Full text : 6.1928-1929 (0006)

Nr. 4 IP

Saar⸗Sünger⸗Bund I

Seite 85

Der

ndödres;.

Wahre Geschichte aus dem
G98 war im Jahre 1908. Ich war damals als junger
DSLehrer in R.im, Kreise St.W. An einem lauen
Zommerabend saß ich mit Andres, dem 50jährigen Schreiner—
gesellen aus meinem Kosthause, auf der einfachen Holzbank
bor meiner Wohnung. Dieser Andres war ein „Aller—
weltskerl“. Er kannte alles, konnte alles, wußte alles —
so schien es wenigstens; er war des Dorfes Auskunfts- und
Beratungsstelle. In seinem Fache ein sehr tüchtiger Ar—
beiter, im Nebenamte auch, wenn es sein mußte, ein prak—
tischer Landwirt. In der vaterländischen Geschichte, der
Länder- und Völkerkunde, in religiösen und politischen
Sachen, kurz: in allem wußte er Bescheid. Besonders war
er bei der Musik zu Hause. Er spielte alle Instrumente,
die ich kannte: Klavier, Harmonium, Violine, Bratsche,
Cello, Baßgeige, goone Klarinette, Trompete, Zither — alle
nicht meisterhaft, einige vielleicht nur als Stümper, aber
er spielte sie. Meine besondere Vorliebe zum Gesangunter—
richt in der Schule hat mir diesen alten Musiker näher
gebracht. Er war mir behilflich bei der Auswahl meiner
dieder, übertrug sie aus der Männerstimme in die für
Kinder, schrieb mir die Lieder säuberlich ab — und das
alles in seiner freien Zeit. Und wenn er von Musik
sprach, dann konnte er kaum fertig werden, dann glänzten
die alten Augen, dann erwachte neues Leben in seiner
Brust. Gar manche Stunde haben wir beide zusammen musi—
ziert, und ich erinnere mich noch gerne jener Zeit.
Nur jetzt, wo ich neben ihm vor meiner Wohnung saß,
wollte es nicht so recht von der Stelle mit dem Erzählen
über Hüttigweiler, Raßweiler, Hirzweiler, Stennweiler und
vie die Orte seiner früheren Wirkungszeit sonst hießen.
Ich schlug ihm aufmunternd auf die Schulter. „Na, Andres,
wo fehlts denn heute?“ Schweigend blickte er vor sich hin.
Sein „Nasenwärmer“, eine kleine irdene Pfeife, lag in
seiner Hand. Und wenn das der Fall war, daß der Tabak,
der schwarze trierische Rolltabak, nicht mundete, dann mußte
ihn etwas Schweres drücken. Ein zweites Mal versuchte ich
auf ihn einzuwirken, scherzhaft. Da erhob er wie abwehrend
seine Rechte und meinte: „Nicht so, Herr Lehrer, ich bin
heute zum Scherzen nicht aufgelegt. Dafür ist mir der
Tag zu heilig. Lassen Sie mich erzählen:
Vor 27 Jahren, ich war damals etwa in Ihrem Alter,
zog ich als Wanderbursche in D., einem kleinen Orte an
der Mosel, ein. Mir war nicht so besonders wohl zumute.
Vor 3 Jahren hatte ich den Vater verloren, die Mutter
habe ich kaum gekannt. So sehr ich des Vaters Stand,
hden des Bauern, achtete, ich hatte keine Lust dazu. Mich
—R—
Kurz entschlossen trat ich nach des Voters Tode bei einem
tüchtigen Meister in die Lehre Die 3 Jahre Lehrzeit waren
bald vorbei, und jetzt hieß es, auf die Wanderschaft gehen.
Dem Rate meines Meisters folgend, fuhr ich mit der Eisen—
bahn bis W. und sollte von dort aus „walzen“. Ich
am nicht weit. Eines der ersten Dörfer, wo ich um Arbeit
nachfragte, war D. Ein kleines, aber hübsches Haus gleich
am Eingang des Dorfes fesselte meine Aufmerksamkeit. Das
Haus böt einen entzückenden Anblick. Ein Rebstock bedeckte
fsast die ganze Giebelseite. Rötliche Fenstersteine gaben
einen erfrischenden Gegensatz. Alles, sogar der Schiefer
auf dem Dache, schien in seiner urwüchsigen Frische jeden
Vorübergehenden anzulachen. Dazu boten die Trauben
im Sonnenglanze einen derart herzlichen Willkommgruß,
daß es mir leid tat, da vorbeigehen zu müssen. Und
drinnen mußte eine geschäftige Hausfrau ihres Amtes treu
und sorglich walten. Das verrieten die schneeweißen Gar—
dinen an den Fenstern, das verrieten die sauber gescheuerten
Treppenstufen, bewiesen auch die wundervoll gepflegten
Beranienstöcke, die an den Fenstern standen und in ihren
herschiedenen Farben einen prächtigen Anblick boten. Ich
hätte doch zu gerne den Besitzer dieses Häusleins kennen—
gelernt. Aber da ich nicht betteln, sondern nur Arbeit
suchen wollte, schickte ich mich schweren Herzens an, an
diesem sauberen Häuslein vorüber zu gehen. Schon war
ich vorbei, da bemerkte ich, noch einen Blick rückwärts
verfend, hinter dem Hause einen kleinen Lagerplatz mit
dolz und geschnittenen Brettern. „Was ist das?“ entfuhr
.. —/;B —n—⏑ Joenn obor schnoltt hinein“

ꝛeben eines alten Sängers.

In der Stube traf ich eine ältere Frau, die mir, mit
ümmerlicher Miene entgegentrat und mich nach meinem
Wunsche fragte.
„Schreiner? O ja. Warten Sie bitte einen Augenblick.
Ich wills meinem Mann sagen.“
Sie ging auf ein Zimmer zu, dessen Türe nur angelehnt
var. Kommen Sie herein!“ ertönte fast gleichzeitig eine
tarke Stimme, aus dem Zimmer. Ich trat ein. In einem
Bette ruhte eine kräftige Gestalt. Wissen Sie, wo ich ihn
ürzlich wiedergesehen habe? Im Stadtthegter in Saar—
»rücken, im „Waffenschmied“, im vorigen Winter. Ganz
»ieselbe kraftvolle, energische Gestalt, der alte Schmied. