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zauber empfinden und mich schon um dieses poetischen
Moments willen beneiden dürfen ...
Die Geschichte der Kantorei dürfte Sie vielleicht interes—
sieren. Im Jahre 1581 ist sie gegründet worden als eine
der vielen Kantoreigesellschaften, die damals im Gefolge der
Reformation in Thüringen und Sachsen entstanden. Unter
sesten leges (Statuten), die in den Hauptstücken heute noch
dieselben sind, vereinigen sich sangeskundige Bürger, um
gottesdienstliche Feiern musikalisch auszustaätten und ver—
pflichten sich besonders auch zum sogenannten Leichensingen.
Die Kantorei setzt sich aus allen Kreisen der Bürgerschaft
zusammen und bildet so auch eine nicht zu unterschätzende
soziale Gemeinschaft. Die Pflege edler Geselligkeit ist ein
wichtiger Punkt in ihrem Programm. Treimal jährlich
hält man feierlich Konvente ab.
Wenn Geld in der Kasse ist, steigt auch ein Festkonbent,
eine sogenannte Speisung, zu der jeder Neueintretende eine
gewisse Summe „Speisegeld“ zu zahlen hat. Ein Ein—
kritt kann aber nur erfolgen, wenn ein Mitglied mit dem
Tode abgegangen ist. Daraus ergibt sich die tragikomische
Erscheinung, daß der Heimgang von Mitgliedern der mittel—
hare Anlaf zum Festefeiern ist.
So ein Kantoreifest sollten Sie eigentlich auch einmal
mniterleben. Da zeigt sich die ehrwürdige Gesellschaft in
yolslem Glanze. Bei strahlendem Kerzenschein versammeln
sich die „Kantoreianverwandten“ in ihrer festlichen Klei—
ung um eine reichbesetzte Tafel, sind t stolz auf ihren alten
züinn⸗- und Silberschatz, singen herkömmliche ernste und
seitere Lieder und freuen sich, der nüchternen Gegenwaärt
intrückt zu sein.
Bei aller Ueppigkeit ist man heute bescheiden im Gegen—
atz zu den Festen in früheren Jahrhunderten. Aus akten
Rechnungen geht hervor, daß man einmal sechs Tage dazu
»rauchte, Unmengen von Bier und Wein bertilgte und
inen Hammel am Spieße briet. Das geschah damals im
dofe meiner Dienstwohnung. Ich werde Ihnen die historische
Ztelle zeigen, wenn Sie mich besuchen. Die Gegend, wodin
nich also mein Schicksal geführt hat, ist, wie Sie sehen,
ei nesfalls ein dürres Land.
Es läßt sich hier recht gut und gemütlich leben. Das
neint auch meine Frau. Ich habe natürlich geheiratet.
das ist für einen Kantor nötig, schon damit er die rechte
borsängerin in seinem „Frauenchor“ hat, den er bei Kir—
henmusiken mit Orchester und bei Oratorien-Aufführungen
»raucht. Am Totensonntag machen wir das Braähmssche
Requssem. Müssen Sie auch hier sein! Ueberhaupt —
ch will Ihnen nicht weiter ausführlich schreiben. Ueber
zeugen Sie sich selbst von dem, was Sie interessiert,
Ind besuchen Sie Ihren alten, Sie herzlich grüßenden
Franeiscus Nanber.
D
i—
D
rgel.
Mit besonderer Absicht fragte ich kürzlich jemand,
der Sonntags im Gottesdienst gewesen war: „Nun,
wie hat Ihnen die Musik gefallen?“ Antwort:
„Es war gar keine.“ Ich: „Wie? Ist denn nur
gepredigt und gebetet worden?“ Er: „Nun —
Choräle wurden natürlich gesungen, und die Orgel
klang auch, aber der Chor hat keine Musik ge—
macht ...“
A ba! Mit Kirchenmusik meint man eben ein Stück Kunst-DAmusik
des Kirchenchores, das in der evangelischen
Kirche leider meist nur lose mit der übrigen Handlung ver—
hunden ist und als gelegentliche Beigabe zum Schmuck emp—
funden wird. Auf dem Lande versteht man unter Musitk
eiggentlich nur Instrumentales. Als ich da einmal in
hezug auf eine Feier fragte: „War denn auch Musik dabei?“
hekam ich den Bescheid: „Nein, es wurde nur gesungen.“
Der Unterschied zwischen dem schlichten Chödralgesang
and der für vornehmer geltenden Figuralmufik ist alt.
Wer etwas war oder sein wollte, ließ sich eben nicht
„choraliter“ trauen oder begraben, sondern „figuraliter“,
d. h. nicht bloß mit Orgel und Gemeinde-Gesang, sondern
nit Chorgesang der Käntorei. Als Organist sollte man
zigentlich eine solche Mißachtung des sonst unentbehrlichen
Agelspiels übelnehmen. Auch als persönliche Zurücksetzung
Ist doch jeder von der Wichtigkeit des rganisten überjeugt,
wie der volkstümliche Vers sagt: „Wo du nicht bift.
derr Organist, da schweigen alle Flöten!“
Und wirklich, es geht gar nicht ohne ihn; bei ihm liegt ja
in der Hauptsache die musikalische Verantwortung für jeden
Bottesdienst und damit für Gesamteindruck und Wirkung.
