Full text : 7.1929-1930 (0007)

Seite 198 III IPhhhh Saar⸗Sänger-BundlIIIIIIPppereren
orächtigen, von Künstlerhand geschaffenen Bildern in köst—
ichen Versen so viel Wunderbares zu erzählen! In dem
Werkchen „Zur Lust und Freude für kleine Veute“ — von
tanzenden Kindern auf grüner Wiese, vom kleinen Reiters—
mann auf stolzem Pferd, vom plumpen Schwein und
seinen Kinderlein, vvon Has und Storch und Lämmlein
und dem wachsamen Dackel an der Puppenwiege! Wie
reizvoll plaudert sie in „Sturzel und Purzel“ von der
Entdeckung der beiden Zwerge, und wie sie hernach den
gewaltigen Pilz in die Zwergenwohnung schaffen! Wie
ämüsant erzählt sie in „Stips und Stops“ die Abenteuer
zweier Zwerge mit einer Taschenlampe, einem Spiegel,
einem Klavier, einem Kinderauto und einer gefüllsten
Streichholzschachtel! Und wieviel feine unaufdringliche
Moral verbirgt sich hinter diesen liebenswürdigen Ein—
zällen. Eine Reihe von Geschichten und Späßen für größere
Kinder bringt „Der frohen Jugend Zeitvertreib“, wie die
obengenannten Bücher vom Verlag A. Anton & Co.,
Leipzig und Berlin, trefflich und kinderfroh ausgestattet.
Zo: Ferien, Sabinens Kräutergarten, Heiners wunder—
hare Luftreise! Köstlich ist auch das im Bilderbuch-Verlag
B. Löwensohn, Fürth i. B., erschienene Märchen Vom
unartigen Englein und artigen Teuflein, von Ernst Kutzer
ausgezeichnet illustriert. In „Orchidee“ bietet Margarete
von Renesse jungen Mädchen eine fesselnde Erzählung,
vieder bei A. Anton in Leipzig verlegt. Die früh mutter—
los gewordene junge Heldin Brigitte von Wolifersdorf
vächst wie in einem Märchenschloß auf, vom Vater aufs
tärkste verwöhnt. Bälle und Gesellschaften wechseln im
Leben der Heranwachsenden. Da wird ihr der Tod des
Vaters und der Verlust eines großen Teils ihres Ver—
nögens zur Schicksalswende. Nach Jahren ernster, schwerer
Arbeit findet sie sich wieder in glücklicher Ehe mit dem
Bartenarchitekten Dr. Grandloff.
Nun soll die Dichterin selbst zu Euch sprechen, liebe
Kinder! Sie erzählt Euch einen Abschnitt aus ihrem im
Kranz-Verlag, Berlin SW. 68, erschienenen Buch:
Schneiderfranzis glückliches Neujahr.
„Na sag mal, Bübel,“ begann der Schneideronkel gemütlich,
„du hast uns so ein feines Konzert im Walde gegeben, wo
hast du nur die helle Stimme her, davor müssen sich ja alle
Waldvöglein verkriechen.“
Franzl lachte glücklich. „Die hab ich von meinem Mutterle,
das sang wie ein Englein und wußte gar viele, viele schöne
Lieder, die hab ich ihm alle abgelauscht. Dem Herrn Kantor
in der Schule muß ich auch oft vorsingen, der ist immer sehp
reundlich zu mir und hat schon ein paarmal gesagt: Franzl,
)zu mußt Kantor werden, wer soviel Musik im Leibe hat wie
u, 8 den wär es schad, wenn er Handwerker oder Bauer
vürde.“
„So so,“ meinte der Onkel nachdenklich, „möchtste das denn?“
„Ach, Onkel, es wär mein höchstes Glück,“ gestand Franzl
nit einer Hast, der man es anmerkte, wie ihm dieser Wunsch
n der Seele brannte. „In der Kirche Orgel spielen, wenn
Sonntags die Leute ihre schönen Lieder singen, und so klug
sein wie der Herr Lehrer und in der Schule Singstunde geben
dürfen, was Schöneres kann's doch nimmer geben!“
Der gute Schneideronkel sah still vor sich hin, dann seufzte
tief auf. „Du liebe Zeit, Franzlbub, der liebe Gott müßt
schon ein Wunder vom Himmel schicken, wenn dir dieser Wunsch
erfüllt werden sollt, ich bin ein armer Schlucker und kann
dich von meinen paar Hellern nicht auf die gelehrte Schule
chicken, wo die Herren Lehrer und Kantoren ihre „Weisheit
ernen. Von mir aus mußt schon mein Handwerk lernen und
Schneider werden wie ich, Franzl, so leid mir's tut, aber ich
kann dir nicht helfen.“
„Sei nicht traurig, Bübl, der liebe Gott wird schon helfen.
Warum soll er denn nicht ein Wunder schicken, wenn ein
braver Bube zu seiner Ehre so einen schönen Beruf ergreifen
will? Das ist doch beinahe wie der Herr Pfarrer, und paß
auf, Franzl, wenn du fleißig lernst und das Beten nicht ver—
zißt, dann wird dir's der liebe Gott schon zulieb tun.“ Zu—
»ersichtlich sagte es die Tante, und da wurde der Franzl auch
wieder froh und sang zum Dank auf dem Heimweg seine
schönsten Lieder
Die Zeit ging dahin, der Franzl lernte fleißig in der Schule
uind half fleißig daheim der Tante in der Wirtschaft und dem
Onkel beim Schneidern, und zwischendurch erfüllte er die ärm—
iche Werkstatt mit seinem schmetternden Gesang, daß oftmals
vie Leute quf der Straße stehen blieben oder zum Fenster herein—

