Zeite 128 IIPhrmerren
mnmmer letser, in der Ferne sich verlierend, die schmerz—
lichen Rufe des eben Abgereisten: „So weh, so weh!“
Da ist man jeglicher Sentimentalität tüchtig zu Leibe ge—
gangen und hat sich als moderner Mensch auf den Boden
realer Wirklichkeit gestellt! Wie nimmt sich dagegen ein Ab—
chiedslied alten Stils aus:
Begleitest mich, du lieber Fluß,
Lieb Heimatland, ade!
Bist traurig, daß ich wandern muß,
dieb Heimatland, ade!
Vom moos'gen Stein am wald'gen Talb,
Da grüß' ich Dich zum letztenmal,
Lieb Heimatland, ade!
Oder:
Küsset Dir ein Lüftelein,
Wangen oder Hände,
Denke, daß es Seufzer sei'n,
Die ich zu Dir sende.
Tausend schick ich täglich aus,
Die da wehen um Dein Haus,
Dein ich stets gedenke!
Unverbesserlich, dieses deutsche Volk mit seiner Sen—
imentalität! Diejenigen, die doͤe Großstadt- und Fabrik—
»oesie aus erster, unverfälschter Quelle haben könnten,
wissen so bald wie möglich nichts eiligeres zu tun, als
derselben zu entrinnen, und mit Rucksack per pedes, oder,
wer's machen kann, per Auto Wälder, Bäche und Berge
aufzusuchen, die doch gar nicht modern, sondern genau
noch so sind, wie zu Großvaters Zeiten. Und der junge
Waffenschmied in Dehmels Gedicht: „Vergißmeinnicht“ blickt,
vährend die Hämmer „in hartem Takt fallen“ mit „rußigem
Besicht hin zu dem himmelblau blühenden Strauß, und
ihm ist, als ruf' eine Stimmen hinter dem Haus: „Ver—
emicht Mit Recht sagt man boshaft von dem
eutschen, wenn er in lustiger Gesellschaft recht fröhlich
vird, dann singt er: ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
daß ich so traurig bin! Auf, Ihr Herren, in den Kampf
gegen die deutsche Sentimentalität. Und wenn Ihr Erfolg
jabt. dann schreibt mir, bitte, eine Ansichtspostkarte!
2. Musikalischer Inhalt. Es soll zunächst mal klipp und
klar ausgesprochen werden: Das Volkslied ist Melodie!
Nur Melodie! Und nichts als Melodie! Rhythmische,
polyphone, harmonische Finessen b ihm ve fremd.
Die Rhythmik bildet sich von selbst bei der Deklamation
des Textes. („„Es geht bei gedämpfter Trommel Klang“
„Seht, wie die Sonne dort sinket“.) Und die Harmonsk?
Die einfachste Sache der Welt: Tonika und Dominante,
eins und fünf, erste und fünfte Stufse! Beispiel: „Am
Brunnen vor dem Tore.“ Andere Beispiele: 500 andere
Volkslieder. Manchmal vorübergehend Verwendung der
Unterdominaute (Im schönsten Wiefergrunde), zur Kadenz—
bildung (4. Stufe), in seltenen Fällen mal eine Modulation
nach der Dominante („Ich weiß nicht, was soll es be—
deuten“) — sonst aber „Eins und fünf!“ Der arme Bursche,
der mit wehem Herzen in die Ferne zieht, legt keinen
Wert darauf, seinem Schmerz in einer einwandfreien Mo—
dulation, von As-Dur nach D-Moll Ausdruck zu geben;
hm genüagt eine einzige Tonart. Es gibt Dinge, bei denen
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nur das Herz mitspricht, nicht der Verstand, auch nicht
der musikalische.
