Full text : 7.1929-1930 (0007)

Zeite 10 IIhb

Saar⸗Sãnger⸗Bund

Nr. 1

das leidige Geld, die zuweilen, namentlich um Neujahr
hbegründete Nervosität erregt, aber standhaft überwunden
vird. Wie wunderbar und lebensvoll sind auch andere
schwierige Probleme behandelt, die mit dem Größerwerden
der Kinder sich einstellen. Und wie ergreifend sind die
Sorgen und Schwierigkeiten geschildert, welche die Ver—
sobung und Verheiratung der Tochter nach Süde-West mit
sich bringen. Schöner und idealer kann man sich das Ver—
zältnis zwischen Mutter und Tochter nicht mehr denken,
ils es hier bei dieser Gelegenheit in Erscheinung tritt.
Das muß man lesen und bewundern, wie überhaupt das
Buch „Werden und Wachsen, die Erlebnisße
der großen Pfäfflingskinder“ geradezu ein klas⸗—
sisches Meisterwerk genannt werden muß, mit seinem Reich—
tum an Gestalten und Problemen, mit der Tiefe seiner
Lebensauffassung und seiner inneren Wahrhaftigkeit. Wo
önnte auch die Jugend bessere und reichere Lebenserfah—
rungen kennen lernen, wo das Alter edlere Erziehungs—

darin. Wer als Kinderarzt nicht dieses feine pädagogische
Verständnis besitzt, das sich nicht lernen läßt, wird
ein schlechter Arzt bleiben, selbst wenn er wissenschaftlich
mit Erfolg sein Examen bestanden hat. Da ist es eine
mit Erfolg sein Examen bestanden hat. Von Herzen möchte
er allen seinen Kollegen ihre kleinen Kinderbücher emp—
zehlen, weil sie ihnen viel für die Praxis sagen könnem
Dr. Hans Rietschel wünscht vom ärztlichen Standpunkte,
daß viele deutsche Mütter die Schriften der Agnes Sapper,
»or allem auch „ZEk5rziehen und Werdenlassen“ —
m gleichen Verlag, Preis 4,80 M. — lesen und beherzigen
nögen. Und mit ihm wünschen auch wir, daß der Same,
der durch die Bücher in die deutschen Familien ausgestreut
wvird, vielfach Früchte bringen möge. E. W.
Eleonora Duse.
Unter den Musikern liebte sie Beethoven über alles.
Zein Bildnis begleitete sie fast immer auf ihren Reisen;
die wundervolle Biographie Romain Rollands war ihr
rin treuer Freund. In dem wilden Klang der Sonaten
und Symphonien hörte sie das Gewitter der eigenen
Brust, und in den Adagios leuchtete der Friede, nach
dem ihre Seele trachtete. Auch für moderne Musik hatte
sie viel Empfindung. Aber wenn Debussy, das verfüh—
rerische Genie, sie auch zeitweise gefangen nahm, wenn
zuch die Russen ihr starken Eindruck machten, ihre eigent—
liche Liebe galt doch den Klassikern, Monteverdis klarer
Broßheit, Palestrinas polyphonem Reichtum.
(Aus Eduard Schneider: „Eleonora Duse“.)
Insel-Verlag, Leipzig.
Eleonora Duse, die gefeierte italienische Schauspielerin,
jinterläßt in jedem bei Lektüre obigen Werkes über ihr
irbeitsreiches Leben ein tiefes, stark innerlich-seelisches
Bild. Ihr Lebensweg war der Weg einer besonderen Frau.
Alles in ihrem Leben zeigte nach dem letzten Ziel — Voll—
endung der Seele — ein geistiger Mensch werden zZu
vollen. Um Eleonora Duse recht verstehen zu können,
darf man nicht nur bei Berichten über Theatervorstellun—
gen verweilen. Man muß Menschen fragen, die Eleonora
Dduses Freunde waren. Sie erzählen uns dann, daß ihr
Frauenfum und künstlerischer Sinn eine wundervolle, nicht
zoneinander zu trennende Harmonie bildeten. Theater—
pielen bedeutet für sie — eigenes Erleben und Fühlen.
Ihr Spiel kam aus den Tiefen einer seelisch reichen Frau
—einer Frau, die stets zu geben bereit ist.
Der Lebensweg Eleonora Duses ist keinesfalls ein
»ornenloser. Am 3. Oktober 1859 wurde sie in Vigevano
n der Lombardei geboren. Ihr Vater war Schauspieler.
Die Kinderjahre sind ein stetes Wanderleben. Von einem
Irt nach dem andern wandert die Theatertruppe ihres
baters. Früh lernt sie bitterste Armut und Not kennen.
Die vierjährige Eleonora tritt schon auf der Bühne in
»er Rolle der Cosette in den „Miscrables“ auf. Im ihrem
14. Lebensjahr verliert Eleonora Duse die Mutter. Das
janze Leben schien von da ab doppelt schwer. Den Vater,
der ihr danach noch das einzige Stück Heimat gewesenl
nußte sie auch bald verlieren. Nun galt es, allein weiter
u kommen. In der Truppe Luigi Pezzana fand sie Auf—
tahme. Hunger und Not blieben auch hier dieselben. Die
Zorge um Kleidung gesellte sich dazu. Später findet sie
in Engagement in der Truppe von Giotti und Belli—
ßlanes. Mit diesem Engagement begann ihr freilich noch
ür lange schmerzensreicher Aufstieg. Doch ihre Art zu
pielen, nahm das Publikum immer mehr gefangen. Jeder
Kolle drückte sie durch ihr unvergleichlich ausdruckfähiges
hesicht, ihre tiefglühenden Augen und die Echtheit, die
ie all den Gestalten verlieh, einen Stempel auf. Ihr
ganzes Spiel war dergestalt, daß die Zuschauer es nie
vieder vergaßen. Eleonora Duse unternimmt Gastspiel—
eisen, Von Jahr zu Jahr wird sie begeisternder gefeiert.
Von Wien, London, New VYork, Südamerika, Moskau aus,
»on überall her juübelt ihr die Masse zu. Ganz anders
n ihrer Art als die große Sarah Beruhardt, erntet sie
doch in Paris ihre unvergleichlichen Triumphe.
In Gestalten der Ibsenschen Dramen fand Eleonora
duse das, was sie fuchte. Sie spielte eine Nora mit einer
ẽchtheit wie keine andere es konnte. Philosophische Dramen
vagte sie auf die Bühne zu bringen. Annunzios Ge—
talten gab sie tiefe Wahrheit, und unvergeßlich wirkte sie
ils Silvia Settala in der „Giveonda“, als die Wahn—
inne ge in S— — maftine di rimaverate gIVt

