Die Grundlagen der Chorgesangskunst.
Von Felix Schmidt,
bisher Organist und Kantor an St. Peter in Riga.
Um den Sängern die Noten mit der größten Tonreinheit ein- mehr Zeit opfern als die Sänger, dafür aber spart er Nerven.
zuprägen, muß man, wenn ihnen ein neues Chorwerk zu Gesicht Und außerdem entgeht der Verein dadurch noch einem anderen
sommt, alle Sorgfalt auf die Reinheit gerade beim ersten debel, daß nämlich der Vereins-Dirigent für jeden Tag der
Durchsingen verwenden. Man kann rhythmische Fehler, sprach— Woche einen anderen Verein übernimmt. Das bringt ihm Geld,
liche Fehler und vieles andere später nachbessern. Wenn aber sst aber nicht gut für die Musik. Uebrigens trägt er dadurch
die Sänger einen unreinen Ton erst ein paarmal sich vor— ndirekt bei zur Zersplitterung der Sänger in viele kleine
zesungen haben, dann sind sie nicht mehr davon abzubringen, hereine. Da hat er fünf Männergesangvereine und einen
ind die Unreinheiten bleiben drin. Nun kann man aber mit semischten Chor ‚macht sechs Abende in der Woche. Jeder von
einem ganz geringen Mehraufwand von Mühe so üben, daß der en Männerchören ist nur für sich bis zu 50 Mann stark.
Chor zu glockenreinen Akkorden kommt. Man bittet die Sänger, Nan fragt natürlich, warum die nicht zusammentreten, die
daß sie bei einem neuen Stück zunächst nur leise mitsingen. ninderwertigen Sänger (80 Prozent) nach Hause schicken und
Der Zweck dieses vorläufigen Leisesingens ist, daß die Sänger lun vernünftig was zustande bringen. Ja, das ginge wohl,
das Klavier hören, das heißt die Tonhöhen aller Töne genau ber es geht nicht, denn da ist eins im Wege, die Tradition
ruffassen. Wird es irgendwo unrein, so schlägt man nicht etwa »er einzelnen Vereine. Da besteht vielleicht ein Verein schon
tärker auf das Klavier, im Gegenteil, leiser, und bittet die 5 Jahre, ein anderer noch länger. Was soll, wenn sie
Zänger, an einer solchen Stelle vielleicht erst einmal, zweimal „erschmolzen werden, aus der gesellschaftlichen Tradition und
auf das Klavier zu hören und dann erst mitzusingen. Diese »er Geschichte dieser Vereine werden — sie haben doch alle
Methode kommt vielen zuerst sonderbar vor und besonders den ine Geschichte —? Was soll aus dem Vorstand werden?
Zängerhelden, deren wir in jedem Chor einen oder ein paar ßar aus dem Präses?! Man denke sich: Ein stellungsloser
haben. Diese wollen gleich loslegen, als wenn sie schon auf dem zräses! Nein, nein, da sieht man lieber von gesanglichen
Podium ständen. eistungen ab.
Bisweilen ist es gut, den Sopran und Tenor beim Kennen— Zu besseren Chorleistungen gehört, außer einem guten Diri—
sernen der Sache erst mal einen halben oder ganzen Ton enten natürlich, vor allem ein nicht zu kleiner Chor, damit
tiefer zu üben, denn das viele Wiederholen und langsame Ueben klangmaterial da ist. Außerdem braucht ein Chor auch immer
in den hohen Lagen ist eine nutzlose Quälerei für den Sänger teben der gut singenden Allgemeinheit eine gewisse Anzahl aus—
Wenn die Noten erst sitzen, geht das leichter. Dieses anfängliche sesprochen guter Sänger, zum Beispiel für hohe schwere Stellen
Leisesingen hat natürlich wenig Zweck mehr bei Sachen, die un, je größer der Chor ist, desto mehr solcher werden darunter
der Chor schon von früher her unrein eingeübt hat, oder ein.
venn in der Oberstimme eine bekannte Melodie liegt, die die Materialschwache Chöre sind lächerlich, erbarmungswürdig,
Zänger dann gern in ganz primitiver Weise nach Gutdünken venn sie nicht bei kleinen Liedern, die sie allenfalls noch be—
ingen, so nach dem Gehör, erst wie, vulgär, ungenau; da muß vältigen könnten, stehen bleiben, sondern an größere Dinge
nan Geduld haben. Da wir gerade bei Geduld sind: auch der serangehen. Was nützt uns große Musik, wenn sie nicht klingt?
