Full text : 7.1929-1930 (0007)

—AIVVIVIu IIII —
Die Grundi der C
ie Grundlagen der Chorgesangskunst.
Von Felix Schmidt,
bisher Organist und Kantor an St. Peter in Riga.
Was die Deutlichkeit der Vokale betrifft, so ist sie auf den das Weib ist im Grunde doch, genau so wie zum Tanz und
sohen Tönen nicht mehr zu verlangen, wenn auch anzustreben leichten Sport, auch zum Singen von Natur begabter und
Das Studium der Eigenschaften der Sopranstimme ist für den lustiger als der Maun.
Lhormeister eine der wichtigsten Aufgaben. Der Sopran ist Man ahnt heute in weiteren Kreisen noch kaum, was aus
un einmal die erste Geige im Choͤr. Von seiner Qualität der, weiblichen Stimme herausgeholt werden kann, denn das
juͤngt das meiste ab. Die Knabenstimme, die man bisweilen volk im allgemeinen singt bei uns nicht viel. Hören Sie
egen die Frauenstimme dusspielt, ist troh der ähnlichen Stimm- dagegen schon unsere östlichen Nachbarn in Rußland, Litauen
e, das heißt Tonhöhe, der Frauenstimme doöch nicht gleich— und Lettland. Die singen nach unseren Begriffen nicht immer
herlig Gaͤnz abgesehen davou, datßz der Summwechset der chön, aber sie singen. In den Kirchen, in den Stuben, auf
dnaben einen'Strich durch unsere ganze Arbeit macht — sonder. x, Dorfstraße. In der Kirche singen, sie ihre,gemeinfamen
‚arerweise werden sie nachher so selten etwas Besonderes —, Lieder nicht wie bei uns nur bis zum d, allenfalls e, sondern
o ist die Knabenstimme doch im höheren Sinne fast nur ein ern dis zum g, und zwar, ohgleich ebensoviel Männer dabei sind
Ersatz. Deuilich sieht man das da,“ wo mit Knabenstimmen dei, bedeutender Vorherrschaft der Frauenstimmen — daß, die
nfsterisch earbeiter wirde Es ist lediguch das Materal, daes Wände zittern. Und wenn sie ihre Toten hinausbegleiten
nan“ hier kritisieren darf. Die Knabeustimme ingt kühler dvobei sie oHne Noten vierstimmig singen, Habe ich die Frauen
inpersoͤnlicher, gewiffermnaßen unwisfender als die Frauenstimme kimmen, bis zum hohen hähinaufgehen hören Ich sage nicht
ziese aber, könnte man sagen, enthält, im Kulturzustande natür— daß es immer schöne Töne waren, aber das ist Material, weib
ih das Seclenleben des gereiften Menfchen Man dchte einma) ches Stimmaterial, wie es natürlich alle, auch unsere Frauen
abauf, überhaupt auf die Charaktere des menschlichen Stimm. haben. Sie müssen das nur erst wissen.
klanges. Wie ist es mit dem ersten Tenor, der ersten Geige Die Fähigkeiten unseres Körpers kennen, und gebrauchen
des Männerchores? Warum kann der beste Männerchor uns lernen! Die Zeit des Sportes, der Körperkultur, wird es auck
niemals sopiel bedeuten wie ein ebenfogut geschulter gemischter uns, der singenden Welt bringen. Wir, können von den Sport—⸗
chorꝰ (Wir sehen ab von dem oft unerquicklichen Klange der kreibenden lernen, die Tätigkeit des Körpers bis ins feinste
m allgemeinen“ kiefen und engen Lage des Männerchors), Es beobachten und auszuarbeiten. Wir müssen eine umfangreiche
handelt sich hier um mehr als den perfönlichen Geschmack eines ulturarbeit leisten, körperlich — geistig, mit geistigem End—
Anzelnen. Man kann den unterschied zwischen dem Männerchot Weck. Wir müssen den Körber dem Geiste dienstbar machen
und gemischten Chor schon bet einem einfachen Liede nach Insofern stelle ich unsere Kunst neben den Sport und erkenne
rüfen. Da kann der erste Tenor noch so schön singen, er ihr eine sportliche Grundlage zu.