Aanes Sapper.

grundsätze und zmethoden finden als hier bei dem lebens—
varmen, prächtigen Musikschuldirektor von Marstadt und
einer geliebten, ihm so würdig zur Seite stehenden Frau
Täzilie, die in ihrer schmerzlichen Witwenzeit ihn noch
jast überstrahlt, oder bei diesen Kindern, deren jedes
seinen Mann stellt und sich durchringt im Leben, obwohl
es bei einigen durchaus nicht so glatt geht und sie samt
und sonders nicht auf Rosen gebettet sind. Gymnasial—
lehrer und Jurist, Mathematiker und Geigenbauer,
Farmersfrau und Turnlehrérin, — so viel Zielé, so viel
berschiedene Wege und Naturen, so viel Gegenfätze und
auseinanderführende Triebe und Neigungen, doch alles
gebändigt vom milden Hauch einer trauten Gemeinschaäft,
in der die Mutter die Tonart und der Vater den Rhythmus
angibt, wie man bei dieser musikalischen Familie sagen
kann und muß, um im Bilde zu bleiben. Aber auch die
übrigen Werke, wie z. B. „Gretchen Reinwalds
erstes und letztes Schuljahr“, „Lieschens
Streiche“, „FFrau Pauline Brater“ und wie sie
alle heißen mögen, die uns die schlichte Frau geschenkt hat,
bereiten eine goldene Freude, verklären den Alltag uͤnd
ilößen Lust und Vertrauen zum Leben ein.
Dr. Hans Rietschel, Universitäts-Professor in Würz—
burg, schreibt, daß er als reifer Mann seine helle Freude
an Agnes Sappers Schriften gehabt habe. Doch spricht er
»on ihr nicht nur als der wundervollen Erzählerin, wie
sie uns in oben genannten Büchern entgegentritt, son⸗
dern er bewundert ihre Kunst, der Seele des Kindes so
deredt Ausdruck zu geben. In der unübertrefflichen
Zchilderung der Kinderstube des deutschen bürgerlichen
dauses liegt ein außerordentliches Verdienst der Agnes
Sapper. ig os steckt ein Stück deutsichen Gsturerie,
            
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