sirchen-Thöre auf dem Lande.
Verehrter lieber Freund!
FHhetzlichen Dank für, Ihren Brief. Auch ich freue mich,
Meudaß wir nach Jahren wieder voneinander hören und
nanche Gedanken welsterspinen, die wir seinerzeit sern von der
deimat knüpften. Sie sind natürlich Großstädter geblieben
und wundern sich nun, mich in der Provinz wiederzufinden.
datten Sie eigentlich etwas anderes erwartet? Meine Nei—
sungen mußten mich doch in mehr oder weniger enge Ver—
zältnisse, in einen kleinen Kreis, zum Idyllischen führen
Ich bereue nicht, ihnen gefolgt zu sein. Um der musi—
kalischen Kunst zu dienen, bedarf es durchaus nicht unbe
zingt der Großstadt, wie Sie waäahrscheinlich meinen. Ja,
man möchte sie beinahe lieber vermeiden, will man eine
bescheidene Reinkultur treiben. Wie Sie sich entsinnen
verden, stamme ich aus einem Dorfkantorhause, weiß also
5.
Das eifriae T.
Bescheid in den Dingen musikalischer Kleinarbeit, besonders
sirchenmusikalischer, deren Pflege auch einer künstlerisch au⸗
gelegten Persönlichkeit zum Lebensinhalt werden kann. Mir
jat Gott sen Dank der Bildungsgang über Thomasschule,
Seminar und Konservatorium den Blick für die Bedeutung
und Schönheit eines schlichten lirchenmusikglischen Berufs
nicht getrübt, wie ihn etwa mein Vater im VNebenamt hatte.
Sie hätten den sehen und hören sollen! Stolz und feier⸗
ich bestieg er sonntäglich seine Orgelbank, baute seine
Vor⸗ und Zwischenspiele wie nur einer, spielte seine
Thoräle noch nach dem bezifferten Baß des Hillerschen
Thoralbuches und hatte seinen kleinen Schülerchor fein in
Zücht, mit dem er fast täglich in der Schule die nötigen
MNelodien und liturgischen Stücke übte. War ein Festtag in
Sicht, dann wußte er eine geeignete kleine Kunstmusik aus⸗
sindig zu machen, bei der die Schwestern oder sonst erreich—
bare Kräfte solistisch mitwirkten.
Da mußstte der junge Hilfslehrer Violine spielen, der
Hherr Doktor die Flöte blasen und der Gendarm, ein früherer
Militärmusiker, mit dem Cello antreten. Man wagte sich
fogar an klassijche Bruchstücke. An hohen Feiertagen erschien
auch die Torfkapelle guf dem Orgelchore, um den ersten,
dritten und fünften Vers des Hauptliedes festlich mit—
zuschmettern.
Mehr Freude und Erhebung kann keine Singakademie der
Welt und ihre Zuhsrerschaft bei einer gewaltigen Auffüh—
rung erlebt haben, aͤls wir und unsere Gemeinde damals mit
olchem Musizieren. Mag auch manchmal der gute Wille
die Hauptsache gewesen sein, der innere Zweck wurde doch
rrehtee Schlietilich ir—8 auch hier alles vosatin —3
snglein im Himmel haben sich gewiß gefreut über das
aufrichtige Halleluja zum Lobpreise Gottes. Und der Kan—
or fühlte sich reichlich belohnt für alle Mühe, für alles
sennen, Bitten, Betteln, Aergern und Proben. Denn er
var ein Ideglist, dieser Typus von, einem Dorfkantor,
vie er — freudig sei's gesagt! — noch heute in vielen Hun—
»erten von Exemplaren lebt und trotz aller Umwälzungen
veiterleben wird.
Daran glaube ich!
Im Geiste sehe ich Sie lächeln und sagen: Heute macht
»och kein Mensch mehr etwas umsonst.
Sie irren. Gerade in den kirchenmusikalischen Kreisen,
zett ihren Sängern und Sängerinnen trifft man auf eine
rührende selbstlose Hingabe um der Sache willen ...
