Full text : 7.1929-1930 (0007)

—A—

zjuetschen. Nachdem man sie gründlich studiert hat, wird man
ich mäßigen müssen. Darüber später noch einiges.
Wir kommen zu den Vokalen und betrachten zuerst, daß jeder
Lokal in zwei Arten erscheinen kann, offen und geschlossen. Was
ind offene und was geschlossene Vokale? Genait dasselbe, was
nan im Volksmunde kurze und lange Vokale nenut. Beim
Zingen können wir diese Benennungen nicht brauchen, weil die
uurzen Vokale, wie in „Dorf“, auch auf langen Tönen ge—
ungen werden können. Da sagen wir lieber offene und ge—
chlossene Vokale, das entspricht nämlich der Mundöffnung,
»enn beim offenen Vokal „Dorf“ geht der Mund etwas weiter
uuf als beim geschlossenen Vokal „Dom“. „Der Dom“, da
saben Sie ein geschlossenes e und o. „Das Dorf“, da haben
Zie ein offenes a und o.
Was ist nun klanglich das Bessere? Dom oder Dorf? Dom
lingt schärfer, Dorf klingt runder und voller. Meine Antwort
st: Der runde volle Klang der offenen Vokale ist zunächst de:
essere: Dorf, Dörfchen, dürfen, dunkel, danken, denken. Var—
gleichen Sie die beiden o in dem Wort „Wonnemond“. Das
ffene der ersten Silbe „Wonn“, scheinbar nicht so laut wie
»as in der letzten „mond“. Dieses spitzer, scheinbar lauter,
iber wohl weniger tragfähig.
Die offenen Vokale darus Donner) vertragen sich, wenigstens
ür den Anfang, am besten mit einer guten Tonbildung, weil
zei ihnen — sprechen Sie „Dorf Dorf“ — der Unterkiefer am
wanglosesten die nötige Abwärtsbewegung machen kann. Diese
dieferbewegung ist bei den geschlossenen Vokalen (Dom) am
Anfang viel schwerer: Man bekommt den Mund nicht auf. Wir
nüssen ihn aber aufkriegen. Wir müssen, mit anderen Worten,
»en offenen Vokal (Dorf) als Modell betrachten und müssen
»en geschlossenen (Dom) jenem ähnlich machen, mit Geschick, denn
um Verwechseln ähnlich für das Ohr sollen sie nicht werden.
der geschlossene Vokal (Dom) soll nur die guten Klangeigen—
chaften des offenen (Dorf) mitübernehmen, mifbekommen. Nichts
st einfacher. Ich sage zu den Sängern: Singen Sie bitte die
»eiden Worte „Dorf“ „Dom“. Bilden Sie klangvoll mit einer
leinen, aber bewußten Abwärtsbewegung des Unterkiefers das
Wort Dorf. Lassen Sie nun den Mund für das nächste Wort
dom ziemlich in derselben Stellung. Hier haben Sie quasi
nder Nußschale das große schwere Kapitel vom Vokalausgleich.
Natürlich muß zuerst immer der betreffende offene Vokal
Dorf) gut gelingen. Erst nachdem sich hier der Mund wirklich
zu bewegen anfängt, kann zu „Dom“ übergegangen werden.
Aehnlich bei e (denken), dann ein Wort mit offenem und
zeschlossenem e, „dermehren“. So geht man alle Vokale durch.
Bei u wird es schwer. Schon das offene u (unten) kann leicht
zu dumpf werden. Da nehmen wir uns zubvor erst wieder ein
jut klingendes Modell, sagen wir „dort“, und üben nun
‚dort unten“. Man singt „dort“ und läßt den Mund in
der Stellung einigermaßen stehen und singt dann „unten“,
ilso „dort unten“. Schwer ist es auch beim i. Um das oflene
ist, Wind) herauszubekommen, wird man wieder ein Modell—
vort „dort“ voranstellen. Also „dort ist“, „komm-in den Garten.
ommein, komm-in“. Später kann man, und das dürfte die
etzte. größte Schwierigkeit sein. aus dem offenen i das ge—
schlossene bilden. Schöne Uebungsworte dazu sind: „Schaffe—⸗
in⸗mir, Gott, ein reines Herze, schaffe-in-mir, Gott“. Ganz
elbstverständlich. daß zwischen den Worten keine Lücke ist (man
spricht von vokalischer und konsonantischer Bindung), sondern
daß es weiterklingt, durchklingt. „Schaffe in mir“ ist ein
Ton, nicht vier Töne, und sollten es vier verschieden hohe Töne
ein, so sind es ganz gebundene Töne.
Ich lasse es bei diesen Beispielen bewenden.
Man wird übrigens bemerkt haben, daß ich für alle Vokal—
ibungen immer ganze Worte genommen habe, in denen die
Lokale vorkommen, und nicht die Vokale allein. Das hat
eine guten Gründe. Erstens ist es dem Lernenden leichter,
einen Vokal zu singen, dem ein Konsonant vorangeht; man
vird bemerkt haben, daß die Uebungsworte mit Konsonanten
infingen, besonders gern mit einem t-Laut (Dorf) wegen der
Zungenbewegung, und zweitens, ein Stückchen Psychologie: der
Lernende stellt sich den Vokal deutlicher vor, wenn er ihn
in einem Wort hat, ihn also mit einem bestimmten und be—
reits bekannten Ding verbindet. Drittens sollen wir ja gerade
den Vokal nicht nur einzeln singen, sondern mit anderen Vokalen
dergleichen. Daher ist es am besten, wenn man sogar mehrere
WVorte nimmt, wenn man zum Beispiel, um das ü in „Sünden“
zu üben, die Worte nimmt; „Um unserer Sünden willen.“ Einen
'olchen Satz einigemale mit aller Geistesgegenwart durchsingen,
st besser und wirksamer als jene Uebungen in den alten Ge—
sanaschusen. Hei doeiten ein und derseslhe Vokal nur immerfort

