Full text : 7.1929-1930 (0007)

Deutsche Frauen der Gegenwart.

Oem Saar-Sänger-Bund meinen Gruß! Er hat eine
Egroße Aufgabe zu erfüllen! Beethoven läßt in
seiner einzigen Oper, dem „Fidelio“, die Treue über
alle Bosheit, über Ketten und Kerker siegreich
triumphieren!
Möge bald der Tag kommeen, an dem der Saar—
Sänger-Bund ein Triumphlied des Sieges anstimmen
darf — des Sieges der Treue zum deutschen Vater—
land, die Ketten bricht und aus dem Dunkel der Ge—
fangenschaft zum hellen Licht der deutschen Freiheit
ührt! Gabriele Reuter.

Gabriele Reuter.

Gabriete Reuter trat in diesem Jahr in die Reihs
der herühmten Siebzigjährigen! Wenn die Dichterin die
Geschichte ihres Lebens überdenkt, so überschaut sie gleich—
zeitig ein reiches Stück deutscher Frauengeschichte, an dem
ie selbst den lebendigsten Antell genommen hat. Als
Tochter eines weitsichtigen, welterfahrenen Kaufmanns er—
zlickte sie am 8. Februar 1859 in Alexandrien (Aegypten)
das Licht der Welt. —— — so plaudert sie in
ihrem autobiographischen Werk „Bom Kind zum
Menschen“ — ging es bei ihrer Geburt zu. Die Hebamme
war eine Französin, die Wartefrau stammte aus Italien,
die Amme war eine Negerin, und dazwischen stand noch
die deutsche Berta. Ueberaäus reizvoll plaudert die Dichterin
in ihrer genannten, bei S. Fischer, Berlin, verlegten, mit
zahlreichen Bildern geschmückten Selbstbiographie. „Unser
Schicksale sind ja recht eigentlich unsere Vorsahren — und
der Dichterin gütige Mutter, die den Gatten so lang über—
beste kennen, die kulturbewußten Urgroß- und Großeltern,
den zielsicheren, geist- und gemütvollen Vater, der allzu
früh verftarb, das holde Hannuchen, die „Rose vom Werder“,
der Dichterin gütige Mutter, die den Gatten so lang über—
lebte und an der Tochter Seite ihr Greisenalter verbringen
durfte, Geschwister, Erzieher, Gaͤste des Hauses. Wir be—
schreiten die Schauplätze, die ihr Werden sahen, den
ODrient, Dessau, wieder Alexandrien, Kairo, Ramleh, Kloster
Althaldensleben! Bittere Lebenstragik riß sie aus Welt—
weite und glänzenden Verhältnissen heraus, als sich nach
des Vaters allzu frühem Tode die Witwe in die Klein—
stadtenge Weimars zurückzog, wo nach dem damaligen
Stande des Mädchenbildungswesens die starken geistigen
Interessen Gabrieles nicht zur Entfaltung kamen und sie
mit den kleinbürgerlichen Aufgaben der Haustochter „Stiefel
putßzen. Jungenhosen flicken. Strümpfe stopfen. kochen.

