Full text : 7.1929-1930 (0007)

Seite 168

—LD

iIIIM

Saar⸗Sänger⸗Bund

gezogenen, und beim i gebe es nur einen schmalen Spalt
wischen den Lippen, und was dergleichen Unsinn noch mehr ist.
Dagegen ist zu sagen: Wenn das ein noch so berühmter
Zänger gesagt — so ist das von seinem Standpunkt aus ein
harmloser kleiner Irrtum, der ihm gar nichts schadet, er
tann auch singen, wenn er meinetwegen auf dem Kopfe steht
und ein Gesicht schneidet; man muß nur nicht glauben, daß
olche Nebensachen den guten Klang hervorbrächten. Was die
veie betrifft, so steht fest, daß sie nicht durch die Lippen
zgebildet werden, sondern durch die Zunge, die bei jedem Vokal
im Innern des Mundes eine andere Form annimmt; was die
Zunge da jedesmal tut, geht uns gar nichts an und darf
auch gar nicht gewußt werden. Es wird lediglich unbewußt
zemacht und nur vom Ohr kontrolliert.
Was aber tut der Sänger mit seinen Lippen? Denn es ist
zurchaus nötig, die Lippen zu beschäftigen. Nun, zunächst sind
ie ja bei vielen Konsonanken beschäftigt, aber auch bei den
Vokalen haben sie eine bestimmte, wenn auch zwanglose Ein—
tellung. Sie ist wichtiger, als es viele Sänger wissen. Die
Lippen befinden sich dauernd, bei allen Vokalen, in leicht
vorgeschobener Stellung, andeutungsweise wie das äußere Ende
eines kleinen Schalltrichters. Die Mundwinkel sind dabei nicht
offen und rund, sondern stets leicht geschlossen, sogar im Forte.
Wenn sie offen sind und herabhängen, ist es falsch. Der un—
ätige, undisziplinierte Mund gibt nur undisziplinierte Töne.
Vielleicht wird der Einwand gemacht, daß durch das Mildern
der Konsonanten und der extremen Vokalfarben (i, u) die
Deutlichkeit des Textes beeinträchtigt würde. Das kann richtig
ein, es schadet aber manchmal auch gar nichts. Im Gegenteil.

ufphh Nr.
ꝛs soll bisweilen so sein. Wir fangen hier an, zwischen ver—
chiedenen Stilen einen Unterschied zu machen. In ausge—
prochen dramatischem Stil kann und soll wohl der Text ganz
charf heraus, zum Beispiel: „Dein Schwert, wie ist's vom
Blut so rot, Edward, Edward.“ Beachten Sie: fast jede Silbe
nit einem geschlossenen Vokal, jedes Wort wie ein Schrei. Man
tann ganz nebenbei fragen, ob die dramatische Wirkung eine
nusikalische Angelegenheit ist und nicht vielmehr eine außer—
nusikalische. Man lese das Buch von Walter Dahms: „die
Offenbarung der Musik“. Ich möchte mich so äusdrücken:
Wenn die Musik nicht zu schade ist, sa kann man ja vorwiegend
ramatisch sein, sowie es sich aber um eigentliche musikauische
Wirkungen handelt, wird die dramatische Textbehandlung neben—
ächlich, wird überflüssig, wird Spielerei. Beispiel: J. S. Bach,
A⸗Moll⸗Messe, gleich am Anfang die Fuge. Eine gewisse Grund—
timmung, Kyrie eleison, Herr erbarme dich unser. Gut! Aber
trun wollen wir nichts, nichts anderes hören als die reine
Musiksprache Bachs, möglichst ohne Störung durch Konsonanten⸗
zepolter und grelle Vokale. Und da ist es denn am Platze, diese
ztörungen bis auf ein Minimum abzuschwächen. Dies haben
ꝛinzelne feinere Musiker schon immer getän, aber den meisten
Zängern dürfte es noch nicht klar geworden sein. Es gehört
allerdings guter Wille und auch Phantasie dazu, um dies
richtig zu verstehen: Ich habe nicht gesagt, man soll beim
Singen den Text so undeutlich wie möglich aussprechen. Ich
etze ja gerade eine ganz gründliche Sprachlautbildung an den
Anfang des Studiums. Erst auf Grund dessen darf man
die Textdeutlichkeit in bestimmten Fällen verachten.
(Fortsetzung folgt.)

Dirigenten Gesangverein.

