Full text : 7.1929-1930 (0007)

Zeite 14

Iun

Saar⸗Sãñnger⸗Bund

Mr

tennen. Sie zeigt, wie der einfache alte Weinbauer, der
sein ganzes Leben hindurch gearbeitet hat, seinen Besitz
»ermehrt, wie er die Früchte seines Fleißes ernten kann.
Daneben steht der Bardon, dessen großer Besitz immer mehr
zurückgeht, an Wert verliert und schließlich verschuldet.
Sin neuer Geist, ein neues Geschlecht steigt über das Grab
des Alten empor. In dem Roman „Die Armsünderin“
— Verlag Wilhelm Borngräber, Leipzig — hat die Dich—
terin ein Kulturbild des Hunsrücks gezeichnet, das jedem
einen tiefen Einblick in das äußere und innere Leben des
dunsrückbauern gibt. Wir sehen, den herben, groben
Bauern, ohne Gefühlsüberschwänglichkeiten, dessen Sinn
und Denken erfüllt ist von der Sorge um seine Tiere, seine
Aecker und Felder und um seine Feierstunden- und Sonn—
agsfreuden. Daneben die Bauersfrau und das junge
Mädchen, die in Haus und Feld schwere Arbeit leisten.
Zie werden vom Manne nach ihrer Leistungsfähigkeit be—
vertet und erwerben Ansehen und Macht in Ehe und
daushalt. Ueber diese Allgemeinschicksale hinaus erhebt
sich das der Armsünderin. In ihr zeigt uns die Dichterin
nicht eine, sondern die uneheliche Mutter. In ihr läßt
iie den Leser all die Leiden, Sorgen und Schmerzen der
unehelichen Mutter, aber auch die Freuden der Mutter—
schaft, die tiefe, reine Mutterliebe und ihre Opferfreudig—
keit miterleben. Der Lebensweg dieser Mutter ist ein
Martyrium ohne gleichen, eine Kette von verzweifelten
Versuchen, um des Kindes willen aus dem Elend wieder
hochzukommen. Wohl kaum ist die Seelennot einer ein—
sam kämpfenden unglücklichen Mutter so erschütternd wider—
ege worden. Unter den dichtenden Frauen steht
NRanny Lambrecht ohne 8Wweifel mit in erster Reihe.
—A

Am 9. April 1848 wurde Helene Lange in Oldenburg
gseboren. Sie wuchs auf zwischen zwei Brüdern. Hof, Stall
und Garten dienten ihr als Spielplatz. Ihr Vater mußte
rus wirtschaftlichen Gründen Kaufmann werden. Seine
Zeele gehörte der Musik. In dunkler Erinnerung sind
). Lange noch die musikalischen Abende vor dem frühen
Tod ihrer Mutter. Später fielen sie fort. „Als seine beiden
iltesten Kinder aus den musikalischen Anfängen heraus
varen, machte es ihm besondere Freude, irgend ein leichtes
Terzett — Klavier, Geige und Cello — mit uns zu
pielen.“ Ihre Mutter starb, als sie fast sieben Jahre alt
var. Sie vermißte sie schmerzlich, hätte es aber niemand
nerken lassen mögen. Ihres Großvaters Haus wurde jetzt
hr zweites Zuhause.