Bleich mit dem Eingangsvorspiel kann er seine Gemeinde
in die rechte Stimmung versetzen oder sie ihr gründlich ver—
derben. Was würdest du sagen, wenn du an einem sonnigen
Pfingstmorgen in der Kirchée mit einem langstieligen, dump⸗
len Orgelspiel empfangen würdest, wo du helle Frühlings—
freude erwartet hast? Was für ein Stümper müßte duf
der Orgelbank sitzen, der am Totensonntag ohne Rücksicht
auf trostsuchende Herzen irgendein schreiendes Tonstück hec—
unterrasseln wollte, und sei es musikalisch noch so wertvoll!
Wer es nicht selbst erfahren, ahnt gar nicht, welche Ge—
ühle einen beseelen, dem es vergönnt ist, in Momenten
der Andacht himmlische Klänge über die Schar der An—
betenden auszugießen, eine ganze Gemeinde in elemen—
caren Choralgesang zu gläubiger Begeisterung mit fort—
zureißen oder eine erhebende Feier in die Fülle des hrau—
senden Nachspiels ausklingen zu lassen.
Sieh; ein rechter Organist muß mehr können, als Finger—
und Beinfertigkeit zu zeigen und mit eitlem Virkuosen⸗
tum zu glänzen. Er muß, Künstler von innerer Größe,
muß ein religißser Mensch sein von feinen Gaben und nen
eiligen Willen, höchsten Dingen zu dienen. Wenn er
as ist, wird er zum Priester am Heiligtume, zum Ver—
ünder der göttlichen Wahrheit, ob er nun am Positib
kleine, hochstehende Orgel, im Gegensatz zu dem tragbaren
bortativ genännt) einer Dorfkirche oder am gewältigen
Irgelwerke etner Kathedrale seines Amtes waltet. Vem
Instrument gehört seine ganze Liebe.
Er spricht nur von seinér Orgel, die er betreut wie
ein eigen Kind. Er kennt und beseitigt alle ihre inneren
ind äußeren Nöte, läßt keine „Mißstimmung“ bei ihr auf—
ommen, säubert sie, wenn sie „heult“, und ist doch zugleich
hr Herrscher und ihr Vasall, die er mit Möozaärt die
Königin aller Instrumente“ nennt. Wer einer solchen
Musikantenseele guf den Grund schauen will, der lese
„Die, neue Orgel“ in Karl Söhles köstlichen Musikanten—
geschichten (Staackmann, Leipzigs. Wahrlich, ihr Gesamt—
lang hat etwas Großes, Erhabenes, etwas Unnahbares, des—
en Eigenart durch die Anlage des Werkes und die Hervor—
zringung der Töne bedingt ist.
Wer einmal einen Blick in das Innere einer großen Orgel
un kann, wird staunen. Ein ganzer Wald von Pfeifen,
eils aus Zinn, teils aus Holz, in allen Größen, von ein
aar Zentimetern bis zu ein paar Metern, ist da aufge—
aut. Diese Pfeifen stehen in Löchern auf großen Kästen, in
ie von einer besonderen Blasebalganlage her durch Kanaäle
Wind getrieben wird. An der Vorderseite der Orgel be—
indet sich ein Spieltisch mit Tasten wie beim Nlavier,
is mit der Hand, gespiekt und deshalb Manual“ genaunt
verden, im Gegensatz zu den am Boden liegenden uͤnd mit
züßen zu tretenden Pedaltasten für die tiefsten Baßtöne.
der Organist muß also tatsächlich mit Armen und Beinen
irbeiten, um sein Geld zu verdienen. Ein als Witzbold
ekannter sagte, als er kinmal von einer Dame gefragt
vurde, wie es nur möglich sei, sich mit den Füßen so fabel—
saft schnell zurechtzufinden: „Ja, wenn man keine Hühner—
tugen hätte, gnädige Frau 1 gede Taste steht mit
en, Windkästen für die Pfeisen in Verbindung, früher mecha—
tisch, jetzt aber pneumatisch, das heiftt durch eine Luftroöhre,
der elektrisch. Durch Niederdrücken der Taͤsten kommen die
ßfeifen zum Klingen Wenn für jede Tafte nur eine Pfeife
vorhanden wäre, könnte man schon von einer richtigen
Irgel mit einer „Klingenden Stimme „oder einem Regisfter —
vie die Fachausdrücke heißen — sprechen. Je nach der
Lröße der Orgel, die sich natürlich wiederum nach dem zur
Herfügung stehenden Raume und seinen Klaängverhältniffen
ichtet, sind aber etwa 12 Regifter bei kleinen, 50 vis
O bei großen und bis 100 bei gaͤnz großen Orgeln da, von
»enen jedes seinen besonderen Klangcharakter hat und wie
Iöte, Violine, Trompete oder Posaune klingt. Jede dieser
dlingenden Stimmen kann alsoin rtänenn Grn wur