MN folgenden Ausführungen möchte ich eine Angelegen—
heit zur Erörterung stellen, die für die Weiterent—
wicklung unserer Sängersache meines Erachtens äußerst
wertvoll ist. Wenn dieses Thema als Punkt der Tages—
ordnung einer der nächsten Dirigententagungen auifgestellt
wird, so daß bei dieser Gelegenheit die Sache weidlich be—
sprochen werden kann, so gläube ich heute schon an die
Bründung eines Dirigenten-Gesangvereins.
Durch Wertungssingen, Vorträge und Dirigentenkurse
sucht der S. S. B. seit Jahren den Männergesang zu för—
dern. Ein, unverkennbaäarer Aufstieg ist bei den meisten
Vereinen die Folge gewesen; und doch gibt es leider noch
allzuviele, bei denen fast kein Fortschritt festzustellen ist.
Wie ist das möglich, fragt man sich. An Entschuldigungs—
gründen ist man nicht verlegen: die Wechselschichten, der
Mangel an Nachwuchs, verursacht durch die Sportfexerei,
Streitigkeiten zwischen Ortsvereinen — aͤlles das muß her—
halten, um die Sache zu beschönigen. Aber den tiefften
Brund für den Stillstand in vielen Vereinen, den darf
kein Wertungsrichter und kein Bundesvorstand nennen,
wenn er nicht in ein Wespennest stechen will. Es betrifft
diejenigen Dirigenten, die ihrer Aufgabe in keiner Weise
gewachsen sind, Ich habe schon öfters die wackeren, sanges—
eifrigen und sangesfreudigen Sänger bedauert, daß trotz
zahrelanger Arbeit immer noch kein Ansatz zum Besseren
zu verspüren war, um so mehr, da sie von der Tüchtig—
keit ihres unfähigen Führers überzeugt waren. Gerade
dieser Glaube in den Vereinen macht es den Wertungs—
richtern und dem Bundesvorstand unmöglich, den Finger
auf die Wunde zu legen.
Um diesem Uebelstand wirksamer als bisher zu begegnen,
väre die Gründung eines D.G. V. das beste Heilmittel.
Ist die Idee des D.G. V. bei uns überhaupt durchführ—
har? Darauf möchte ich folgendes antworten. Ich halte
die Stadt Saarbrücken als den geeignetsten Probéort, das
Zängerheim als das beste Probelokal. Probetag und Stunde
önnen von den Dirigenten festgelegt werden. Mit monat—
lich 1422 Proben wäre der Sache vollkommen gedient. Die
Fahrtunkosten würden sich für der Stadt Saarbrücken am
weitesten entfernt wohnende Dirigenten auf ca 20— Fr.
delaufen. Wenn der Verein diesen Betrag seinem Diri—
zenten nicht ganz vergüten will, so doch wenigstens einen
Teil. Durch die Gründung eines D.G.V. wuͤrde meiner
Ansicht nach jeder Dirigentenkursus, der die Bundeskasse
piel Geld kostet, überflüssig sein. Die Bundeskasse dürfte
deshalb die Freundlichkeit besizen. am Jahresende den

veniger bemittelten Dirigenten eine Vergütung in ent—
prechender Höhe zu zahlen. Da nun die Möglichkeit be—
teht, Konzerte abzuhalten, wird die Frage: Vergütung
ür weniger bemitlelte Dirigenten wesentlich leichter.
Jeder Männerchordirigent muß sich, wenn er seinen An—
orderungen in efwa gerecht werden will, mehr und mehr
in die Männerchorlikeratur vertiefen. Die Eigenschaft
ils Dirigent, verlangt unbedingt ein Wissen mög—
ichst vielex Chöre, ohne solches Wissen wohl selten der
geeignete Chor für seinen Verein gefunden wird. Nach
neiner Auffassung müßte jeder Dirigent im Besitz der
bartituren des D.S. B.Liederbuches Bd. 124, wie auch
»er Peter'schen Kaiserliederbücher Bd. 1 und 2 sein. Wäre
iese hervorragende Liedersammlung nicht das geeignetste
dotenmaterial für unsere D.G.V. Ferner gehen jedem
Lhorleiter im Laufe des Jahres aufgefordert und unauf—
efordert eine Menge Partiturenkataloge zu, die in manchen
Fällen wertvolles Chörmaterial enthalten. Dann erinnere
ch an die Liederblätter des S.S.B. Also an Notenmaterial
ehlt es nicht. Wo und wann bietet sich den Dirigenten die
selegenheit, Chöre von Kaun, Lendvai usw. zu hören?
zehr, selten! Ferner hleibt es immer den allerbesten
Lereinen vorbehalten, Chöre solcher Meister zu singen.
zch erinnere an die Chöre der Nürnberger Sängerwoche!
das Klavier ist ein wenig geeigneter Vermittler, das nur
hnen läßt, wie dieser und jener Chor klingen mag.
ßartiturenlesen ist eine Kunst, die gut verstanden seim
vill. Der D.G. V. wäre sehr geeignet, über dieser Schwierig—
eit Herr zu werden.
Alle Vorträge über Rhythmik, Dynamik usw. setze
ch der Praxis hintan. Selb'ist singen, die eigne Stimme
m Chorsingen üben und ausbilden, dürfte wohl wesent—
ich wertvoller sein, als jeder Dirigentenkursus, der ein—
nmal dann und wann abgehalten wird, und in vielen Fällen
Jägliche Früchte bringt. Hier wäre das rechte
Arbeitsfeld für ünseren Bundeschormeist'er.
Es ist vorauszusehen, daß der Wissensunterfchied der ein⸗
zelnen Herrn Dirigenten groß sein kann, d. h., während
der eine Dirigent durch jahrelange Praxis große Fähig—
keiten an den Tag legt, ist vielleicht der andere „Chor—
meister“ noch wenig von Frau Musika beschenkt worden.
Weder der eine noch der andere dürfte jedoch berechtigt
ein zu Jagen: „Das habe ich nicht notwendig — eine der⸗
irtige Vereinigung ist für mich zweck- und nutzlos.“ —
Ldassen wir lieber den Wanderer Wotan aus R. Wagners
„Siegfried“ reden: „Mancher wähnte weise zu sein, doch
was ihm not tat, wuüßte er nicht.“ Auton Goöeragen.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.