tνννννινννννννννναννννννιννινειννν VL Nr. 9
juckten, um das Singvögelchen zu sehen, das ihrem Schneider—
ein in die Stube geflattert war.
So war der Winter gekommen, das Weihnachtsfest ging
Hrüber mit seinem Lichterglanz, Der Franzl hatte unter
einem bescheidenen Weihnachtsbäumchen eine warme Jacke vom
sjuten Schneideronkel, wollne Strümpfe von der Tante Meisterin
ind, o Jubel und Glück, eine alte Zither gefunden, die der
Inkel noch von seinem Vater her besaß. Mit welcher Andacht
ind Rührung lauschten beide, als der Franzl nach einigen
dersuchen alle die schönen Weihnachtslieder ganz richtig spielte
ind mit seiner glockenklaren Stimme dazu sang. Sie meinten,
rie etwas Schöneres gehört zu haben.
„Franzl, kommst mit morgen zum Neujahrssingen?“ fragten
hn die Spielkameraden, und Franzls Augen leuchteten auf,
ils er das Wort „singen“ hörte.
„Ja,“ sagte er, „gern komm ich mit,“ und die Buben waren
roh, daß er mittat, denn keiner von ihnen, das wußtem sie
ille, konnte es so schön wie der Schneiderfranzl. Dem saßen
die Triller nur so in der Kehle und flogen heraus wie die Lerche
us dem Ackerfeld.
„Bring dir auch einen Sack oder Korb mit für die Geschenke,“
iet einer wohlmeinend, und Franzl versprach es.
Am Neujahrsmorgen schien fröhlich die Sonne, als freue
ie sich über die verschiedenen Kindertrüppchen, die singend von
aus zu Haus zogen. Auch Franzl befand sich unter der einen
ßruppe, und seine wohltönende Stimme klang hell und freudig
or den anderen hervor, wenn sie fromme Lob— und Dank—
ieder sangen. Ein wenig verlegen machte ihn das Austeilen
er Eeschenke, es freute ihn nur Onkels und Tantes wegen,
enen er auf diese Weise auch einmal etwas mitbringen konnte.
sber bescheiden hielt er sich immer im Hintergrund, und so
am es, daß die besten Gaben die Kecksten erwischten, die sich
im dreistesten vorzudrängen verstanden. Das Neujahrssingen
var in dem Städtchen von altersher eine beliebte Sitte der
„chuljugend, und die Einwohner hielten schon ganze Körbe voll
geeigneter Dinge zum Verteilen bereit. Da gab es Aepfel,
Nüsse. Pfefferkuchen, Bonbons und Schokoladeplätzchen, Schiefer—
ind Bleistifte. Federhalter und Löschblätter, bunte Ton- oder
vlaskugeln, Spielmünzen und was dergleichen schöne Sachen
nehr warenn. Eine ganze Menge hatten die Kinder schon
imgeheimst, und nun hieß es:
„Jetzt gehen wir ins Schloß!“
Fröhlich schwatzend und lärmend zogen die Buben ihres
Vegs, denn ins Schloß gingen sie besonders gern, dort gab es
tets die schönsten Geschenke. Mit dem „Schloß“ meinten die
dinder das Herrenhaus des Rittergutes, das eine Viertel—
tunde Wegs hinter dem Städtchen lag, und die „Herrschaften“
jsenossen in dem kleinen Ort allgemeines Ansehen.
Franzl wurde es ordentlich beklommen zumute, als die Schar
n den großen Hof des Gutes einbog und die Treppe nach dem
vingang des Herrenhauses emporstieg. Als sie sich aber dann
m Hausflur aufstellten und das schöne Lied „Bis hierher hat
nich Gott gebracht durch seine große Güte“ anstimmten, da
var er mit vollem Herzen dabei, und jubelnd ließ er seine
ztimme erschallen. Das Hauspersonal des Gutes kam aus
»en Türen, um zu lauschen, und die wohlbekannte Wirtschafts—
namsell brachte einen großen Korb geschleppt, nach dem die
zuben verlangend schielken. Franzl aber dachte an keine Be—
ohnung, mit ganzer Seele war er bei seinem Gesang.
So bemerkte er auch nicht, daß auf der Treppe plötzlich
ine Dame stand, deren Erscheinen unter seinen Kameraden
ine lebhafte Aufregung hervorzurufen schien. Sie stießen sich
—
haltung wurde auf einmal viel aufrechter und ihre Mienen
ziel ehrfurchtsvoller. Es war die Gutsherrin, die dem Gesang
der Kinder lauschte, und das war ein Ereianis, denn sie hatte
»s noch nie getan.
Als das Lied beendet war, und die Mamsell mit dem Ver—
zilen der Gaben beginnen wollte, kam die Dame vollends die
e herabgestiegen, und die Buben bekamen allesamt Herz—
opfen.
„Nun, liebe Kinder, das habt ihr ja schön gesungen,“ sagte
ie freundlich und nickte ihnen zu, „einer von euch aber hat
»ine ganz prächtige Stimme, welcher ist das?“
„Der Schneiderfranzh!“ riefen ein paar zugleich, Franzl
iber stand mit hochrotem Gesicht verlegen im Hintergrund
ind wagte nicht aufzusehen.
Lächelnd kam die Dame näher. „Der Schneiderfranzl? Wo
ist er dann?“
„Geh her, Franzl,“ drängten die Buben und schubsten ihren
Fameraden aus der Ecke ßFerngrhis er por der Gufsserrin
            
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