Full text : 7.1929-1930 (0007)

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ans Sanr⸗Saänuger⸗-Bund sshe

Seite 7

nicht nach dem Gesichtspunkt individueller Befähigung,
sondern im Sinne der noch nicht überwundenen Anschau—
ungen „über eigentliche Frauengufgaben“ verwendet. Dem—
zusolge ist ihre Beteiligung z. B. an der Außenpolitik noch
berschwindend, obwohl sicherlich manche der Frauen hier—
für Verständnis und Befähigung hat. Hingegen haben
sich schon jetzt weibliche Abgeördnete durchgesetzt auf Ge—
hieten, die man ihnen anfangs nicht zutraute, wie Handels—
abkommen, Zollverträge, Schiffahrts- und Steuerfragen,
Wirtschaftspolitik, Landwirtschaft usw.
Besonders erfolgreich haben die Frauen auf dem um—
fassenden Gebiet der Sozialpolitik (es sei hier gauf das
Jugendwohlfahrtsgeset; hingewiesen), der Bevölkerungs—
dolitik (hierher gehört auch das Gesetz zur Bekämpfung
der Geschlechtskraänkheiten), in Fragen des Erziehungs—
vesens und der Strafrechtsreform gewirkt.
Die weiblichen Abgeordneten vertreten in erster Linie
die Anschauungen ihrer Parteien. Die etwas weltfremde
Idee, daß sich „eine Frauenpartei“ bilden könne, hat
keinerlei Aussichten auf Verwirklichung — dennoch gab
es in der Geschichte der verflossenen Reichstage Augenblicke
vo über Parteitrennung hinweg eine Solidarität weib—
lichen Standpunktes sich fühlbar machte — zum Besten
der Jugend, zum Besten sozialer Bestrebungen. Möge es
—0
Forderungen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, für
Völkerverftändigung und Volkswohlfahrt!
Dahin zu wirken ist Frauengufgabe auch im Rahmen der
eigenen Parteien, eine Aufgabe, deren Lösung umso ver—
dienstlicher ist, je größer die zu überwindenden Wider—
stände sind.

