Full text : 7.1929-1930 (0007)

Seite 122 III'“

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den lärmenden Straßen der Metropole, und haben einen
banalen, unflätigen Schlager in ihrem unschuldigen Munde,
dessen Texte sie Gott sei Dank nicht verstehen. Haltet da—
zegen ein Volkslied von einfacher, erhebender Reinheit und
— anerkennen wir zugleich — von künstlerischer Vollkom—
menheit, gesungen von großen und kleinen Kindern im däm—
mernden Abend, am Sonntagmorgen oder unter dem Weih—
R und entscheidet, wer das bessere Teil erwählt
at.
Einen sehr wesentlichen Faktor in der Volksliedpflege
neben der Schule, die hier eine sehr wichtige Aufgabe zu
erfüllen hat, bildet der deutsche Männergesang, der es sich
on üüen hat angelegen sein lassen, die u rg Werte des
Volksliedes zu hegen und zu erhalten. Der Deutsche Sänger—
bund, die große deutsche Organisation, der mehr als 15000
Männergesangvereine mit über 550 000 singenden Mitglie—

dern angehören, hat noch in letzter Zeit seine Vereine zur
ntensiven Pflege des Volksliedes aufgefordert und beabsich—
igt durch Einführung eines jährlichen „Deutschen Lieder—
ags“ diesen Gedanken auszubreiten und zu vertiefen. An
iesem „Liedertage“ sollen in ganz Deutschland im kleinsten
dorfe wie in der Großstadt öffentliche Platzkonzerte mit
bolksliedern stattfinden, um auch den Fernstehenden wieder
»inen Begriff von der Größe und dem Werte des Volks—
iedes zu geben.
Seien wir dankbar, daß wir durch das Mittel des Volks—
iedes einen Anker besitzen, der uns eine Verbindung mit
ꝛtwas Heimatlichem bedeutet — Heimatsgefühl im weitesten
Sinne und identisch mit dem Kindheitsgefühl, zu dem der
Mensch sich so oft in seinen Nöten und Schmerzen des
zarten Alltags flüchtet.

R. Matthes.

Das

Handöwerk im deutschen Lied.

Wwg kaum eine Gruppe der Volkslieder ist in ihrem
Y Bestande und in ihrer Erhaltung für die Zukunft so
sttark gefährdet wie die Haändwerkerlieder. Der Liebe
Lust und Leid, die Freude an Gottes herrlicher Natur,
Soldatenleben, — das sind alles Themen, die sich gewisser—
maßen aus ihren natürlichen Quellen von selbst erhalten
und von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen; aber die
dandwerkslieder sterben mit dem Verschwinden des selb—
tändigen Handwerkertums ab, weil der natürliche Humus
für diese Art von Liedern fehlt, nämlich eine anders ge—
artete Zeit, die noch etwas übrig hat für die Eigenärt
hodenständiger und berufsständiger Menschen. Wer den tie—
seren Sinn dieser Lieder so recht verstehen will, der muß
an sie nicht mit der Einstellung eines abgehetzten Groß—
stadtmenschen herangehen, der muß sich einstellen können
auf die Lebensart dieser kleinen Städte, die noch vom alten
Ringwall, umgeben sind, und deren hochgespitzte Giebel sich
o spießbürgerlich-neugierig in die Fenfter gucken. In den
Broßstädten, ist das Handwerkerlied wohl schon ganz ver—
schwunden; sie haben kein Verständnis für diese Zunftpoesie,
die noch Berufsstolz und freudiges Menschtum predigt. Es
geht hier mit dem Lied so wie mit der Kunst: der Sinn
ür, die Behaglichkeit des Spitzweg-Bildes geht in dem
aroben Kubismus unserer Zeit verloren

