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gesangmusikalisch unbeeinflußt. Natürlich ist ein solches
Exempel immer ein höchst mangelhafter Beweisversuch,
aber wenn der Zustand nur einigermaßen getroffen
ist, und wenn andernorts die Verhältnisse nur an—
nähernd durchschnittlich dieselben sind, so besteht doch
die überraschende Tatsache, daß es eigentlich kühn ist
zu behaupten, unser Volk müsse singen, und singe, weil
s einfach nicht anders könne.
Ja, wird einer sagen, woher soll denn heutzutage
überhaupt die Singfreudigkeit kommen? Sorgen im
Vaterland, Sorgen im eignen Haus! Dabei vergeht
die Lust zu singen.
Gegen diesen Einwand ließe sich zweierlei vor—
bringen. Erstens: Wie wir aus sicherer Quelle er—
fahren, ist Gesang das beste Mittel gegen Sorgen.
Sollte es heute nicht mehr wirken? Und dann: Es
wäre jedenfalls zu untersuchen, ob zu politisch und
wirtschaftlich anderen Zeiten diese gesanglichen Ver—
hzältnisse besser gewesen sind. Was ich bezweifle. Ich
»ehaupte, es wird heute faktisch mehr gesungen denn
je. Unser Städtchen z. B. hat an Einwohnerzahl nicht
zugenommen, aber in den letzten Jahren sind zwei Ge—
sangvereine entstanden, und der Zuzug zu den alten
ist auch nicht unbedeutend. Was haben überall, be—
sonders in den Großstädten die Wandervogel- und
Jungburschen- und Jungmädelbewegungen für neue
Liederlust gezeitigt. Dabei muß natürlich dem um sein
Volk Besorgten als bedauerlich auffallen, daß dieser
Singbetrieb sich außerhalb der Familie abspielt, weil
hbei der Selbständigkeit der heutigen Jugend die Trau—
lichkeit des deutschen Hauses in die Brüche gegangen
ist. Umso inniger hüten Familien von altem Schrot
und Korn wertvolle Traditionen. Die größte Sing—
freudigkeit herrscht in der Jugend. Darüber ist nicht
zu reden. Wieviele sich diese über die Jugendzeit
hinaus bewahren? Nun, sicherlich mehr, als Du
denkst. Manch einer, dem man es nie zugetraut hätte,
singt begeistert mit, wenn sich Gelegenheit und An—
regung bieten. Ich gehöre einer Männerriege an, die
wöchentlich einmal praktisch turnt und hinterher theo—
retisch beim Trunke zusammensitzt (ich bin vornehm—
lich Theoretiker), um dabei in der Herrlichkeit des
deutschen Kommersbuches zu schwelgen. Mit welcher
herzensfreudigkeit wird da gesungen! Nicht bloß von
den alten Akademikern. Mich rührt immer wieder die
unverwüstliche Singseligkeit meiner beiden Nachbarn,
ein paar grauhaariger Fabrikanten. Eine geheime
Macht ergreift die alten Knaben, daß man sie gar
nicht wiedererkennt. Diese geheimnisvolle Kraft des
Liedes wirkt vor allem durch die Gemeinsamkeit. Im
Chor mitzutun ist mancher bereit, der vielleicht noch
einen Ton „Solo“ von sich gegeben hat. Auf die vor—
handene oder fehlende Schönheit der Stimme oder auf
einen kunstmäßigen oder doch rationellen Gebrauch
der Stimme kommt es dabei gar nicht an. Denn nicht
eventuelle Zuhörer sollen einen Genuß, der Aus—
äbende will ihn haben. Das ist ja das Wesen der
Volkstümlichkeit, und nur von dort her kann uns
Heil kommen. Wer je in der Schule Gesangunterricht
zegeben hat, der weiß, wie oft gerade musikalisch nicht
begabte Kinder (es genügt hier, das Gehör zu beur—
eilen) und solche ohne auch nur mittelmäßige Stimme
außerordentlich gern singen und daheim den ganzen
Tag trällern. Wollte einer mit diesen nichts zu tun
Jaben, er wäre ein Verbrecher. Ehenso. wollte er die
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einfach über Bord werfen, die nicht gleich mitmachen,
denen das Zutrauen zu sich selbst und die Erkenntnis
der Lust am Gesang fehlt. Bei richtiger Behandlung
verden die meist die besten, mindestens treue Sänger.
