Seite 104 I
den äußeren Kämpfen um den Bahnbau gesellen sich nun
die Kämpfe in der eigenen Brust. In seiner Not ruft er
Frau Sette, die in Treue das schwere Amt, Emil Schicksals—
säden golden zu spinnen, indem sie Mang in den Familien—
kreis zieht, übernimmt und zu glücklichem Ende führt. In—
zwischen hat ein gewaltiges Unwetter, das in wilder Phan—
tastik vor uns abklingt, den Bau der Bahn als unmöglich
erwiesen. Emil kehrt mit den Seinen schicksalversöhnt in
die Stadt zurück. Die Absomer Straßenbahn, die der
Ingenieur dörferverbindend durch die Täler geführt hat,
läßt das Absomervolk auch Emils Segensspuren bewahren.
Ueberaus spannend ist hier das äußere und innere Ge—
schehen zu einem Schicksalsgemälde voll tiefer Eindringlich—
zeit zusammengezogen.
Volkspsychologisch von hohem Reiz ist der fesselnde
Roman Papsft und Kaiser im Dorf. In festlichem Aufzug
geleitet die Gonser Kirchenvertretung den Pfarrer Carolus
an die Dorfgrenze seines neuen Wirkungskreises, nach
Lustigern, wo der Seelenhirt in ebenso feierlichem Geleit
on der ganzen Gemeinde eingeholt wird. Aber bald ver—
tiefen sich die Gegensätze zwischen dem Geistlichen und dem
herrschgewohnten Amtmann Cornelius. Versöhnungsver—
zersuche scheitern. Der Pfarrer erliegt schließlich dem Trotz
des Amtmanns und der Gemeinde, als er eigenmächtig an
die Vergrößerung des Kirchturms herangeht. Er soll nach
deiligberg versetzt werden, erleidet aber einen Schlag—
anfall und findet nun doch sein Grab in der streitbaren
GBemeinde Lustigern. Das Weib, das nach Hamerlings Wort
des Mannes Parze ist und ihm den Lebensfaden dunkel
»der golden spinnt, steht auch in Federers Romanen meist
im Mittelpunkt des Geschehens. So auch in Regina Lob,
aus den Papieren eines Arztes. Hier stellt sich zwischen
das Freundespaar Walter und Theodor, die vierzehn Jahre
in Treue zusammengestanden hatten, dieser mit seiner
sonnigen, humorvollen Lebensfrische die Herbe und Schwer—
mut jenes so freundlich ausgleichend, das Weib: Regina
Lob, die einstige Jugendgespielin Walters und nachmalige
Braut und Frau Theodors. Schließlich steht auc hier das
Weib im Dienst der Versöhnung, und als Theodor an
einer heimtückischen Krankheit gestorben, findet sie späder
an Walters Seite aus tiefem Leid wieder Aufrichtung und
neuen Lebensmut. In der überaus humorvollen, feinge—
schliffenen Erzählung Spitzbube über Spitzbube begleifen
wir zwei fürstliche Unterhändler, Heinz Bürgli von Mai—
sand und Schatzmeister Simon von Oesterreich, die durch
Beschenke den Einsiedler Niklaus von Flüe gewinnen sollen,
bei der Soldatenwerbung in der Schweiz hilfreiche Hand
zu bieten, zur Klause des Eremiten. Sie erreichen beide
ihr Ziel nicht, kehren aber innerlich geläutert in ihre Heimat
zurück. In Jungfer Therese lernen wir fünf Neupriester
ennen, die vom Prior in ihre ersten Stellen geschickt
werden. So kommt der schmächtige Johannes Heng in
das Haus des Lachweiler Pastors, das von der gesunden,
derben, kampflustigen Therese betreut wird, die hernach
Beweise rührender Selbstlosigkeit und tapferen Opfermutes
bringt. Und welch eine treffliche Milieu- und Charakter—
schilderung Das Mätteliseppi! Wenn uns der Dichter hin—
ührt zu seinem Webstuhl und hartem Flachsscheitel, seinen
angen Stecken, sein Unterrichtsgenie und seinen mörder—
ichen Kleiderkasten als Arrest? Zu seinen Helgen und
Mären! Wie das alles echt ist in seinen lekten Gründen.
51 & * uin
V
* d
S SE r⸗B
2
r⸗Ean un
a
a
S
up Nr.
das will sich der Dichter jederzeit von viel hundert Ob—
valdnern bestätigen lassen!
