Full text : 7.1929-1930 (0007)

Zeite 190 hpeee
vieles erlernen und in vieles hineinwachsen kann, wenn man
s'ich darnach sehnt und alle Kraft anspannt, daß eine Per—
önlichkeit nicht gebönen wird, sondern sich entwickelt —
wie hat Ludwig Fugeler es an sich selbst in tausend Bitter—
nissen erfahren müssen! Sein Leben hat immer im Rhyth—
mus edelster Musik gestanden. Orgelrauschen grüßte den
sKnaben in der Heimatkirche, Beethoven vollendete sich in
hmm unter Brigittens sprechenden Händen im Hause des
Thefs, Olbrich und Maidi fesseln ihn im gemischten Chor,
mit feinem Geigenstrich vollendet sich sein inneres Werden,
Ausschnitte aus diesem Roman, die wir in vorliegender
Nummer darbie?en, sollen den Wunsch wegken, sich weiterhin
den Werken der gemütswarmen Dichterin zu beschäf—
igen.
„Mehr Liebe“, ruft Anng Schieber allen zu, die auf
sie hören wollen, „mehr Liehe!“ Darum bittet sie in
ihren, weihnächtlichen Geschichten .. und hätte
die Liebe nicht“, wo sie den alten Schulmeister von
der kleinen liebehungrigen Elisaheth erzählen läßt, oder in
der Geschichte von Fräulein Marie. Diese Bitte tönt uns
entgegen in „Sonnenhunger“, Geschichten von der
Schattenseite. „. . . Sie wollten albe auch einen Platz an
der Sonne haben, die Leute, die in diesen Blättern ver—
ammelt sind.“ Es gibt soviel Sonnenhunger auf der Welt,
hewußden und unbewußten. Fünf Geschichten von großer
Herzenswärme: Ein Kinderleid, Unterweas, Wie der Groß—
vater das Lachen gelernt hat, Rosel, Geschichte von einer,
die tat, was sie wollte — ob sie sich selbst im Schatten
stehen wie der Graßvater, ob sie sich nach Liebe sehnen
wie der mutterlose Bub und die Maagad Rosel, ob die
Früchte allzuspät vreifen wollen, wie bei Stine Habermann,
oder ob der einsame Wanderer ein Licht über dem Ab—
grund hin erspähen möchte, sie haben alle Sonnenhunger!
Und je mehr man sich hineinvertieft in diese lebenswahren
Szenen, um so mehr spürt man sich selbst bereichert an
seinem inwendigen Menschen. „aAmaryllis“ und andere
Geschichnen, und „Rer Lebens-und Liebesgarten“
lassen in ihren kurzen sinnigen Geschichten erkennen, wie
innig die Dichterin mit ihrem schwäbischen Heimatland und
seinen Bewohnern vertraut ist. Wer könnte wohl jemals
vieder Meister Zenneck vergessen, der im Kriege dem Tod
so tief in die Augen geschaut hat, und der deshalb das
Leben nun doppelt liebt. Bei jedem tiefen Erlebnis in
seiner Familie, Kommen und Gehen, Geburt oder Tod,
oflanzt er zum Gedenken ein Bäumlein in seinen Garten,
so daß am Ende ein rechter „Lebens- und Liebesgarten“
dargus entsteht. Wir lassen uns in „Wanderschuhe
und andere Erzählungen“ und „Allerlei
Kraut und Unkraut“ von der Dichterin bei der Hand
nehmen und hinführen zu den kleinen Handwerkern in
die „Himmelreichgasse“, wo das feine Fräulein aus der
Stadt als Sommergaast im Giebelstübchen wohnt und soviel
Freude und Licht spendet. Oder wir sißen bei Markus Lohr—
mann in seiner Bauernstube und warten mit ihm auf sein
Weib. Mirza, die Zigeunerin, hänat mit aller Liebe und
der ganzen Mütterlichkeit ihres Herzens an Mann und
stindern, und doch treibt sie das rätselhafte Verlangen.
Stille und Heimat zu verlassen und ruhelos und traurig
in der Fremde herumzuicren wie ihre Stammesgenossen.
Nehberall in ihren Geschichten läßt Anna Schieber auch
das kleine Völklein der Kinder mitreden, denn gerade
die Kleinen sind ihr besonders ans Herz gewachsen. So
läßt sie uns die „Holper- und Stolperwege“ Ludwig
Fugelers mitgehen, und in all ihren Geschichten spüren
rwir, mit wieviel seinem psychologischen Verständnis sie
unges Werden und Streben belauscht. Nur wer selbst in
einem Herzen bis an der Schwelle steigenden Alters in—
vendig Kind geblieben ist, kann den Silberstift so trefflich
iber auch so weich und warm führen.
Denn Anna Schieber sieht alle die kleinen und großen
Dinge dieser Welt als ein Gleichnis, als einen Hinweis
auf ihren göttlichen Ursprung. Das bezeugen ihre
„Balladen und Lieder“, in denen die Dichterin Stoffe
aus dem Leben in und um uns, aus Märchen und Sagen
und aus der Heiligen Schrift in dichterische Form gebraͤcht
hat. Nicht zuletzt ist ihr Gedichtband , Bruder' Tod“,
ein Lied vom lebendigen Leben, zu nennen, in dem der
Tod nicht als grausamer Würger, sondern als der gütige,
vissende Freund kommt, der, in höherem Dienst stehend, sein
Amt zu berxichten hof?

