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unshl Saar⸗Sänger⸗-Bund '“
kosaken.
Ich habe die Donkosaken etwa vier- bis fünfmal ge⸗
Rhört. Die Programme dieser fünf Konzerte ähnelten
sich so sehr, daß ich sie in der Erinnerung nicht unter—
scheiden kann. Das Wolgaschiffer-LStied war immer dabei,
ebenso der Schluß-Kosakentanz mit Pfeifen und Peitschen—
mall. Das klingt nun so, als möchte man daraus schließen:
Also sich künstlerisch gehbarende Vorführungen mit etwas
Klimbim dabei. Das stimmt aber doch nicht ganz. Es
sommen, da mancherlei Momente hinzu, die auch vom
künstlerischen Standpunkt aus interessieren. Schon die
horische Schulung wirkt — wenn auch nicht imponierend —,
o doch interessierend. Selbst der genaue Kenner des Chor—
gesanges mit all seinen Finessen, fragt sich manchmal: Wie
machen die Leute das? Schon die ewig langliegenden, sich
ortspinnenden Akkorde im Chor (meist von vollendeten
Reinheit und tonlicher Ausgeglichenheit) beweisen, mit welch
tendlicher Akkuratesse da gearbeitet worden ist. Das Ab—
ösen der einzelnen Stimmen kann selbst das schärfste Ohr
nicht entdecken. Daß die Atemtechnik bei den einzelnen
Herren außerordentlich entwickelt sein muß, ist selbstver—
tändlich. Nun treten zu diesen Chorstimmen meist eine
»der auch mehrere Solostimmen dazu. In den geistlichen
Besängen psalmodierend, in den weltlichen von verschie—
denster Art — ‚einmal die Form der italienischen Arie
nachahmend (Aljoschas Lied, Gdetschaninoff), einmal ein
ibermütigstes Tanzlied mit Solostimmen, die wie Lanzen—
spitzen durch das melodische Gewebe stoßen (Dargomijsky)
usw. Und dabei kommt der Charakterzug zur Geltung,
velcher die Hauptanziehungskraft dieser Konzerte bildet:
das uns fremdartige slavische Volkselement.
Freilich: daß der Dirigent S. Jaroff das im Grunde
o wenig ausnützt, nimmt mich wunder. Wie könnte er
mit diesen immerhin ausgezeichneten Kräften uns glän—
zende Beispiele aus dem unerschöpflichen Schatze des
russischen Volksliedes bieten! Und wie wenig
hören wir davon! Selbst auch bezüglich der kirchlichen Ge—
sänge ist es — trotzdem ihm stets der ganze erste Teil ge—
widmet ist — damit recht kärglich bestellt. Schreiber dieses
hatte Gelegenheit, in der Isgakskathedrale zu Petersburg
den berühmtesten Kirchenchor Rußlands zu hören. Wenig—
stens ein Beispiel von diesen ältesten Ueberresten der
christlichen Musik hätte man geben sollen! Freilich, eins
natürlich fehlt hier! Der Gegensatz der Knabenstimmen zu
den Männerstimmen!
Und um diesen Gegensatz einigermaßen wenigstens zu
narkieren, wendet Jaroff ein Mittel an, welches in
der jetzigen Zeit von gerade ernsten Musikern recht niedrig
eingeschätzt wird: das oft außerordentlich ausgedehnte
Singen der Tenöre im höchsten Falsett. Man weiß manch—
mal wirklich nicht: singt hier ein gemischter Chor oder
ein Männerchor? Etwas Süßliches, Weibisches webt sich
in den Klang der Männerstimmen ein, daß man sich un—
villkürlich fragt: Sind da verkleidete Weiber darunter?
Oder gar Kastraten? Aber man hat ja das stramme Auf—⸗
ziehen auf das Podium von den militärisch gekleideten
Sängern wiederholt gesehen. Also ist's eben eine künst—
liche Erziehung zu einer Unnatur, die manchem doch mit
der Zeit auf die Nerven fällt.
Bei uns in Deutschland ist das vor 70—290 Jahren auch
ehr in der Mode gewesen. Aber die „Brummstimmen“,
das Singen mit geschlossenem Munde, kamen allmählich in
Berruf. Und brachten der ganzen Kunstgattung des
Männergesangs bezüglich der Beurteilung durch ernsthafte
Musiker einen gewaltigen Schaden. Sicherlich war ein
bißchen Engherzigkeit, eine gewisse Schülmeisterei, eine
allzu „gediegene“ Scheu vor „Mätzchen“ mit im Spiele.
Aber — man fand das nun mal nicht würdig für ernste
Männer.
Bei den russischen Sängern vom Don kommt man aus
diesen Mätzchen, diesen Kinkerlitzchen überhaupt nicht
heraus. Das ist ihre Hauptanziehungskraft. Das impo—
niert dem Laien, der das für etwas ganz besonders
Schweres hält, dessen Ohren gerade durch solche die Nerven
ceizende Klänge auf angenehme Weise gekitzelt werden.
