Nr. 9 IIIINPulunerp
Kampf mit Adelsvorurteilen für sich gefangen. Und so ist
illes, was uns Marie von Ebner-Eschenbach schildert, aus
»en sprundelnden Quellen des Lebens, das sie selbst in
döhen und Tiefen, in Lust und Leid hat schauen und
Tleben dürfen, geschöpft. Und deshalb übt es seine be—
‚wingende Macht aus auf alle, die sich beschaulich der
dichterin zu Füßen setzen. R. K.
Frau Krähmers KlarinettenKouzert.
Mein Gebet wurde nie erhört. Jeden Morgen mit dem
slockenschlage der zehnten Stunde sahen wir von unserm
Fenster aus die Gefürchtete pflichttreu und pünktlich auf
sen Gang treten. Sie trüg einen großen, schwarzen Hut mit
peit ausladendem Schirm, der unter dem Kinn festge—
sunden war, und den sie nie ablegte. Ihr edles, schmares
ßesicht sah aus seinem Hintergrunde hervor wie aus der
diefe einer sehr schattigen Laube. Auch von ihren un—
örmlich großen und dicken grauen Handschuhen trennte
ie sich nicht. Nur den dunkeln Tuchmantel, der mehrere
dragen hatte, wie zu jener Zeit die Mäntel der Fiaker—
utscher, zog sie aus. Seltsam wars, wenn sich aus dieser
veitläufigen Umhüllung eine mittelgroße, feine Gestalt
serausschälte, der man die Kraft nicht zugetraut hätte,
Ane so schwere Last zu schleppen. Mit augendsenerischer Be—
lissenheit suchten wir uns dabei unserer Lehrerin nützlich
zu' mächen. DBann nahm eine von uns beiden Platz am
lavier, die andere setzte sich ans Fenster, faltete ein Blatt
hres Grammaireheftes vierfach zusammen und trug in die
o hergestellte Abteilung die Konjugaison eines Verbes ge—
danbenlos und mechanisch ern.
Beim Fortgehen ermähnte uns Frau Krähmer, fleißig
‚u üben, und trabte fört auf, Stiefeln, in ihrer Art
Benso wuchtig wie der Mantel. Mademöisselle spöttelte
hr nach, sie trage die Kleider ihres verstorbenen Gatten
sum Andenken an ihn. Dieser unwürdigen Zuhörerin hatte
ie erzählt, daß ihr Mann ein ausgezeichneter Musiker
jewesein, vom Ünglück aber immer verfolgt worden war.
Zeine Familie blieb, als er starb, in Armut zurück. Seit—
dem erwarb die Mutter das tägliche Brot für sich und für
hre fünf Kinder. Um auch nur zu ahnen, was das
seißt, waren wir nicht gescheit genug. Zwei ihrer Söhne
bollten guch Musiber werden. „Der ältere ist ein Genie“,
agte Madame Crémé, „und wird ein großer Künstler und
ehr berühmt und reich werden.“ Bis dahin muß sie aber
courir ic cachet“ und Unterricht geben am Klavier, das
ioch dazu gar nicht „Son instrüment“ ist. Ihre Meister—
chaft übt sie aus auf der — man denke — auf der
arinette! Es war ja doch „le, comble du ridicule“,
»aß eine Frau sichs éinfallen ließ anders als zum Spaße
nit gefspitzten Lippen in ein hölzernes Rohr hineinzublasen.
Wirklich, einer solchen Geschmacklosigkeit war nur eine
deutsche fähigl Wir, in unserer Abneigung gegen Frau
drähmer, gingen gern auf diese Scherze ein und freuten
ins wie qaͤuf eine große Ergötzung, als Großmame uns
nes Tages ankündigte: „Frau Krähmer gibt ein Konzert
—— und ihr dürft mich dahin be—
gleiten.“
Viel zu früh kamen wir; unsere Ungeduld hatte sich
nicht bändigen lassen. Fast noch leer gähnte der Saal
ins an, als wir eintraten, und füllte sich nur langsam.
dleine Füße kamen angetrippeu die Schüler und Fa
erinnen der Konzertgeberin erschienen unter der Obhut
hrer Eltern oder des Erziehungspersonals. Ehrenplätze
nahmen einige ältere Herren ein, die von vielen jungen
Maͤnnern und jungen Fräuleins respektvoll gegrüßt wurden.