»ishhhh Saar⸗-Sänger-Bund sJifHnn

alhhh Seite 167
jerankam. Ich verliere keine Zeit mit dem Bekämpfen alter
alscher Methoden, aber man muß hin und wieder einen alten
Zopf abschneiden.
Wenn man alle Vokale und ihre Umlaute Sünden, Dörfchen,
Männer) geübt hat, offen und geschlossen, wird man das «
pornehmen, Die Schwierigkeit des a tritt besonders beim Tenor
ind Sopran hervor, weil es gerade hier einen flachen oder
iber auch einen scharfen Ton geben kann, der aus der melodischen
Anie herausfallen könnte. Man vermeidet das, indent man
unächst natürlich die Silbe mit dem a in der richtigen,
ingemessenen Tonstärke singt, sodann, indem man die natürliche
seigung, beim a den Mund recht weit zu üffnen, aufmerk—
am in Schranken hält, aber vor allem, indem man dem
1 die grelle Farbe nimmt. Man kann das a dem o etwas
ihnlich machen, ganz wenig, es darf kein o werden, aber
ch sage den Sängern gerne: Wenn Sie das a singen, denken
Zie dabei an o. Dann pflegt das a seine Schärfe zu ver—
ieren. Unser Ohr muß hier das Rechte treffen.
Nächst dem a sehe ich die große Schwierigkeit, wie gesagt,
seim i, besonders dem geschlossenen (Dir, dir, Jehova)ß, das
zewöhnlich hart und laut klingt, anstatt rund und voll. Hier
muß eben ein Kompromiß helfen: Das i wird kein ganz
harakteristisches i mehr bleiben können, sonst ist es ungenießbar

H. Sender Nachfolger
— Inhaber: A. Gernsheina
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Das spitze Sprech-i ist eben kein Gesangs-i. Wir machen es
ilso beim Singen etwas rund und voll und verzichten damit
illerdings zum Teil auf den ausgesprochnen i-Charakter. Das
nuß man nicht nur tun (alle guten Sänger tun es), sondern
8 auch ehrlich sagen. Man wird auch von den Sängern nichts
Unmögliches verlangen, zumal bei den hohen Tönen, beim
zopran und Tenor schon in der mittleren und oberen Region.
z3peziell im Sopran werden alle Vokalunterschiede, je höher der
'on ist, desto undeutlicher, und das von Natur. dagegen ist
tichts zu machen.
Dieses Kapitel ist für den musikalischen Vortrag sehr wichtig.
VLir dürfen die melodischen Linien nicht durch einzelne laut
lingende oder andererseits gar nicht klingende Vokale zerreißen
die Linie muß an allen Punkten, bei welchem Vokal es
zuch sei, gleichmäßig klangvoll sein. Erst dann kann man
inngemäß stärker und leiser singen, ohne Rücksicht darauf,
velcher Vokal zufällig an der Stelle steht.
Die Doppelvokale ai in Kaiser, ei in Wein sind als a zu
ingen, mit einem im letzten Augenblick unterzubringenden
ffenen i, und die Doppelvokale eu in Treue und üu in
ßlockenläuten sind offene o-Laute mit einem i am Ende—
leichfalls im letzten Augenblick.
Ich habe an dieser Stelle noch auf eine alte Irrlehre hin—
zuweisen, die in den meisten Gesangschulen steht, daß nämlich
eder Vokal eine bestimmte Lippenstellung brauche, zum Beispiel
»ei o gebe es einen runden Mund, bei e einen in die Breite
            
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