»Vu h! Saar⸗Sänger⸗VBund JIInen

runhh Nr—
Es kommt aus tiefem Bronnen,
Ein bitt'rer Trank geronnen,
Wenn ich die Schale fülle.
Der ist gar bald genesen,
Dem sinket jede Hülle
Des Scheins — er schaut das Wesen. M. W

Musik.

Es war einmal ein Tag, da machte ich die Augen auf
n einem hohen, weiten Raum. Das ist das erste von allem
dessen ich mich entsinnen kann, es ist mir, als sei ich
damals in die Welt hereingeboren worden. Ich lag auf
ziner Bank, die eine hohe geschnitzte Lehne hatte, und sah
mit blinzelnden Augen um mich und über mich. Es ging
soch hinauf, fast schwindlig hoch, und ich spürte auf einmal,
daß ich ein klein-kleinwinziges Büblein und nicht daheim in
neiner Stube sei. Da waren viele steinerne Säulen, die ablle
o unmentichlich hoch und groß waren und oben irgendwie
usammenstrebten. Und da waren Fenster, durch deren bunt—
arbiges Glas Ströme von farbigem Licht in die hohe,
»ämmerige Halle flhoössen. Das Licht floß an den Stein—
äulen hin und auf dem Fußboden weiter und traf auch
nich, und auf einmal fing es an, zu klingen, zuerst hoch
und hell, und dann leis und zart, und dann so müchtig,
mmer stärker und mächtiger, daß ich nicht wußte, wo ich
zinsliehen sollte, so mächtig dröhnte und tönte das Licht.
das ich noch nie gesehen hatte. Es tat mir etwas wohl,
Wer noch viel weher tat es daneben, und ich tat, was
alle Kinder in der Not ihres erschrockenen Herzleins tun
nögen, ich rief der Mutter.
Sie hörte es nicht, weil das Getöse so stark war, da
zief ich lauter und lauter und rutschte von der Banfk
hernnter auf meine Füße und schrie: Mutter, Mutter!
Da hörte ich unter das starke Tönen hinein eine Weiber—
timme, die gehörte einer breiten, dicken Gestalt, die einen
Besen führte, und sie rief nach einer Ecke hin: „Fugelerin
Ihr Bub ist aufgewacht, er schreit.“
Gleich darauf tauchte meine Mutter zwischen den Stein—
äulen agauf und kam schnell auf mich zu. „Still, stid, Lud—
wig“, sagte sie und wischte mir mit einem trockenen Zipfel
hrer nassen Schürze die Tränen weg, die mir im ersten
Zchreck über die Backen gesprungen waren. Und dann nahm
ie mich an der Hand und führte mich den langen Weg
wischen den Säulen hindurch bis an einen großen stei—
zeren Tisch, auf dem eine grüne Decke lag mit silbernen
Fransen und hieß mich auf die Stufen niedersitzen, die zu
»em Tisch hinaufführten.
Ein Teppich lag darauf, den streichelte ich mit der Hand.
xẽr war so weich und dick, wie das grauue Fell unserer
Katze daheim, und ich bekam einen halben Wecken, den die
Mutter aus der Tasche 300. Ich solle jetzt ruhig hinfitzen und
auf das schöne Orgelspiel horchen, sagte die Mutter, und
als ich fraate, was das sei, Orgelspiel, hob sie den Finger
in die Höhe und sagte: „Horch, Büble, da droben kommts
herunter, dort, wo es so silberig glitzert an der Wand.
Dort, sitzt ein Mann und spielt, und morgen ist Sonntag,
da sitzt alles poller Leut' in der Kirche, und da muß
er wieder spielben“; dann ging sie, und ich sah sie dort
drüben mit Eimer und Schrubber hantieren, und da konnte
nich das Große, Fremde nicht mehr anfechten weil ich ihre
ebendige Nähe spürte.
Aber das konnde ich noch nicht verstehen, daß das Tönen
dort, oben herunterkomme und das Scheinen zum Fenster
herein. Es war beides da, der Raum war voll davon, und
wein Kinderherz war voll davon, und als ich mit der
Mutter heimkam, da rief ich den beiden Schweftern, die in
dem schmalen Vorgärtlein neben der Haustür saßen und
strickten, entgegen: „Ihr müßt einmal“ mitgehen, in dem
großen Haus drin ist etwas ganz vot und blau und aolde—
nes, das schreit so arg.“
Da lachten sie und staunten, daß ich solche Sprüche tue
und erzählten es am Abend unfserem Mietsmann, dem Hein—
rich Kilian, der mit seinen sechzig Jahren noch Ausläufer
in kiner Buchhandlung war, und der immer alles wissen
wollte, was ich den Tag über gesagt und getan hatte.
Er hatte mich stark in sein altes Herz geschloffen, die
Freundschafl war aber gegenseitig.
Ich meine, mich zu entsinnen, daß ich an jenem Abend,
als die Schwmestern um ihn herumftanden und ihm von
meinem Ausflug in die Girche in do min Mirssor iim
            
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