Ein Sang, der diese Bedingung: „allere infachste Harmoni—
fierung nicht erfüllt, wird nie Volkslied. Das Isenmann⸗
iche „O Schwarzwald, o Heimat“ gehört hierher, es wird
ein Lebtag nicht Volkslied werden. Unsere Volkslieder
wurden melodisch erfunden. Die einfache Harmonisierung
war im Unterbewußtsein beim Entstehen der Melodie schon
oorhanden und ergab sich beim „Setzen“ der vier Stimmen
von selbst, da das Volkslied eine kunstmäßige Harmoni-—
sierung nicht verlangt und, nicht verträgt. Wenn also
die Forderung: „Ihr Männerchorkomponisten, schafft neue
Volkslieder“ keine Phrase sein soll, dann müßte man Lieder
wie z. B. „Am Holderstrauch“ von Kirchner, diese schöne
und volkstümliche Melodie, akzeptieren und auch die ein—
fache harmonische Durchführung gelten lassen. Aber wie
würde heute Silcher, wenn er, völlig unbekannt, seine
dieder unter der Marke „Männerchor“ herausgäbe, mit der
Zchlagwortkeule „Liedertafelstil“ zu Boden geschlagen und
yon hundert Rezensentenfedern zerfleischt werden!
Unentwegte Optimisten stellen einen Wechsel auf die
zukunft aus: in einigen Jahrzehnten hat sich das Ohr
—
in ihre Mißklänge gewöhnt, dann wird sich die Forderung
iach „modernen Volksliedern“ von selbst erfüllen. Wiederum
— wenn es soweit ist, schreibt mir eine Ansichtspostkarte!
dieser Wechsel wird nach, einigen Jahrzehnten verlängert
verden, vorläufig etwa bis zum Jahr 2029.
Andere Optimisten harren auf die neue Methode, die
dazu führt, die Schulkinder zu fertigen „Vom Blattsänger“
seranzubilden! Welche Perspektive füürr die Dirigenten! Wie
eicht haben sie es dann! Die größten Werke können sie
dann im Gesangverein oder Kirchenchor in Hintertupfingen
rufführen, und dann ist das Musikempfinden des Voltes
o gefördert, datz der kunstmäßigen Entwicklung des Volfks
iedes nichts mehr im Wege steht. GBitte Ansichtspostkarte!)
Bie viele Dirigenten werden inbruͤnstig beten: „Herr, laß
nich diese goldene Zeit erleben!“ Wenn diese Bitle erhört
vürde, dann würde es in ferner, ferner Zukunft von Methu—
alemen wimmeln. (Anmerkung: Methufalem ist 975 Jahre
alt geworden!)
Die Schule? Warum hängen wir so an unsern Volks—
iedern? Warum sind sie uns so treue, liebe Begleiter durchs
deben? Weil wir sie von Kind auf kennen;“ weil fie zu
en ersten und stärksten Eindrücken gehören; weil wir uns
n jugendlicher Schwärmerei, ihrer naturwüchsigen Poesie
jingaben; weil wir uns später in manchen Lebenslagen,
n mancherlei Stimmungen unwillkürlich an eines er—
nnerten: weil wir beim Hören derselben an die selige
Jugendzeit erinnert werden. Erfüllt die Schulke heute die
Aufgabe, der heranwachsenden Jugend den reichen Schatz
»es Volksliedes zu erschließen? Rur durch sie können neue
Bolkslieder nach und nach eingebürgert werden Wird nicht
twas zu viel „theoretisiert“? Mögeé uns das bevorstehende
Boethejahr auch auf diesem Gebiete eine Mahnung geben
n dem Wort des Dichterfürsten:
„Nur nicht lesen! Immer singen
Und ein jedes Lied ist dein!“.
Ludwig Baumann, Karlsruhe.
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Gasthaus z
Johann Bernarding
saorbrücken 3/ Cäcilienstr. 31
Bekannle Wals keimen Biexe
Vrima Npfelwein im Russchank.
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Niederlassungen: Gersweiler, Saarbrüchen, Völklingen, Saerlouis,
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St. Wendel. Burbach. Lebach und Adenturen
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Ausdabe von Heim-Spoarbüchsen. Erledidqund aller banb Goecchzffe
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