker: „Die Oper der Gegenwaärt“, 11. Rooem
her, Professor Dr. Hans Mersmann: „Neue Methoden der
Musiklehre“, 11. Dezember Prof. Dr. Kurt Sachs: „Neue
rungen im Musikinstrumentenbau“, 10. Januar, Dr. K. G
ßellerer „Musik und Gesellschaft in Vergangenheit und
Segenwart“, 11. Februar: Generalmusikdirektoör Hermann
Zcherchen: „Rundfunkprobleme“, 28. Februar, Dr. 3
            
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