Full text : 7.1929-1930 (0007)

Seite 214 II.
Der Bundesvorstand des Saar⸗Sänger-Bundes richtet
sich heute mit dem Aufruf an alle Gaue und Vereine.
Ruht nicht auf den Lorbeern aus! Sonnt Euch nicht
an wirklichen und vermeintlichen Erfolgen! Bedenkt,
daß Ihr als Sänger die Hüter und Pfleger eines
für den Einzelnen und für das ganze Volk lebens
wichtigen Kulturgutes seid, des deutschen Liedes
der deutschen Kunst! In herzlicher Dankbarkeit für

IIIIII STaar-Säuger-Bund II
viel aufopferungsvolle, kluge und tapfere Mitarbeit
pon vielen tausend Sangesbrüdern grüßt der Bun—
desvorstand an der Schwelle des neuen Jahres alle
Gau⸗- und Vereinsvorstände und Chormeister, aber
auch den letzten Sangesbruder im entlegensten
Bergmannsdorf mit herzlhichem „Glückauf!“
Bongard. Stein. Düren. Schrimpf. Rauchholz

usspppp Nr. 10

Rückblick auf die Nurnberger Sängerwoche.

Her Meinungskampf der musikalischen Geister, als un—
2 ausbleibliches Anhängsel der Nürnberger Sänger—
woche, hat abgeebbt. Es ist viel Tinte dafür und da—
gegen geflossen. Ein Bericht, der nach größerem zeit—
lichem Abstand erscheint, frei von überschwenglicher Be—
geisterung, aber auch frei von strikter Ablehnung, dürfte
wohl einer sachlichen Stellungnahme am nächsten kommen:
„Es kreiste der Berg und gebar ein Mäuslein.“ Zu
diesem allerdings harten Urteil müßte man kommen, wenn
man das Ergebnis der 2. N,uũrnberger Sängerwoche mir
dem großartigen Aufwand an vorbereitender Organisation
in eine Parallele bringt. Es war, wie allgemein be—
kannt, die Parole ausgegeben worden: in der Hauptsache
Werke, die musikalisch wertvoll, in der Ausführung aber
leicht sind, so daß für die Masse des Durchschnitts und
der weniger leistungsfähigen Vereine Chorliteratur ge—
schaffen werde. In dieser Hinsicht brachten die Vortrags—
folgen der fünf Konzerte eine schwere Enttäuschung. Nur
zinige wenige Werke entsprachen der Forderung „leicht
and gut“. Ein gar zu mageres Ergebnis. Und das is
zu bedauern im Interesse der Schwaächen, die mit Rech
in der Fachpresse und bei Wertungssingen vor den süßlich
jeichten Liedern im „Volkston“ gewarnt werden, denen
iber an deren Stelle nichts besseres geschaffen worden ist.
Zugegeben, daß die Komponisten die Schuld tragen, wei'
sie derlei Werke nicht einreichten und ferner zugegeben
daß es sehr schwer ist, leichte und dennoch wertvolle Chor—
nusik zu schreiben. Ob aber die Ausbeute nicht deshalb so
LJäglich ausgefallen ist, weil die Prüfungskommission in
»ewußter Weise die eingesandten Werke von bestbekannten
ilteren Chorkomponisten ignoriert hatte?
Es war ein Unrecht manchen Kompositionen gegenüber,
daß ihre Interpretation Chorvereinen anvertraut war, die
nicht entfernt den Aufgaben gewachsen waren. Die Zuhörer—
schaft schien in ihrer Mehrheit, an den Zustimmungs- und
Ablehnungsäußerungen gemessen, mehr die Leistungen an
sich, als den Wert vder die Wirkungsmöglichkeit der Kom—
pofitionen zu beurteilen. Es mußte so zu einigen Augen—
blicksersolgen, aber auch zu kühlen Aufnahmen kommen.
Von den Komponisten, die fast alle anwesend waren, um
aach erfolgtem Vortrag den Hervorrufen zu folgen, konnten
einige eher bedauert als beglückwünscht werden.
Berichterstatter, namentlich der Musikzeitungen, stellten
mit Befremden fest, daß kaum ein sogenannter prominenter
Verein den Weg nach Nürnberg gefunden hatte, ja, daß
sogar ein Wiener Verein zu derselben Zeit auf einer
Koönzertreise begriffen war. Ob es angeht, den Spitzem
obereinen darum einen Vorwurf zu machen, bleibt dahin
gestellt. Jedensalls aber begten die Veranstalter der N.S.W