vaschen, plätten, Wasser schleppen“ beschäftigt blieb. Erst
die Uebersiedlung in das freiere München löste dem Genius
die Swingen Ihrem Frühwerk Octavia folgte 1895 der
IF „Aus guter Familie“, Verlag S. Fischer.
erlin.
Wie eine Bombe schlug dieses revolutionäre Werk in
ie deutsche Oeffentlichkeit! Mit heißem Herzen folgt der
deser teilnahmsvoll dem Werden, Blühen und Verwelken
er schönen Agathe Feidling, die als Tochter eines Re—
lierungsrates treibhäusartig in der vorurteilgesättigten
Ztickluft abgestandener und oft heuchlerischer Erziehungs—
zrundsätze gufwächst ohne Rüstzeug für die Iprderungen
des Lebens. Alle Jungmädchennöte jener Zeit, von der
Verfasserin selbst aufs tiefste erlebt, vergegenwärtigen —9
uns, gesammelt, wie in einem Brennglas: Zurückstehen
nüssen gegen den Bruder, Offizier, Gebundensein an
daus- und Hausarbeit, dogmatische religiöse Beeinflussung,
Abdrosselung eigenen Denkens, künstlich gezüchtete Scheu
vor dem Natürlichen, der Einfluß der Freundinnen
in Schule und Pensionat, der demütigende Stumpfsinn
der Hausbälle und Hausgesellschaften, und dann all
die Seelenkonflikte, die sich für die Sehendgewordene
ergeben müssen: Schicksale des Arbeiterkindes, doppelte
Moral des jungen studierten Mannes, Einblick in
„bürgerliche“ Ehen voller Heuchelei, Künstlerliebe, Geld—
heirat, Schicksale der unverheirateten Mutter und des
unehelichen Kindes, sozialistische Problematik, Dekorum⸗
pflichten des Beamten, weltanschauliche und religiöse Zu—
sammenbrüche, Sehnsucht nach Liebe und Ehe, Sehnsucht nach
dem Kinde! Ein klägliches Zusammenbrechen eines wert—
oollen jungen Menschen im Joch! Man kaänn es sich vor—
stellen, daß dieser Roman als Tendenzroman die Welt
erschütterte, Eltern und Erzieher eeee ließ und
von der Jugend wie ein Frühlingssturm begrüßt wurde.
Und daß er wesentlich beigetragen hat an der Neuorientie—
cung des weiblichen Erziehungs- und Bildungswesens;:
Sleichberechtigung von Knaben und Mädchen, Recht des
Mädchens auf Entfaltung seiner Anlagen zur Gestaltung
einer Persönlichkeit, Reifmachen nicht nur für die äußeren,
ondern auch für die inneren Forderungen der Ehe,
KRichtung auf ein tätiges Leben, auf einen Geist und
derz erfüllenden Beruf! Aber auch das fordert Aner—
ennung, daß dieses Werk nicht ein Tendenzroman schlecht⸗
zin ist, der mit dem Sieg der in ihm verfochtenen Idee
eine Bedeutung verliert, sondern daß es sich um ein
reifes Kunstwerk handelt, das auch in Zukunft einen Ehren—
»latz in der deutschen Literatur behaupten wird.
Ebensowenig wie in „Aus guter Familie“ handelt es
ich in dem farbenreichen im gleichen, Verlag erschienenen
oman „Ellen von der Weiden?“ um eine Sensation.
Wie Ellen immer wieder neuen Aufschwung nimmt, sich
neihrer flachen, seelenlosen Ehe ihrem in leergebrannten
kraditionen denkenden Mann anzugleichen und schließlich
»och erkennt, daß sie ihr Dasein auf zwei verschiedenen
Z„ternen haben und der unermeßliche Weltraum sieè trennt,
ind wie sie dann aus ungebrochenen Jungmädchenkräften
»en Mur zur Wahrheit findet und die Ehe trennen läßt —
»as ist wahrlich nicht Sensation, ein mühsam aus blühen⸗
»em Leben herausgegriffener Einzelfall, sondern Alltags⸗
ragik! Diese Frau will keine Ehe mit einem Gespenst
wischen sich am Tisch, zwischen sich auf dem Lager; als die
vewohnheit verloren ging, Freude und Kummer mit—
inander zu teilen, will sie die Lebenslüge nicht verewigen.
Ind sie fand unter dem Diadem der Mutterschaft auch
draft, die Reue zu besiegen. Wahrlich, ein ganzer Mensch.
Ind so weist Gabriele Reuter letzten Endes in all ihrem
ius reichster Lebenserfahrung gesättigten Schauen. Denken
ind Dichten Wege zum Menschentum, auch für das Weib
Vege zu freiem, aufrechtem Menschentum! Dieser steil—
iufsteigende Weg in die Freiheit muß auch Hilde in dem
nteressanten Roman „Der Amerikaner“ gehen. Sicher
jeht ihr Fritz von Kosegarten, der alle vorurteilbeladene
kradition des altadligen Geschlechts hinter sich warf und
n Amerika den Mut zum Menschen fand, voraus. Auch in
einer Stellung zur Frau ist er der deutschen Tradition
remd geworden: Das Geld der Tante, das Geld der
Rrzogin. das Gesd der Braut. das ist die Rolle, die
            
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