Full text : 7.1929-1930 (0007)

Auqgu—

rrunshhhhh Saar⸗-Sänger-Bund »VJP.l Seite 101
»thegraven.

—

9 60144

enn wir in unserer Bundeszeitschrift unsere Mit—
W glieder auch interessieren wollen für neuzeitliches
Kunstschaffen, namentlich auf dem Gebiete der Chor—
literatur, dann dürfen wir an dem rheinischen Meister
August von Othegraven nicht vorübergehen. Be—
hauptet er doch seit langem
in unsern Konzertprogrammen
einen festen Platz. Können wir
uns doch eine ganze Reihe
don Volksliedern nur noch
in seiner klangschönen Satz—
veise denken. Ich muß aber
schon selbst von ihm in un—
erer Bundeszeitschrift berich—
ten, denn mit seinem mir
freundlichst verehrten neuesten
Bild, das die heutige Nummer
ziert, verband von Othegraven
in seiner Bescheidenheit die
Bitte „auf einen Aufsatz oder
ihnliches verzichten zu wollen.
Ich habe mich bis jetzt noch
ticht schriftstellerisch betätigt,
und möchte es auch, eingedent
des Spruches: „Was Hänschen
nicht lernt“ — nicht ver—
uchen“.
Im Jahre 1864 in Köln als
Sohn des langjährigen Prä—
identen des Kölner Männer—
gesangverein Louis von Othe—
graven geboren, stand schon
seine Jugend im Bannkreis
deutscher Kunst, unter dem
hohen Klang des deutschen
Männerchors. Früh erkannte
musikalische Begabung be—
timmte seinen Bildungsweg.
Und so sehen wir ihn nach
Absolvierung des heimischen
Bymnasiums als Studenten
des Kölner Konservatoriums
zu Füßen Hillers, Langes und
Sensens, dann von 1884 bis
1889 nach Erringung des
Mozartpreises bei Rheinberger
n München. Mit dem Ab—
chluß seines Studiums be—
ginnt seine eigene überaus
ruchtbare musikpädagogische
Tätigkeit als Professor am
tölner Konservatorium für
dlavierspiel, Chorgesang und
pernensemble, in welcher
Stellung er Wesentliches,
pvielleicht Entscheidendes bei—
trug zur künstlerischen Entwicklung einer Elly Ney, eines
Adoölf und Fritz Busch, eines Knappertsbusch und Hoehn
und zahlreicher anderer Musiker, die in ihm den geist—
und gemütvollen, sachkundigen und sicheren Berater fanden
und verehren und sich heute im künstlerischen Leben Deutsch—
lands an hedeutender Stelse befinden

Meister Othegraven steht uns als Komponist beson—
ders nahe, weil er dem Männerchor und dem Chor über—
)aupt seine ganze Liebe geschenkt hat und weil er in
all seinem Schaffen auf die ewig jung sprudelnden Quellen
des deutschen Volksliedes zurückgegangen ist. Frei von
schmalziger Sentimentalität,
aber auch ebenso frei von
eitler Ausschau nach orchestra—
ler Wirkung schuf er seine
Volksliedbearbeitungen kontra—
punktisch im Sinne der Poly—
phonie der alten Meister.
Sie sind deshalb technisch ge—
sehen auch in den Mittel—
stimmen voller Melodie, in
ihrer Gesamtentwicklung voll
satter Klangschönheit, dabei
ohne gesuchte Schwierigkeiten.
Der Jäger aus Kurpfalz, Die
heiden Hasen, Drei Wuͤnsche,
Zu deinen Füßen, Aus alter
Zeit, Im Maien, Meine
Böttin, St. Michael, und mit
I wehherbene ns: Der Rhein
und die Reben, Rheinsage,
Bauernaufstand, Landsknechts
Lust und Leid, für gemischten
Chor mit Orchester: Der
Milchbrunnen, Der Abend auf
Bolgatha, sowie das Märchen—
piesls;: Die schlafende Prin—
zessin, die Operette: Poldis
Hochzeit und das entzückende
Hratorium: Marienleben —
welch eine Bereicherung unserer
Thorliteratur! Und man füge
hinzu unser soeben im Bundes—
buch veröffentlichtes Verzeich—
nis der in unserm Partituren-—
Archiv vorhandenen Komposi—
tionen August v. Othegravens,
das einen Blumenstrauß ent—
zückender Volksliedbearbeitun—
gen enthält (Verlage F. E. C.
deuckart, Leipzig; Tischer und
Jagenberg, Gam. b. H. Köln;
Kistner und Siegel, Leipzig,
und Julius Hainauer, Bres—
lau). Aus diesen Werken
spricht ein Meister zu uns,
der sich den Sinn für das
⸗olkstümlich Schöne zu be—
wahren gewußt hat, eine tief
nnerliche, zurückhaltende Na—
tur, die sich vom „Markte“
fernhielt, eine reiche künst—
erische Begabung, die aus religibsen Quellen schöpft voll
zeinheit, Zartheit, Innigkeit! Und die deshalb aus der
Andächt zur Andacht ruft. Versäumen wir nicht, seine
Partituren zum Klingen zu bringen in unsern Bundes—
ponzerten: das ist die einzige sinngemäße
Ehrungqg eines Meisters! Walther Stein.

LVor dena Feusler des

LRauGnnaannis.

Oas drittemal, an einem warmen Frühlingsabend geschah
es, daß mich etwas mit den andern Kindern zum Dorf
hinaus und den Obkilchenhügel empor zum herrschaftlichen
dause des Landammanns Hermann trieb. Wir Gofen
wußten nicht, was für ein Wind das war. Aber es
mußte etwas Wichtiges sein, denn ein großes Volk stand
herum, die Fenster der Villa gegen die Zufahrt waren
offen, der majestätische Magistrat mit dem prachtvollen
Römerkopf, den wolkigen Brauen, dem violetten Kinn
und dem leidenschaftlichen Mund beherrschte das Mittel—
ftenster Am Sträßchon fyiosfoe eino Rsochmusif

War sie gut? War sie Wone Ich hörte nie mehr eine
schönere. Mit wenigen Takten war ich berauscht. Ich
'onnte nicht begreisen, daß Leute daneben stehen und
schwatzen mochten. Pst! machte ich unwillig, wahrhaftig pst!
nachte ich Knirps und wurde natürlich gar nicht heachtet.
Die Musik aber rauschte weiter.
Ich dachte in jenem Augenblick an alles, was ich Großes
»om Hörensagen und Nachträumen wußt,, und verschmolz
es mit diesem Regierungsmann des kleinen Kantons, der
'o seltsam vom Gesimse ins Volk und über es hinweg ins
npf hinunter 2um GSoo und don Reragen schaufe und
            
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