Sänger muß mit dem Dirigenten Geduld haben. Der Dirigent Vas nützt uns ein herrliches Klavierstück auf einem zerhauenen
veiß ganz genau, warum die neuen Sachen zuerst langsam ge⸗ bianino?
ungen werden müssen, viel zu langsam für den Sänger, be— Die alhte Methode war, den Sängern Takt für Takt, Note
er Aine dednsesden edd drgoee wi genan ür Note einzupauken, ohne ihnen Notenkenntnis zu geben.
varum dieselben St— oft wied erd 238 ———
dirigent weiß ganz genau, warum ein neues Chorwerk zuerst *8 gie echode w eanser nsen zu lassen, ohn⸗
nit den einzelnen Stimmengruppen geübt werden muß. Letzteres zu zeigen, w p gt.
st ganz wichtig fur Chöre, die Hhre Veistungen über den Kurch Bei, dem taktmeisen Einpauken wird Zeit und Mühe in der
hniit hringen' wollen“ Dft wirbe es namlich so gemacht: Der innlosesten Weise verschwendet. Die, Folge davon ist, daß man
dirigent sißt am Klavier, spielt, und nun wird eine neue everere Werke nie ganz bewältigt oder zu langsam
Za mit dem ganzen Chor zugleich durchgemacht, durch ewaltigt.
d müßte Peuß adte —A auf 8 Dabei ist das Notenlesenlernen eine ziemlich einfache und
iedrigften Stufe, sie bringen in vier Wochen, mit einer Probe venig zeitraubende Sache. Natürlich ist es nicht möglich, mit
ro Woche, ein ganzes großes Chorwerk heraus, natürlich ist inem Chor zunächst ein paar Vochen überhaupt nur Noten
sauch danach RNicht viel befser ist es da, wo jede Stimmen— esen zu lernen. Erstens laufen die Leute davon, und zweitens
Kuppe (die anderen Anterhalten sich inzwischen, halblaut natür- ann man das in, ein paar Wochen auch nicht ein für allema
ich um nicht zu sidren) schnell mal ducchgemacht wird, so »eenden, und drittens muß man theoretisches Lernen mi
helßt der Ausdruck Schnelt mal durch“, und daun wind vraktischer Anwendung gleichzeitig betreiben.
zusammen gewurstelt — auch das ist nur Wurstelei, da singen Mitten in die Uebungszeit schiebt man zehn Minuten Noten—
in Wirklichkeit nur in jeder Stimmengruppe die paar Blatt- esen ein. Diese Minuten, wollen nun aber ausgenutzt sein. Beim
sänger, die die Sache dann eben schon halbwegs kapiert haben. Blattsingen gibt es zunächst zwei Dinge. Zuerst das Erlernen
nebenbei gesagt, die alten, hart-gesungenen Sänger. »er Notenwerte, das heißt zeitliche Länge der Noten, ihre
Vernünftigerweise werden die neuen Werke zuerst mit den vinteilung in Ganze, Halbe usw., dann die punktierten, dann
Stimmengruppen einzeln genau durchgenommen, womit der ganze die sogenannten Haltebögen, mit denen zwei Noten in eine
llebungsabend vergeht. In den letzten zehn Minuten wird erschmelzen, die Takteinkteilungen, “/, 83 usw. Zu all diesen
dann, zur Belohnung für die lange Geduldsprobe des Still— Ringen macht sich der Chormeister vorher kleine Uebungs—
sitzens, das soeben Kennengelernte zusammen gesungen. Das ist, eispiele zurecht und schreibt sie entweder auf eine große Tafel,
venn man das wirklich nur im Fluge macht, die letzten zehn ie im Uebungszimmer steht, oder er macht sich große Papp—
Minuten, kein Unglück. Die Sänger freuen sich des ersten afeln, die dann ein für allemal fertig sind. Diese Uebungen
Zusammenklingens, und es wird nicht viel verdorben. Es ind nach einigen Wochen vorläufig erledigt. Man braucht sie
st aber im Prinzip falsch. Deshalb, weil das, was eben erst icht bis zur Fertigkeit zu betreiben, es handelt sich hier mehr
gelernt ist, eigentlich erst kennein gelernt ist und nun durch arum, den Sängern zu zeigen, wie die Ganzen, Halben usw.
nehrfaches Wiederholen in den nächsten Proben erst zum iussehen und was sie zu bedeuten haben. Die praktische An—
icheren Beherrschen gebracht werden muß, bis es im Zusammen⸗ vendung hat man beim Ueben der Chorstimmen. Kommt
Jange verwendel werden sollte. Hier ist ein noch nicht allgemein jier eine schwere Stelle vor, so kann man wieder die Tafel
zekanntes pädagogisches Prinzip. Ueberall, wo man mit Auf— enutzen. Däs alles ist eine Sache von wenigen Minuten, und
nerksamkeit arbeitet, bilden sich Arbeitsprinzipien. Wenn, man »ie Sänger sind dankbar dafür. Auch wird der Dirigent den
ꝛin solsches gefunden hat kann man von einem Fortschritt den routinierten Sängern in seinem Chor damit nicht zu nahe
prechen. reten.
— beste und einzig richtige ist, neue Konzertprogramme Diese Uebungen machen sich am besten in den Einzelproben,
zuerst in Einzelproben für die Stimmengruppen zu bearbeiten, »enn es ist doch von Vorteil, hierbei nicht zuviele Sänger um
vobei an einem Abend wahrscheinlich zwei Stimmengruppen an ich zu haben. Gut sind die Uebungen, sie räumen uns beim
die RPoihoe faen dürftet Dodurch muß natürsich der Dirident Studieren der Ghorstimmen die groken Hindernisse wenß
(Forl setzung)