zeeug ebenfalls anstrichen, ist wohl als selbstverständlich an—
unehmen, wenngleich sich echte und stichfeste Kronzeugen für
diese Zunftdichterfehden nicht nachweisen lassen. Auf die—
elbe Art scheinen auch die anderen zahlreichen Necklieder
tstanden zu sein, deren weitaus größte Zahl sich mit den
—„chneidern befaßte; das bekannteste dieser Lieder ist das
died vom Schneider in der holle: „Es wollt ein Schneider
vandern des Montags in der Früh“, das wohl in die
neisten neuzeitlichen Lie dersammlungen Aufnahme gefunden
at.
Eine andere Gruppe von Handwerksliedern, deren Sinn
inserer Zeit völlig verlorengegangen ist, finden wir in den
Landerliedern. Zwar ist uns Wilhelm Müllers „Das
Pandern ist des Müllers Lust“ ein gar lieber Freund ge—
vorden, der bei jung und alt zu Hause ist, doch ist das
zur ein Repräsentant einer großen Anzahl anderer Wander—
ieder, die, zahlreich über ganz Deutschland verbreitet, auf
alen Straßen und in allen Herbergen ertönten, wo fröhliche
dandwerksgesellen von Stadt zu Stadt zogen, um die
VWelt und ihr Handwerk besser kennenzulernen Und es war
richt gar selten, daß der wandernde Geselle nicht mehr
verter zog, wenn der Meister ein holdseliges Töchterlein
satte, das dem Gesellen von Herzen zugetan waäaͤr; die
Lore am Tore“ ist der dichterische Beweis dafür. Daß aber
uch in der „guten alten Zeit“ die Auffassungen über Art
ind Umfang der Arbeitsleistung bei Meister und Gesellen
ehr verschieden gewesen sind, bezeugen uns die zahlreichen
Sesellenlieder, von denen allerdings nur wenige in den
illgemeinen Liederschatz aufgenommen worden sind. Ar—
eitszeit und Lohnfrage mit, der Nebenfrage der Bekösti—
zung und Wohnung spielen hier eine große Rolle, genau
d, wie diese Fragen heute die Kernfrägen der modernen
Zozialpolitik geworden sind, nur daß diese Probleme nicht
enen Riesenschatten auf breite Volksschichten warfen, wie
as heute der Fall ist.
Man wird in der Annahme wohl kaum fehlgehen, daß in
»en Zunftladen der Handwerkerinnungen noch so manche
—8 Schätze an Handwerksliedern verboörgen liegen.
Ind auch heute noch gibt es Handwerksgesellen, die am
zunftbrauch festhalten; die Hamburger Zimmerleute seien
ils Beispiel genannt. Und in den Herbergen der verschie
»enen Zünfte erklingen auch heute noch die alten Weisen!
Soll man sich dieser Poesie noch annehmen, die zum Teil
remd in unsere Zeit hineinragt? Ich meine, ja, denn sie
st uns ein lebendiges Zeichen für das Verwachsensein mit
»em Volk, das unserer Zeit so sehr abgeht. Die Handwerker—
poesie ist ein Teil jener Volkskunst, die wie alle ech te
Bolkskunst den Menschen nicht entwurzelt, sondern ihn
est mitten in seine Zeit hineinstellt und ihn in seiner Welse
zur Geltung kommen läßt. In diesem Sinne ist jedes dieser
dieder von einem Zauber umsponnen, dem wir uns so
zern hingeben, mit ganzer Seele, weil uns gehetzten Men—
chen solche Rüchlein Heimaterde so bitter“ not tunt
Dankenswert ist das Bestreben des Deutschen Sänger—
undes, durch stete Pflege des Volksliedes in seinen Ver⸗
inen auch die Handwerkslieder wieder lebendig zu machen.
Im Volksliede schlummern noch herrliche Shaͤhe deren
Zebung sich tausendfach lohnt!
I bGenrgn Wanzer, Mopru

Für die Entstehung der Handwerkerlieder
waren zwei Motive richtunggebend: einmal der Stolz und
die Freude am eigenen Beruf und, hieraus entstehend, ein
gewisses Herabsehen auf die anderen Berufsstände. Damit
harakterisieren, sich auch bereits die wichtigsten Gruppen
dieser Lieder:; Lob- und Preisläeder auf den eigenen
Beruf und Spottlieder auf den der anderen. Der
Ausdruck Spottlieder ist etwas zu scharf: es handelt fich
nicht um jene bissigen Spottlieder, deren Absicht es ift, den
anderen zu verletzen und zu kränken, sondern es sind jene
hehäbig-schmunzelnden Necklieder, die unter weidlicher Aus—
chlachtung der schwachen Seite des anderen Berufes in
zutmütiger Form dem Angreifer sagen, daß er vor feiner
eigenen Türe kehren soll, bevor er sich über andere lustig
nacht. Ein typisches Beispiel bieben hier die Lieder von
den Leinewebern: das eine Lied: „Ei doch, wie so doli
st's, wenn man es betrachtet; wann einer dem Leineweber
eine Arbeit verachtet! Ist ja kein Mensch auf der Welt,
der seine Arbeit nicht vestellt. Jeder muß fagen: Leine
veher muß man haben!“ Dann zählt das Sied auf, zu
velchen Zwecken die Erzeugnisse der Handwerkskunsi der
Leineweber gebraucht werden: zu Windeln für die Neu—
geborenen, zu Grabtüchern für die Verstorbenen, zu feinem
Ldemd und Spitzen für das Mädchen, zur Zeltbahn für den
Soldaten, zum Schweißtuch für den Heildand auf seinem
reuzweg. Das andere Lied, eine hessische Volksweise,
dämpft die hohe Meinung gewaltig herab, indem es den
deinewebern einiges nachsagt, was“ man nicht gerade als
Schmeichelei auffässen kann: „Die Leineweber haben eine
aubere Zunfst, Mitfasten hallten sie Zusammenkunft. Die
deineweber nehmen keinen Lehrjungen an, der nicht sechs
Wochen lang fasten kann. Die Leineweber schlachten alle
Jahr zwei Schwein, das eine ist geftohlen, das andere ist
aicht sein.“ Daß natürlich die Leineweber die Antwort nicht
chuldig blieben und ihrem Gegner und Spätter 638 69
            
Waiting...

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