Eine Reihe kleinerer Erzählungen Federers erschienen
zübsch ausgestattet bei Herder KeCo., G.m. b. H., Frei—
zurg i. Br. Ich nenne: Gebt mir meine Wildnis wieder!
Umbrische Reisekapitel, Streifzüge durch romantische Land—
chaft, treffliche Charakterbilder, Heimweh des aus kirchen—
»olitischen Erwägungen auf den päpstlichen Stuhl ge—
zrachten Einsiedsers nach seinen Bergen, Reminiszenzen
in das grandiose Schauspiel der Gotenherrschaft in Italien!
In Franuzens Poetenstube, umbrische Reisekapitel, erschüt—
ernde Predigten der Versöhnung an all die Tausenden,
zie sich die Hände heute noch nicht geben können! Eine
Nacht in den Abruzzen, mein Tarcisius-Geschichtlein, tra—
zisches Geschehen aus den Tagen der Christenverfolgung!
das Wunder in Holzschuhen, Geschichten aus der Urschweiz,
die Vision des Einsiedlers, das dem Magister Bruno aus
der Hand genommene Buch irdische Weisheit, der magische
—„chritt aus fünfundneunzigjähriger Langeweil in das Reich,
n dem die Jahrtausende nur Sekunden sind! Der Fürchte—
nacher, eine Geschichte aus der Urschweiz aus der Zeit des
Amstaldenprozesses, Meinungen und Taten des Einsiedlers
daus von Flue. Patria, ein Heldenbuch aus dem irischen
Fveiheitskampf!
An der Herausgabe kleinerer Erzählungen ist endlich noch
»er Verlag Eugen Salzer in Heilbronn beteiligt, der den
leinen Bändchen ebenfalls ein recht freundliches Gewand
gegeben hat. Da nenne ich Sisto e Sesto, Erzählung aus
zen Abruzzen, mit dem romantischen Auftakt aus dem
tzanditenleben der wilden einsamen Bergwinkel und der
ßBeschichte des robusten Sesto, der nicht bloß Sisto, son—
zern noch drei weitere Päpste überlebte! Das betzte Stünd⸗
ein des Papstes, umbrische Reisegeschichtlein, von Inno—
Jenz III, dem gehörnten Reisekameraden, der braun und
gelb gefleckten Ziege mit dem weißen Tupf auf der Stirn,
on Frau Agnes, dem Hausierer Marecote im Analphabeten—
»örflein und von Sibille Pagni und Taddeo Amente!
das deutscheste AUBC, ein Volksgeschichtlein von dem
ungen, idealen Schulmeister Flex, der zum Schrecken des
eit 25 Jahren im Dorf amtierenden Pfarrers Eustach
und der ganzen Gemeinde eine Neuerung mitbringt: Das
»eutsche ABEC! Bis dann zum 25. Jubiläum dem Pfarrer
ille guten Wünsche im deutschen ABC überbracht werden
ind so der Versöhnung wieder der Weg bereitet wird!
Es kommt über den Leser ein befreiendes Gefühl, ein—
nal wieder in die Gedankenwelt eines Dichters eintreten
zu dürfen von soviel göttlicher Ursprünglichkeit des Emp—
indens. Die Gestalten seiner dichterischen Phantasie leben,
veil sie der Wirklichkeit abgelauscht sind mit hellhörigem
Dhr. Und wie ist bei Federer alles, auch das Harte und
Schwere, übersonnt von einer fveundlich verstehenden Welt—
und Menschenanschauung und von köstlichem, aus immer
teuen Quellen sprudelndem, echt volkstümlichen Humor.
Nicht nur die Schweiz hat in Heinrich Federer seit Gott—
ried Keller den trefflichsten Erzähler verloren. Möge ihm
deben und Dauer beschieden sein in unsern Büchereien Seine
Werke sind lebenswichtig nicht nur für die großen öffent—
ichen Bibliotheken, sondern ganz besonders auch für die
—„chul- und Jugendbüchereien, Letzten Endes werben sie
mit Recht um einen Platz am heimischen Herde! Aus
vem Volke fürs Volkf! Walther Stein.
Vorhildung für den
kaufm. Beruf.
Sorgfaltigen Unterricht in allen
Contorwissenschaften erteilt
taufmäannische Prve-chule
MERAER HELLIXICM
i — III
fernsprecher 2394 Saarbrüũcken 3 Friedrich- Ebertstr. 15
Vormittags-, Nachmittags-und Abendkurse
Prospekte srei
Rleidunq, Wasche und
Innen· Ausstattfunꝗ
Ihrer Päume
̃
J. LVON SOHNE
———