erreicht nicht den ekstatischen Klang, den der Sopran schon von Zwar, ich hoffe, daß wir vom Sport nie und nimmer auch
Natur hat, schon durch sein bloßes materielles Auftreten. Am das, Rekordwesen annehmen. Der Gedanke des Wettkampfes
deutlichsten wird das in großen mehrstimmigen Werken. Be- scheint mir in der Musik insofern als Unding, als überall da,
sinnen Sie sich auf das „et in terra pax“ in der H-Moll vo man wirklich in das Reich des Geistes eintritt, es nichts
Mefse von Bach, und hier speziell auf die Stellen, wo nach inderes, als die persönliche Höchstleistung gibt. Und keinen
gewissen Pausen der Sopran zum übrigen Chor hinzutritt? Seitenblick zur Konkurrenz. Die Kritik in der Presse wird, wenn
Hier haben Sie neben der Wirkung der kostbaren Musik nock ie, musikalisch auf der Höhe ist, dem Publikum, das doch
die elementare Wirkung der hohen Frauenstimme, Wie bewegt chließlich weniger davon versteht, schon sagen, ob eine Leistung
lie sich spielend, schwungvoll und eindringlich! Sie symbolisierr aunnehmbar war oder nicht. Wenn unter den 95 Chören in
de Glüdseeligkeit, das Ueberirdische, Jeuseitige. — Lises dies »iner Stadt zwei gute sind, dann sind die eben gut, und es
natürlich nach der entsprechenden technischen Arbeit, mit der st gleichgültig, welches der bessere ist; man erfreut sich an ihnen
vir uns so lange gequält haben, und die bei den, weiblichen und ist dankbar dafür, daß sie da sind. Die anderen 93 können,
Stimmen, speziell beim Sopran, eine enorm große ist. Ich wil“ wenn es denn durchaus sein muß, Wettstreite veranstalten, die
nicht sagen, daß die Frauen schwerer begreifen als die Männer Gastwirte haben etiwas davon. Der Ansporn zu guten Leistungen
beunglesch es mir manchmal'so borgekommen ift. Vielleicht im äegt doch in dem öffentlichen Auftreten, wenn nmicht in der
Gegenteil, sie fassen zu Anfang schneller und, freudiger auf, als Sache selbst.
die Männer, sie nehmen unbedenklicher, gläubiger, bereitwilliger Ich will noch dem alten Aberglauben entgegentreten, daß
aAles was wir geben, sie „pringen“ uns quasi entgegen. Aber Z„ologesang-Studierende nicht im Chor singen dürfen. Solange
sie ermüden leichter beim anhaltenden, abstrakten Studieren der in Lernender noch in dem Stadium ist, wo er über die tech—
echnischen Dinge. Und da ihre Teilnahme und Hingabe immer uischen Elemente noch nicht im klaren ist, kann er sich, wenn
ut eine freiwillige ist, küunen wir da im Augenblick auch »r unvorsichtig ist, zumal in der Höhe und im Forte, falsche
aichts mit Ueberredung erreichen. Daraus die praktische Schluß Vewohnheiten aneignen. Die Gefahr besteht. Spater aber ist
folgerung: Das leichte Begreifen beim, ersten Durchnehmen von ür ihn das Mitsingen in einem vernünftig geleiteten Chor
neuen Gesangsstücken täuscht uns bei den Frauen bisweilen aicht nur nicht schädlich, sondern sogar nützlich Er lernt da.
Wir glauben weiter zu sein, als wir sind. Bisweilen ist alles, vas er nachher als ors unmittelbar gebrauchen kann, nämlich
vas wir in der vorigen Probe schon erreicht hatten, in dieser das musikalisch feine Sicheinfügen, das Nichtherausfallen aus
Probe zunächst so, als wäre es noch gar nicht dagewesen. Es dem Ensemble, das genaue anständige Musizieren quasi wie
edarf mehrfacher Wiederholung, bis das Gelernte quasi auf »in Orchestermusiker. Und rein stimmtechnisch kann der Solist
inen Wink da ist. Dahet soll man sich nie wundern, wenn jerade im, Chor seine Töne beobachten, ob alle Vokale in
ein öffentlicher Vortrag, zu dem man sich ganz schnell vorbereiten gleicher Fülle erscheinen, ob er die langen, gebundenen, Ton⸗
mußte, oft gerade in den Frauenstimmen nicht, klappt. Insofern folgen eines Bach, wirklich schon singen kann, und zuletzt können
jal“ man' es mit den Männern heichter. Da, kann man, wenn Ym bei den großen Meistern noch verschiedene andere Lichter
einmale darauf ankommt, die Arbeit komprimieren, die Jufgehen. Viele Hpernsänger halten eine musikalische Allgemein—
Froben häufen und bis dorthinaus ausdehnen und mit aller bildung für direkt schädlich.
knergie, die wir überhaupt haben, drauflosarbeiten, wir er Wir“ wenden uns zu éeinigen anderen Dingen des Chor
schöpfen die Spannkraft der Männer nie — es ist gewisser⸗ studiums.
naßen eine glatte Sache. Man kann vielleicht hieraus zum Der Chordirigent von gestern war Pianist, der, Chordixigent
deil erklären, warum der Männergesang bei den Dirigenten »on heute ist Sänger. Ver Chordirigent von gestern saß am
vie bei den Sängern so auffallend viel mehr Freunde hat Flügel und glänzte als Pianist, während gleichzeitig die Sänger
ils der gemischte Chor. im Chor als Blattleser glänzten.
Ich versäume keine Gelegenheit, auf die künstlerische Ueher— Der Chordirigent von heute sitzt höchstens solange am Klavier
egenheit des gemischten, Chors über den Männerchor hin. als er mit den einzelnen Stimmengruppen übt. Ich habe
zuweisen. Es dibt infolge des vorherrschenden Männerchor- früher pg gesagt, daß er dabei sogar das Klavier benutzen
vesens heute viel mehr im Singen geübte Männer als Frauen muß. Sowie er damit fertig ist, benutzt er das Klavier höchstens
die Frauen werden zu tun haben, diesen technischen Vorsprung aoch beiläufig. Bei Werken mit Begleitung setzt er dann einer
der Männer einzuholen. Aber sie werden ihn einholen, denn anderen ans Klavier, und er selbst widmet sich den Sängern

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