Alle Künste haben unbewußt ein ethisches Ziel, bis
zur harmonischen Bemalung eines Topfes herunter:
sie wollen das rhthmische Gefühl stärken, durch das
der geheimnisvolle kosmische Zusammenhang der Dinge
zu uns spricht. Ethische und künstlerische Werte sind
in ihrem allerinnersten Wesen eins und berühren sich
in ihren höchsten Offenbarungen mit der Religion.
Man lehre den Rythmus der sichtbaren Dinge durchs
Auge und den der unsichtbaren durchs Ohr, und man
vird die junge Seele für die Forderung des Sitten—
gesetzes besser empfänglich machen als durch das nüch—
terne „Du sollst“ einer abstrakten Moral. Die ein—
zelnen Dissonanzen wird man damit nicht aufheben,
vpohl aber kann man eine allgemeine Empfindung vom
Finklingen des Menschenlebens in den Gang des Welt—
zanzen erwecken und damit das Dasein zu höherer
Zicherheit und Freudigkeit emportragen.
Isolde Kurz.
„Gleichklang gibt keine Harmonie. Es kann in der großen
Symphonie der Zukunft nicht Aufgabe des Weibes sein,
dieselbe Stimme zu singen wie der Mann. Nur dann
zann sie die Kultur fördern helfen, wenn sie es wagt,
reiinmal hell und klingend ihre eigene Stimme hören zu
lassen, von der man dort vereinzelte Töne vernommen hat.“
Wer ist die Frau, die uns das zuruft? Jsobde
Kurz, die Tochter des bekannten schwäbischen Dichters
dermann Kurz, dessen Erzählungen sie unter dem Titel
Innerhalb Etters“ auswählte und mit einer treff⸗—
lichen, pietätvollen Einleitung versehen herausgab (Rainer
Wuͤnderlich Verlag, Tübingen)s. Von ihm sagt seine Frau in
inem Brief einmal: „Der genialste Mann ist mir ge—
vorden, aus dessem reichen Geist ich immer schöpfen kann,
»hne ihn auszuschöpfen, der mich selbst emporhebt, von
dem ich das Licht empfange wie der Planet von der Sonne“.
Früh ist ihr Vater gestorben. Der Mutter blieb allein
die Sorge für ihre Kinder, von denen eins nach dem
andern starb. Nur Isolde blieb ihr. Voller Bewunderung
teht die einzige Tochter nach jedem neuen Verlust vor
hrer Mutter, die nie klagt und weint und sich in solchen
Stunden immer stärker an die noch Lebenden bindet und
die sich im Geist die Toten immer lebendig bewahrt.
Ihr Werk „Meine Mutter“ — äim gleichen Verlag —
isft ein einzig hohes Lied auf diese große, kluge Frau.
Mit 84 Jahren ist sie gestorben, im Hinschweben einen
Lichtstreif hinterlassend, denn von dieser Erde war sie
richt. In Isoldes Buch heißt es:
Es war vorgesehene Notwendigkeit, daß sie das Alter
von nahezu fünfundachtzig Jahren erreichen mußte, denn
früher konnte sie mit sich selber nicht fertig werden.“ —
Dann: „Bei ihr begann die eigentliche Entwicklung als
Erweiterung und Klärung erit später: sie hat an, dem
sertigen Manne, zu dem sie mit gläubiger Ehrfurcht
emporsah, noch nicht reifen können, sie reifte erst all—
mählich mit dem naächgewaächsenen Geschlecht.“
Einige Jahre nach dem Tode des Vaters siedelte die
Mutter zum dauernden Aufenthalt mit ihren Kindern nach
Italien über. Der Klimawechsel wurde ihrem leidenden
züngsten zuliebe unternommen. Diesem jahrelangen
Aufenthalt in Florenz haben wir sicher ihr Werk „Nächte
»on Fondi“ zu verdanken. Ein Buch, das uns die
taͤlienssche Renaissance ganz nacherleben läßt. Es ist aber
ruch ein Buch der großen Frauenliebe, das gerade heute alle
Frauen lesen sollken, in einer Zeit, in der die Grenzen
swischen großer, reiner Liebe und einem nur sich Aus—
eben ins Wanken geraten sind. Die Gräfin von Fondi
st Donna Julia. Sie ist die schönste Frau des, Landes.
Alle großen Männer ihrer Zeit steigen einmal in ihrem
Schloßhof ab, um an einem Abend wenigstens ihrer Hof⸗
gesellschaft beizuwohnen. drun ist sie verwitwet. Von vielen
vird sie umworben. Liebe empfindet sie nur für einen,
ür den Kardinal de Mediei. Sie weiß, daß sie ihre
Zuneigung vor ihm verbergen muß. Der Kardinal muß sich
gestehen, daß diese zwei Frauenaugen immer das Beste
n ihm geweckt hatten. „Immer gleich gütig und hoheits—
joll im Betragen rang sie innerlich mit tausend Schmerzen
im das Gleichgewicht, das die andern für ihren natürlichen
Zustand hiesteu“ Sie selbst z00 in ihrem eigenen Innern

Adele Schreiber, M. d. R.
1. Vizepräsidentin des „Weltbundes für
Frauenstimmrecht und Staatsbürgerliche
Frauenarbeit“.

Ddurch Rhythmus zum Rhythmus.
Die Musik, die transzendentale Kunst, bringt von
jenseits der Dinge die große Heilsbotschaft einer ewigen

Isolde Kurz.

Ordnung und durchflutet damit unsere innere Welt.
Die Poesie dehnt diesen Rhythmus auf das Menschen—
leben aus und verdolmetscht ihn durch ihre Bilder der
irdischen Geschicke in einer Sprache, die wiederum
Rhythmus ist. Die bildenden Künste verbreiten ihn
durch Form und Farbe über alle sichtbaren, vom
Menschen geschaffenen Dinge und schließen damit den
Ring, denn die Naturgebilde haben von selber den
Rhuthmus in sich
            
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