Full text : 7.1929-1930 (0007)

Seite 102 II IIIl Saar⸗Sänger⸗-Bund IIsi RIphhh Nr. 5
zar nicht lächelte. Cäsar, Napoleon, Rom, Schlacht bei waldner wollten. Da hätten sie ihn zum Trotz aus allen
Morgarten, Papstkrönung, Weltmeer und wieder Cäsar, Aemtern geworfen. Nikolaus Hermann habe sich tief ge—
erstochen im Rathaus, und wieder Napoleon, gefangen und grämt. Nun endlich sei das Volk in sich gegangen und habe
nochmals Kaiser in Paris. Großes gab und, gibt es in ihn wohl wieder nach Bern bestellt und zum regierenden
der Welt, Wunder über Wunder. Und hier geschah auch so Landammann erwählt. Darum dieses Fest. Es sei eine
etwas. Wie ein Kaiser steht er dort und ist noch stärker Art Genugtuung.
als die Musik. Er weint nicht, er lacht nicht, ernst blickt „Ah, darum hat der Landammann nicht gelächelt,“
er ins Volk. So muß man tun, so tat Cäsar. Oh, wenn nagte ich.
auch mir einmal eine solche Musik gälte! Aber ich würde „Es hat ihm damals furchtbar wehgtan,“ wiederholte
oor Rührung zu Boden knien. Ich würde die Spielleute um- die Mutter. „Wenn die gute Frau nicht gewesen wäre,
armen. Ich gäbe ihnen alles, was ich in beiden Hosensäcken wer weiß ...“
hätte, und das wiegt nicht wenig, ein Messer mit drei „O du!“ widersprach ich stolz. „Er hat doch nicht ein—
Schneiden ist dabei — und bäte sie, mich mitzunehmen mal nasse Nugen gehäbt.“
und auch so aufspielen zu lehren. „Kind, solche Männer weinen nicht. Sie wären oft froh,
Jetzt gab es eine Pause und man hörte die prachtvolle sie könnten noch weinen wie du.“
dinde neben dem Hause im Abendwind rauschen. Jemand „Aber hast du mir nicht vorgelesen, wie sogar Jesus ein⸗
redete ganz allein ans Fenster hinauf. Der Landammann mal, nein zweimal vor allen Leuten geweint hat? Das
antwortete etwas. Er hakte eine verwöhnte, leicht krähende var, doch der größtte Mann,“ disputierte ich.
nasale Stimme. Aber mich dünkte es die Stimme eines „Jesus ... geweint ... schon, schon! Aber das ist etwas
Fürsten. Von der Rede verstand ich nichts. Nun bricht wieder Janz anderes,“ versetzte Verena verlegen.
eine stolze, lufterschütternde Musik aus. Man rollt Fäßchen „Aber dann, wenn sogar Jesus ...“
über den Rasen, Mägde kommen mit Gläsern und Körben Geh du, jetzt Ichleunigst ins Bett, eins, zwei, drei! 's ist
voll Brötchen. Die ersten, Sterne erglimmen. Tief unten ast zehn Uhr, Und greine du mir weniagstens ein bißchen
verdämmern See und Gebirge, und immer noch jauchzen minder,“ befahl die Mutter ärgerlich. Schadenfroh lachten
diese Trompeten und Klarinetten zum Himmel auf. Es die zwei Schwestern mich aus.
vürde mich nicht wundern, wenn der Mond sogleich hervor— „Aber Mutter, so hör' doch! wenn sogar Jesus ...“
rollte, um zuzuhören, und wenn sogar die Sonne hinter Da streckte, Verena den Arm, den schmalen, leichten Arm
dem Pilatus aus aller Nachtruhe zurückschwämme und sagte: mit den großen Aermeln, ohne ein Wort, und zeigte zur
„Bruder Mond, erlaube, nur ein paar Minuten! Ich will Kammertür. Das war unwiderstehlich.
dir nicht ins Licht pfuschen. Ich ziehe mein Schnupftuch Uneins und unzufrieden legte ich mich ins Bett und
übers Gesicht, aber doch so, daß ich noch etwas vom selt- nagte an meinem Rätsel herum. Gewiß war es fein, daß
'amen Ereignis bemerke. Es ist auch gar zu schön.“ — »er herrliche Mann nicht weinte. Aber unwidersprechlich
Daheim, vor, dem Zubettgehen, fragte uns die Mutter, Hön, war es doch auch, daß Jesus über seine goldene
ob wir auch die Frau Landammaun gesehen hätten ,So Stadt Jerusalem geweint hat, weil er sie so liebte und
trommle doch nicht, so, bis die Scheibe springt!“ gebot fie weil sie so falsch zu ihm war, 's ist gm Ende beides recht.
nir. „Tust mir fast wie ein Narr“ Aber horch, horch noch immer Musik?
„Ob ich was gesehen habe, Mutter, was?“ fragte ich Jawohl, das war ferne Musik, was vom Hügel her durch
roch ganz verträumt. die stille Finsternis bis zu meinem offenen Fenster tönte,
„Unsere Frau Landammann! So pass' doch auf! Schau, ast wie süßes Bienengesumm und einige brummige Hum—
nir ins Gesichti“ nein dabei die meläncholisch Baß auf Baß abspielten.