Als ich 1902 den Gesangunterricht an einer Real—
schule übernahm, waren etwa 5000 aller Schüler vom
Besang ohne ärztliches Zeugnis „dispensiert“. Bei
zenauer Umfrage stellte sich eine Anzahl als „Brum—
ner“ vor und trug dabei einen von der Mitschüler—
chaft offenbar anerkännten Stolz zur Schau; das waren
die, welche angeblich keinen Ton in der Kehle hatten,
»der nur ein paar falsche und nach ihrer Angabe über
teinerlei musikalisches Gehör verfügten. Meine ener—
zjischen Eingriffe zur radikalen Abänderung dieser Zu—
tände wurden anfangs sogar von seiten der Schul—
eitung mit Entrüstung angesehen. Als ich nach 12
Jahren die Unterrichtstätigkeit niederlegte, hatte ich
einen feinen gemischten Chor, der sich hören lassen
onnte und dem etwa die Hälfte des Cötus angehörte.
Die stolzesten Brummer von einst sind mir heute noch
ür die Kur dankbar .... In meinem Männergesang—
»erein folge ich ähnlichen Grundsätzen. Es ist wohl
illgemein üblich, daß ein Neuaufzunehmender eine
leine Prüfung abzulegen hat. Ich verzichte in jedem
Falle auf diese „Gesangprobe“, weil ich der bisher —
nit den paar selbstverständlichen Ausnahmen — unge—
äuschten Meinung bin, daß sich nur Interessierte und
Willige, die über ein Maß von Stimmfähigkeit ver—
ügen, melden. Mancher, der mir heute ein lieber Sänger
st, gestand, daß er sich zu einer Probe nicht gemeldet
haben würde, aus Mangel an Zutrauen. Die Un—
ähigen fallen von selbst ab; die Bescheidenen werden
gehoben; die Sicheren lernt man bald kennen; und die
Zelbstbewußten haben nicht gleich von Anfang an Ge—
egenheit, Stimmprotz zu spielen. Dabei haben wir
insere musikalischen Ziele von Jahr zu Jahr gestei—
gert. Es wird das Vomblattsingen immer mehr ge—
estigt. Es wird Stimmkultur getrieben. Aber ich
»ergesse nie, daß der schlichte Bürgersmann tagsüber
ind die ganze Woche daher seiner Hand und Kopf er—
nüdenden Arbeit nachgegangen ist und sich auf die
ZSingstunde freuen können muß, die ihm doch
iuch eine Erholung sein soll. Im großen und ganzen
nuß das Singen Selbstzweck sein, d. h, die reine
zreude am Ausüben muß zunächst auch die Sänger
n Chorvereinen mit mehrstimmigem Gesang be—
jerrschen. Das Sichhörenlassen kann nur ein Zweck
ekundärer Art sein, im Gedanken, denen eine Freude
zu machen, die selbst nicht ausüben oder ausüben
önnen. Gräßlich die von einem zum anderen Konzert
»der Fest zum anderen mit Hochdruck „probendeu“
Chöre. Jede Singestunde soll ein Fest sein
Natürlich denke ich dabei immer an einfache Gemüter.
Bereinigungen von Intelligenzen in großen Städten
nüssen andere Ziele haben.) Diesen Forderungen
ommen wohl im allgemeinen die Männergesangvereine
roch am meisten nach, weil der deutsche Biedermann
zlücklicherweise das gemütliche Moment nicht
nissen mag. Wer mir da zu widersprechen zu müssen
zlaubt, mit dem Verlangen, daß auch die Gesangvereine
in ihrem Teile mithelfen möchten, gerade das fatale
Biedermeierische aus unserm Volke zu entfernen, dem
zalte ich Fichtes Wort entgegen: „Die Kraft des Ge—
mütes ists, die Siege erringt!“ Das Wort sollten sich
alle Volkserzieher im enderen und weiteren Sinne in
vrrrenerreee