Aber was würde man von einem Orchester sagen, dessen
Streichkörper in jeder Nummer ganze Strecken mit Dämp—
ern spiesen würde?
„Kitsch!“ höre ich da manchen rufen. Ja — und eine
gute Dosis Kitsches kann man bei den Kosaken ge—
rießen. Freilich sind diese Bonbons in so glanzvolles
voldpapier eingewickelt, daß schon der bloße Anblick den
Appetit reizt. Aber man denke nur an das Wort „Stil“.
iamentlich bezüglich des Programms!
Man nehme z. B. die dritte Nummer des Programms
m geistlichen Teile: Bortniansky: „Ich bete an die Macht
»er Liebe“. Freilich, mancher unserer alten Soldaten wird
erstaunt sein, zu erfahren, daß dieses ernste Stück aus
einer Militärzeit von einem Russen komponiert wurde!
Aber er hörte es beim Begräbnis eines gefallenen Kame—
;zaden von der Regimentsmusik, der bei aller Weichheit
»er Instrumente doch eine Ahnung von ernstem, ehernem
dlange beigemischt ist. Und hier, von diesen ehemaligen
russischen Kriegern, es mögen wohl so manch andere „fried—
ertige“ Elemente inzwischen dazugetreten sein, klingt das
Ztück, als würde es zum großen Teil von einer zarten
Mädchenschar vorgetragen.
Das freilich nicht immer! Mitunter fahren die Tenöre
ruf uns los, als packte eine Schar wildgewordener Teufel
uins beim Schopf und schüttelte uns über einer höllischen
Bratpfanne. Dieses quasi „hineinhauen“ in den Klang
virkt unschön, namentlich wenn die Tonbildung so offen
st wie bei den Russen. Doch mit einem Male klappt der
zräuliche Rachen zu, das keindselige Angesicht besänftigt
ich: 's ist nicht so bbs gemeint. Im Grunde sind wir
janz weichherzige, liebe Teufelchen!
Ja — die Gegensätze! Die vielen, oft ganz unmoti—
»ierten, scharfen Gegensätze! Auf „deutsch“ nennt man's
„Effekt“. Und Richard Wagner übersetzt's mit: Wirkung
»hne Ursache!
Und gerade das sollte in der Kunst — auch in der
noch jungen Kunst des Männerchorgesangs — eigentlich
rzin überwundener Standpunkt sein.
Von diesem Gesichtspunkt aus find die so erfolgreichen,
etzt schön wohl 6—28 Jahre währenden Gastspiele der
Donkosaben für das ganze Konzertleben von Mittel- und
Westeuropa durchaus nicht als ein kunstfördernder Faktor
zu begrüßen. Eher als das Gegenteil! Unsere Männer—
gesangvereine strengen sich an, durch Aufstellung wirklich
zuter Programme den Kunstsinn ihres Publikums zu ver—
edeln. Und da kommt eine Schar von fremden Leuten,
ogar noch von früheren Feinden, macht sich in dieser Hin—
icht die Sache ungeheuer leicht — und sieht sich. immer
Jefüllten Konzertsälen gegenüber.
Natürlich ist gerade der Umstand, daß es Angehörige
ines fremden Volksstammes sind, für das deutsche
Publikum sonderlich anziehend. Aber daß die ganze Auf
machung dieser Konzerte auf den bloßen Effekt hin ge—
dacht ist, dürfte wohl außer Zweifel sein. Gerade daß
as ein fache Piano, das Mezzoforte fast nie erscheinen,
ondern meist nur die schroffen Gegensätze des Pianissimo
ind Fortissimo, ist für den Geist der Darbietungen be—
eichnend! Ich habe aus Leistungen russischer gemischter
chöre, z. B. des der früheren kunstsinnigen Großfürstin
helene, aber auch kleinerer Volkschöre, die Schönheiten
der beinahe der Madrigalform sich nähernden, polyphon
rehaltenen russischen Gesänge besser kennengelernt.
Dieses Element war hier nur schwach vertreten. Hier
par es eine Art Spezialitätenthegter, dessen
Anziehungskraft auf ein internationales Publikum ganz
»egreiflich ist. Zirka 40 Mann in Uniform, mit den roten
Beneralstreifen an den Hosen, „aus dem Weltkrieg an—
narschiert kommend“, wie viele von den 40 mögen wohl
Bulver gerochen haben? — zuletzt noch eine krastvolle
— und Tanzleistung — ja, wer könnte da wohl wider—
ehen?
Ich war vor langen Jahren in Pfkoff an der Welikgja
zeüge einer Marschübung eines russischen Regiments. Ba
var, keine Regimentsmusik. Aber an der Spitze tanzten
da drei oder vier Soldaten in den verwegensten Sprün—
jen vor der marschierenden Kolonne — hinter ihnen direkt
amen die vielleicht 30 „Sänger“ des Regiments, die in
einem prachtvollen, über die Ebene hintönenden Marsch—
iede die Tänzer zu immer lebhafteren Sprüngen an—
euerten. Und wolch seltsames Gefanosstück mar 31 Wosn—