„Die Frau Landammann? Nein!“ stotterte ich. Wie hätte 3wischen Wachen und Schlafen sah ich wieder den Land—
ich in dieser wahrhaft männlichen, großmännlichen Be- immann am mittleren Gesimse, rosenrot das Gesicht, schwarz
geisterung ein Mädchen, eine Frau, sescbst eine Landammanns- ex Frack, grau wie Eisen das Haar, wie er über die
rau bemerken können! döpfe zu den jenseitigen Bergen blickte und nicht lächelte,
„Dann „‚Zast du ja nichts gesehen“, erwiderte die Mutter 2bwohl die Musik doch immerfort rief: Wir wyllen dich
trafend. Ihr war diese greise, eigelhafte Patin und Wohl— ustig machen, lache doch! — Und wie er auch nicht weinte,
äterin weitaus das Wichtigste an der ganzen Feier. vo die Musik doch dann immer wieder bat: So weine ein
„Aber ich, aber ich!“ frohlockten meine Schwestern. ‚Sie »ißchen! — Ich sah, wie er unbewegt dastand und nur
stand zuerst versteckt hinter dem Landammann im Vorhang. lickte und näselte: Ich danke euch, ich danuke! Aber dann
Ich, glaub', sie rief ihm etwas ins Ohr und dann hat ihernahm es auch ihn, und er bog sich herab und sitzt
er sogleich zu den Leuten hinaus genickt. Schau', so etwa!“ etzt gewiß mit den Musikanten unter dem Baum und stößt
„Ach was“, spottete ich. nit jedem, der ihm naht, das Glas an und weint ein
„Und nachher hat sie ihm wieder etwas gesagt und ihn venig und lächelt ein wenig vor Glück. Und jetzt fieht
Jestupft, ich sah, sie trug weiße Handschuhe Er solle doch r, mich von weitem und winkt und ruft durch die Nase:
etwas reden, meinte sie. Die Frau neben mir, die Frung. Komm, Heinrxich, wenn dir das denn doch so gefällt
sah es noch besser und hat es so erklärt. Und richtig, da b, komm doch! . da, trink! und da, nimm, das Trompet⸗
hat er allem Volk in der Wiesen und der Mußik noch ein. Es ist eigens für dich so klein. Nur frisch angesetzt,
zesonders gedankt.“ ꝛs geht schier von selbst! ...
„Wie du fabelst, Pauline“, stotterte und staunte ich Und, nun beginnt ein neues Stück. Ich probiere voll
insicher. 3weifel mitzumusizieren. Ei doch, es läuft wie Wasser.
„Und noch einmal stupfte sie ihn, und da sah ich deutlich Kaum leg' ich die Lippen ans Mundstück, so fängt es an
ihren Löffel im Haar, glänzen, so weit hat sie fich zu klingen, hinauf und hinunter genau die Melpdie Ja,
oorgebogen. Da sagte sié ihm, er solle jetzt den Leuten H seheé wahrhaft die Noten, die ich spiele, wie goldene
etwas geben. Er rief dann auch sofort, man solle mit ihm Freisel aus dem Blech fliegen, prachtvolle goldene Kreisel.
aufs Wohl von Obwalden trinken. Dann sahen wir die Rings um mich wird alles Gold und Klang. Ich fehe
Frau nur noch an den Küchenfenstern bei den Mägdem. und höce nichts anderes mehr. Wo ist der Laͤndammann,
ODhne sie, sagte die Frunz, wäre es viel weniger chön die Linde, wo ... Wo ist mein Trompetlein?
gewesen.“ Halt, wo ist mein Trompetlein? Ein sfüßgelber Nebel
Verena neigte froh ihren glatten, rabenschwarzen Scheitel. verschluckt alles. Das Trompetlein, o Gott!
Sie hörte nichts lieber, als ihre verehrte Gönnerin rühmen. Was, Trompetlein, dummer Heinzel!“ sagt eine ernste
Meine Schwester mußte ihr alles nochmals erzählen, Ich Stimme über meinem Bett, und herber, heller Morgen
aber war wie vor, den Mund geschlagen. Dieses Mädchen üüllt die Kammer. „Da sind Hemd und Hosen. Flint.
da, das nichts von Cäsar und Napoleon weiß, hat ja wirklich die Mädchen sitzen schon beim Frühstück.“
oiel mehr gesehen als ich. Es roch alles so natürlich und Ich kann es nicht fassen, noch eben hielt ich doch das
wahr, was es berichtete. Wenn ich nun auskramte! dusel, Trompetlein am Munde, und grabe noch hitzig unter den
Nebel, Schwindel würde es heißen, und beinghe müßte dissen herum, bis ich völlig exwache. Äber ich bin nicht
ich es selbst glauben, Wo war ich denn gewesen? Hatte ich raurig. In meinem Innern singt und schallt es immer
neine Sinne? Rom! ach was Rom! Sächseln, nichts als doch, deutlich. Ja, ja, da drin träge ich das Trompetlein—
Sachseln! raag's überall mit mir!
Aber, erklärte Verena, die Hauptsache wüßten wir nun Heinrich Federer.
roch immer nicht. Der Landammann Hermann habe vor Aus: Am Fenster, Jugenderinnerungen
»iniger Zeit in Bern oben anders gestimmt, als die Ob— RG6Groaofesche Rorsaoshuchß Rorlin
            
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