Full text : 7.1929-1930 (0007)

Rr. 7 IIIrue JUhull Saar⸗Sänger-Bund IIF ussphh Seite 148
die Herzen hämmern lassen . . . . Welche Bedeutung drauchbare Sachen. Aber einem etwaigen Aufblühen
bei der Verfolgung aller guten Wünsche in Gesang- kirchlicher Musik — wenigstens auf protestantischem Ge—
bpereinen die Literatur hat, weiß jeder Einsichtige. diete — treten bedeutende Hindernisse in den Weg.
Die dem Deutschen Sängerbund angeschlossenen Chöre kinmal ist keine reine Herzensfrömmigkeit mehr zu
sind in dieser Hinsicht einigermaßen gut dran. Ihnen dause in den einschlägigen Kreisen, die Vorbedingung
steht die im großen und ganzen gute Auswahl in der zu hohem religiösem Schaffen; dann regt die unlitur—
Zammlung des Bundesliederbuches zur Verfügung, bei zJische Stellung der Figuralmusik im evangelischen
deren Betrachtung ich immer wieder über die Hoch- vVottesdienste niemanden zum Schaffen von Gebrauchs—
herzigkeit unsrer deutschen Verleger staune, die ihre verken an (Bachs Kantaten sind sämtlich Gebrauchs—
zangbarsten Nummern zur Verfügung gestellt haben. nusiken); und schließlich: Es gibt eben keine Kompo—
Einen äußerlichen Mangel aber hat die Sammlung: nisten mehr unter den Kantoren und Organisten. Man
sie ist zu umfangreich und unpraktisch mit ihrer Tei- ehe sich nur um auf den exponierten Stellen ... nir—
ung in drei Bände. Eine weitere Beschränkung wäre jends ein bedeutender Komponist! Und früher saß
am Platze gewesen. Das deutsche Bundesliederbuch in jeder Kleinstadt Thüringens und Sachsens ein
sollte nur anerkannte Perlen von Dauerwert enthalten. Tüchtiger, der seine sechs bis acht Kantaten im Jahre
Freilich läßt sich über den Geschmack nicht streiten. chrieb, schlecht und recht, ohne der deutschen Musik
saum zwei Menschen haben einunddenselben. Zu allen zur Schande oder zum Schaden zu gereichen. Im
Zeiten ändert er sich. Neulich kam mir ein altes Begenteil. Was bringt dagegen unser Zeitalter der
sKonzertprogramm des Leipziger „Paulus“ aus den Hoch“schulen für Musik hervor? Nichts. Ein paar
Siebziger Jahren in die Hände, nach welchem er bei dönner, die sowieso etwas geworden wären, sonst auf—
seinem Hauptkonzert Koschats ihm gewidmeten Wörther jeblasene Hohlköpfe und Krüppel. Unsre Zeit wird
ZSee-Walzer aufgeführt hat. Ueberhaupt ... wenn man uuch die der Kritik genannt werden, der verfluchten
sich die Programme von einst besieht! Hat man da- Papierkritik, die jede schüchterne Freude am harmlosen
nals schlechten Geschmack gehabt oder haben wir ihn Schaffen im Keime erstickt. Die aufführenden Kirchen—
zeute? Lebten damals minderwertige Menschen oder nusiker von heute sind wohl infolge all der Zustände
eben sie heute? Ich wünsche der Männerchorliteratur jilflos auf falsche Bahnen geraten, sie verfolgen in
Verleger von feinem Verständnis für die echte kraft- dezug auf die gottesdienstlichen Kirchenmusiken sonder—
dolle Volkstümlichkeit, die sich vor „Schmachtlappen“ dare Pläne: konzertieren im Gottesdienst, stellen die
und „Schinken“ ekelt .. . . Der Aufschwung der deut- Steigerung des technischen Könnens ihrer Chöre in
schen Männerchorsache ist sicherlich zum Teil daran den Vordergrund, führen literarische und musikhisto—
schuld, daß allenthalben verhältnismäßig wenig Ge- bbische Programme durch, und vergessen, daß die gottes—
nischte Chöre-Vereine bestehen, die weltlichen dienstliche Musik in erster Linie, ja ausschließlich zur
S-cappella-Gesang und vorzugsweise das Lied pflegen. Erbauung schlichter gläubiger Herzen da ist .....
Schade. Man beobachte in der Großstadt, wie oft Nach meinen bescheidenen Beobachtungen haben die
Männerchöre und wie höchst selten Gemischte Chöre Frauenchöre an Zahl zugenommen, eine Folge—
diederkonzerte geben. Unser Städtchen wird an den rscheinung der oben erwähnten Entwicklung der
ZSommersonntagen durchschnittlich von mindestens einem Männer- und Gemischten Chöre. Auch an der Aus—
Besangverein besucht. Ich habe in 22 Jahren meines bdehnung der Literatur spürt man das, die allerdings
dierseins unzählige Männergesangvereine (vielfach von doch reichlich das Weiche und Kindertümliche (Wiegen—
Frauen und Töchtern begleitet), aber erst sechs Ge- ieder) bevorzugt und Brahms Einfluß wenig offen
mischte Chöre gefunden, von denen fünf auch noch dart (Elfenlieder, Mückentanz usw.). Was das heißt,
kirchlich waren. Wenn man als Komponist den Ver- veiß einer, der einen absoluten Frauenchor jahrelang
legern weltliche, unbegleitete, kleinere Chöre und Lieder eiten muß. Immer wieder Schlagsahne, Schlagsahne..!
anbiete, erlebt man überall Achselzucken. Halbwegs Ddazu kommt noch, daß die jungen Mädchen von heute
größere gemischte Chorvereinigungen wenden sich wvahrscheinlich infolge der anstrengenden Berufsarbeit
größeren Chorwerken zu. Ist es so oder bin ich nur knergie und Straffheit des Geistes in den Singe—
falsch oder unzureichend orientiert? Jedenfalls täusche tunden vermissen lassen und — eine erschreckliche Ab—
ich mich nicht in der Annahme, daß die vornehme rahme allgemeiner musikalischer Vorbildung zeigen!
musikalische Welt sich des Liedes auch im Gewande die Klagen habe ich auch aus vielen anderen
des Gemischten Chorsatzes schämt oder findet es in Orten vernommen. Ursache? Die Mädchen der
kunstreicher Bearbeitung von einer „Madrigalvereini- besseren“ Familien verlassen mit dem zehnten Jahre
gung“ vorgetragen noch Gnade. Na, und wer schreibt die Volksschule und besuchen dienhöhere“ Dort
denn heute brauchbare weltliche Chorwerke? Solche äber erfährt alles was mit Musik zusammenhängt seit
großen Stiles, die aber auch von mittleren und klei—
neren Vereinigungen aufgeführt werden können, wie
sie uns die Klassiker und Romantiker und Nachroman—
tiker (der moderne junge Musiker schüttelt sich vor Ent—
setzen, Brrr!) geschenkt haben? Die wirklich großen
Komponisten (haben wir wirklich welche?) können viel—
leicht nicht aus ihrer Haut heraus, wenn fsie auch
wollten, und die kleinen wollen glle Gernegroße sein.
Es ist lächerlich. Sieg der Unnaturnu So wars denn
doch nicht zu allen Zeiten?“ Der gemischte Chorgesang
kommt dabei qm schlechtestett weg Wentger noch der
irchliche, Die Proris-zeitiate honn mmer wieder

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