Helene Lange und Gertrud Bäumer.
Eines der tiefsten Worte deutscher Dichter sagt: „Es
nährt das Leben vom Leide sich.“ Es meint, daß es
Büter gibt, die uns ihre ganze Kostbarkeit erst ent—
hüllen, wenn wir um sie leiden und bangen müssen.
So ist uns unser Volkstum, das durch Jahrzehnte un—
bedrohter, sicherer Besitz war, ein umso kostbareres
But geworden, als es tapfer und bewußt behauptet
werden konnte. Nie haben wir uns so tief verbunden
gefühlt wie heute mit den Gebieten, die als „gefähr—
dete“ amtlich bezeichnet werden, und es doch, wie jeder
Deutsche weiß, gar nicht sind, weil der Sinn ihrer
Bevölkerung fest und unerschütterlich ist.
Es ist mir eine Freude, diesen Gruß des Gedenkens
und der Verbundenheit zum Saarland hinübersenden
zu dürfen. Helene Lauge.
Helene Lange und Gertrud Bäumer! In Verbindung
mit diesen besden Namen erlebe ich immer wieder neuü
die große Kölner Frauentagung im Juni ver—
gangenen Jahres. Der riesengroße Festsaal der Pressa,
der 6000 Menschen fassen kann, war bis auf den letzten
Platz besetzt. Aus allen Gegenden Deutschlands waren sie
zjekommen, um hier am Rhein mitzuschwimmen in dem
SZtrom der Frauenbewegung. Frau Dr. Gertrud
Bäumer eröffnete die Tagung mit ihrem Vortrag Die
veibliche Bestimmung im Wandel der geschichtlichen Lebens—
ormen“. Einen fröhlichen, harmonischen und stimmungs—
ollen Abschluß der Tägung bildete eine Rheinfahrt von
döln nach Königswinter und zurück auf dem großen 1500
Passagiere fassenden Dampfer „Frauenlob“. Hier hatte man
ich nachmittags bei herrlichstem Sonnenschein versammelt.
Beliebig konnte man sich nlederlafsen. Nur vorne auf dem
Deck hielten, junge Mädchen Platz für die Ehrengäste.
Lärm, die Kapelle setzt ein — Hochrufe —
die 80jä uige Geel gee Lange erscheint. Sehr rüstig,
eicht auf den Arm von Gertrud Bäumer gestützt, schreitet
sie durch die Schar der jungen Mädchen, die immer wieder
nn neue Hochrufe einstinmen. Vorne auf dem Des nehmen
sie Platz. Wir drängen nach vorne. Wer möchte nicht
auschen, wenn Helene Lange aus ihrem reichen ja sehr
reich bewegten Leben erzählt?
Lassen wir diese große Frau, unserer aller Vorkämpferin,
ius ihrem eigenen Werke Kebenserinnerundenu“,
VKRorsaa A svorhig Rersin nins soenan

Helene Lange.

Von grundlegender Bedeutung für ihr Leben war der
injährige Aufenthalt im Pfarrhaus in Eningen bei RNeut—
ingen. Was ihr, dem Maͤdchen vom Lande, auffiel, was
»on ihr mit jedem Atemzuge begierig eingesogen wurde,
»as war die geistige Luft dieses Hauses, das vielen, vielen
västen ein lieber Aufenthalt war. „Indem ich der Unter—
yjaltung folgte, stellte ich zugleich fest, daß sie sich ganz
nuf die Maänner beschränkte, so weit es sich um Themen
»on geistigem Gewicht handelte. Gesprächsgegenstände und
Ton wechselten, sowie die Unterhaltung einmal die Frau
inbezog.“ Nach diesem Jahr im Pfaͤrrhaus kehrte sie
ils Haustochter in die Heimat zurück. Zunächst freut sie
ich, wieder unter alten Bekannten zu sein. Zuletzt wurde
hr aber das unausgefüllte Leben zu einer unerträglichen
Aual. Die Bitte an den Vormund — ihr Vater war
nzwischen auch gestorben — das Lehrerinnenexamen machen
u dürfen, wurde abgewiesen. „Das habe noch niemand
m Oldenburger Lande getan.“ Mit Hilfe ihrer Eninger
zreunde verschaffte sie sich eine Stelle „auf Gegenseitig—
eit“ in einem Pensionat in Bebenheim im Elfaß. Knapp
ichtzehnjiährig, sollte sie dort ohné jede Fachvorbildung
eutsche Literatur und Grammatik lehren uͤnd dafür das
stecht haben, alles gaufzunehmen, was das Pensionat an
Veisheit bot. Ihr Arbeitstäg war lang und anstrengend;
salb Lehrerin, hälb Schülerin hatte sie die Pflichten beider
u erfüllen und stand meistens schon vor Tagée auf, um
hnen nachzukommen, Eine Wiedérholung ihres Augen—
eidens zwang sie, frühzeitig wieder abzubrechen. Doch das
»ermochte sie nicht: dauernd nach Oldenbuͤrg zurückzu—
ehren und zu spielen die Rolle von einer, die wartend
aß“. Schon im nächsten Frühjahr verpflichtete sie sich
ur Uebernahme einer neuen Stelle. Im Winter, den
ie in Oldenburg verbrachte, nahm sie mit, was sich ihr
ot. Dazu gehörten auch Tanzvergnügungen. Sie erzählt
arüber: „Ich zog mich gerade für den Silvesterball an,
ils ich plößlich bei leichtem Husten den Mund voll Blut
satte. Was das bedeutete, wußte ich natürlich genau, aber
3 fsoanen hieke den Rossf anfnehon u dom s
            
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