Dem Dorfkantor genügt heute der zwei- und dreistimmige
dindergesang nicht mehr. Und sei er noch so vortreff—
ich. Gerade in letzter Zeit hatte ich Gelegenheit, Dorf—
inderchöre zu hören, die auͤch verwöhnte Ohren auf—
jorchen machten. Der gemischte Chor ist sein Ziel. Früher
var das nur schwer zu erreichen. Aber heute ist ja kaum
zin Dorf ohne Männergesangoerein, dessen Gründer und
Dirigent der Kantor ist, wenn es mit rechten Daͤngen zugeht,
damstt er ihn bei seinen Kirchenmusiken zuziehen kann.
So kommt es, daß viele Dorfgemeinden einen gar statt—
lichen und leistungsfähigen „Freiwilligen Kirchenchor“ auf—
zuweisen haben. Die Kinderstimmen werden durch Mädchen
und Frauen verstärkt, die meist noch „beim Kantor in die
Schule gegangen“ und deshalb bestens vorgebildet sind.
Dieser selbst bemüht sich emsig um die Weiterbildung,
hesucht die Versammlungen seiner Fachvereinigung und liest
ihre Zeitschrift, beteiligt sich an Chormeisterkursen, weiß
über alles Bescheid und versäumt kein Konzert, kein Ora—
torium in der Kreisstadt, das ihm Genußund Förderung
bringen könnte.
Eine solche Kreisstadt ist nun mein Arbeitsfeld und
meine neue Heimat geworden, wo Sie mich recht bald einmal
hesuchen müssen. Ein altes, entzückend gelegenes Nest mit
hohen Türmen, grauen Mauern und roten Dächern, aus
einer Bauzeit, die malerisch empfand. Die gotische Stadt—
kirche aus dem 14. Jahrhundert ist ein Prachtstück. Dort
können Sie Sonntags die schöne Jehmlich-Orgel hören,
bon einem jüngeren Organisten aus der Leipziger Schule
gespielt, und meinen Chor, der mir unendlich viel Freude
nacht. Er setzt sich aus der Kurrende (Knaben) und der
dantorei (Männer) zusammen, beides alte Einrichtungen,
„on denen ich Ihnen schnell noch einiges erzählen muß.
die Kurrende, so genannt nach der noch heute erhaltenen
ind neu belebten Sitte der Singumgänge in den Straßen
»er Stadt, kann ihr Bestehen bis weit in die vorreforma⸗—
orische Zeit zurückführen. Vierundzwanzig, singfreudige
dinder sommen da freiwillig, um sich in täglichen Sing—
tfunden im Kunstgesang ausbilden zu lassen und bei allen
zottesdiensten, Beerdigungen, Trauungen, Taufen und son—
— auüsgestatteten Veranstaltungen mit—
uwirken.
In den letzten Jahren habe ich auch Mädchen aufnehmen
auůssen, nicht etwa dem Zuge der Zeit nach Gleichberech—
igung der Weiblichkeit, sondern der Not gehorchend, weil
ich nicht mehr genügend Knaben meldeten. Diese Erschei—
iung erklärt sich aus einem oft übertriebenen Sporteifer
»er Jungen und aus der zunehmenden Unkirchlichkeit der
kreise, aus denen solche Meldungen zu erwarten sind. Die
ogenannten besseren Kreise — von den besten gar nicht zu
den — schicken ihre Kinder grundsätzlich nicht. Das be—
ichte ich Ihnen nhur, damit Sie nicht denken. hier sei
»er Himmel auf Erden.
Von der Kirchengemeinde erhält die Kurrende fährlich
ine kleine Summe aäls Entgelt, die nach Leistungen verteilt
wird. Im Sommer mache ich mit der lustigen Bande eine
Reise, auf die sie sich männiglich ein Jahr lang freut, und
zu Weihnachten kann ich ihr eine schöne Bescherung aus
zen reichen Gaben rüsten, die ihr von allen Seiten ge—
chickt werden. Denn die singende Schar genießt allaemeine
Beliebtheit.
Wenn Sie hierherkommen, sollen Sie die Kleinen in ihrer
istorischen Tracht, in Mantel und Barett durch die Gassen
Fesen sehen und findgen häöären köennen, ein Stück Kleinstadt—