genannten Vereinen einen triftigen Entschuldigungsgrund
geradezu in den Mund. Kündigte man denn nicht in der
Hauptsache leicht ausführbare Werkke an und braucht es
noch vieler Worte, um zu verstehen, daß leichte Ausführ—
darkeit eines Werkes doch am besten durch weniger leistungs—
zähige, um nicht zu sagen, minderwertige Vereine bewiesen
verden kann? Ich bin überzeugt, hätten die Spitzenvereine
geahnt, daß es sich in der Hauptsache um sehr schwere
und zum Teil problemhafte Werke handeln würde, mancher
oon ihnen hätte sich rechtzeitig zur Verfügung gestellt
Wenn auch für die überwiegende Masse der Sängerschaft,
»orläusig wenigstens keine nennenswerte Gebrauchsmusil
durch die N.S.W. geschaffen wurde, so soll doch ihre große
Bedeutung, die sich hauptsächlich in der Richtung auf bahn
brechendes Können und Wollen zeigte, voll und ganz an
erkannt werden. Viele Werke mit Instrumental- und Vokal—
solis vermittelten neue Klangkombinationen, die freilich
oft nicht frei von Effektsucht waren. Die beiden Sonntags—
konzerte wiesen eine Reihe sehr schwerer, ernster Chöre
auf, die aufhorchen ließen und von denen das Werk
„Abends, wenn der Regen fällt“ von LROudwig Heß un
streitig den stärksten Erfolg buchen konnte. Allerdings
alles Kost nur für sehr leistungsfähige Vereine mit erst
rangigen Solisten.
Als Kuriosum sei die Bemerkung eines Chorleiters hie
wiedergegeben, die derselbe nach Anhörung der grotes!
anmutenden Chorduette von Willy Burkhard vom Stapel!
ließ, damit die Situation drastisch beleuchtend: „Wenn ich
einmal meinen Verein los sein will, dann werde ichk
„die beiden Esel“ einüben; dann wird man mich bald zum
Teufel jagen.“
Man sieht, ein neuer Chorstil ist im Werden, der dem
deutschen Chorgesangswesen über die Krise hinweghelfen
soll. Wo sind jedoch die Sänger, die die „musica nmuova“
bewältigen sollen? Die Musikanalphabeten in unsern Durch—
schnittsvereinen? Man zäumt das Roß am verkehrten Ende
auf. Was nützen solche Versuche, wenn die Sänger nicht
für schwere Aufgaben reif sind, wenn der Musikunterrich!
in den Schulen nicht auf den Grundlagen der Noten—
kenntnis und der Stimmbildung aufgebaut wird und der
musikalisch geschuste Nach wuchs ausbleibt? Ministerielle
Bestimmungen und Richtlinien, die schon vor 20 Jahren
das bloße Gehörsingen in den Schulen verboten haben
bleiben vielfach tote Buchstaben. Maßgebenden Stellen
sei die Lektüre des Artikels „Chornachwuchs und Schule“
von Otto Schenck in Nr. 39 der D.S. B.3., der wie ein
Alarmruf anmutet, wärmstens empfohlen.
Philipp Stilz.

Kreistparkaste Saarbrücken
nter arantie e 72

SPARESIGHER UND GUTI
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