„Das sind die Professoren“, fagte die Großmama. Du
jeber Gott, wenn man vor so einem spielen sollte.
von den Varbietungen derer, die bei diesem Konzert
zus Gefälligkeit mitgewirkt häben, weiß ich nichts mehr.
Aber vor mir schwebt deutlich, unvergeßlich ein ergreifen—
des Bild: Frau Krähmer zwischen ihren beiden Söhnen.
der jüngere, ein Jüngling von etwa fünfzehn Jahren,
sandhobte seine Viola mit Ruhe und erstaunlicher Sicher⸗
eit, füllverguügt in der Ausübung seiner Kunst. Der
Atere, der Violinspieler, war hoch aufgeschossen, hager und
hatte auffallend rote Flecke auf den Wangen. Er wandte
hie leuchtenden dunkeln Augen nicht von seiner Mutter.
Fragend, erratend ruhten ste auf ihr, und aus ihnen sprach
Vergötterung Ja, ich habe das gesehen! — oder vielmehr
dur“ geahnt. Die größté Zärtlichkeit, die ein Menschenherz
mpfinden kann, die herborgeht halb aus Begeisterung,
dalshe uüs Erbäarmen. leuchtete aus diesem Sahnesblick
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Und sie, seine Mutter ... Schüchtern fast war die ge—
ürchtete Meisterin vor ihre Schuüler getreten und stand
»a, eng umschlossen von einem schwarzen Seidenkleid, das in
pärlichen Falten an ihr niederhing. O gewiß! wenn Kleider
prechen könnten, das ihre hätte gesagt: „Was zerrt ihr
nich aus meiner Dunkelheit ans Tageslicht, das zum Ver—
äter wird an meinem Gebrechen?“ Eine ähnliche Sprache
jätte wohl das kleine Spitzentuch geführt, das über der
zrust Frau Krähmers getreuzt war. Auf dem Kopf trug
ie eine weiße, unter dem Kinn gebundene Haube, und jetzt
ah man erst, wie schön braun ihre glatt gescheitelten Haare
roch waren, und wie rein das Oval ihrer Wangen sich
rhälten hatte. Und ihre Hände, die wir heute zum ersten—
näl ohne Hülbe erblickten, mußte man bewundern. Schlanke
dände mit seelenvolben Fingern. Ihre Spitzen berührten ab—
bechselnd eine oder die andere der blanken Klappen des
Instruments, aus dem die Meisterin wie mit leisen Küssen
iebliche Töne hervorlockte.
Heitere Melodien erklangen; manchmal glauöte man dis
ilberne Lachen eines Kindes zu hören. Es hob sich hell ab
»on dämumeriger Begleitung. Die Stimmen der Viola und
ver Vidline schmiegten sich ihr an, trugen sie, blieben immer
»oll Hingebung dienend und untertan, ob ihr tiefernster
Besang in breitem Strome flutete und brauste, ob er kristall⸗
lar dahinglitt mit seidiger Geschmeidigkeit.
Es war traumhaft schön. Man konnte eine Landschaft
»or sich hinzaubeen under grauem Himmel mit weitem
Ausblick in die Ferne; alle Umrisse unbestimmt, die Farben
neinander verschmolzen. Aber verborgen in den Zweigen
ines Baumes haͤtte sich ein Vogel — der sang. Sang Licht
uind Duft und Farbe in die graue Landschaft hinein...
d du gebenedeites Kehlchen! Gebenedeit vor allem, die uns
on seinen Wundertönen träumen läßt, — die Klarinette
Frau Krähmers.
Mit fanatischer Bewunderung sah ich zu der genialen
zünstlerin im dürftigen Gewand empor, mit derselben Emp⸗
indung meine ich, mit der ihr Sohn sie ansah. Auch in
neine Bewunderung mischte sich ein namenboses Mitgefühl.
zch bin ja damals nur ein unwissendes Kind gewesen, aber
Fabon hätte ich gehört; Todesrosen nennt man die roten
zlecke, die auf den eingefallenen Wangen junger, hagerer
HNenschen brennen. Sah die Mutter die Rosen auf den
hen ihres Lieblings, ihrer Hoffnung, ihres Stolzes
richt?
Marie von Ebner⸗Eschenbach.
Marie Eugenie delle Grazie
Musik.
Es bleibt ein Hauch von allem, was wir träumten
Und fühlten wundersam in uns zurück;
Und ob der Täuschung Wogen auch verschäumten,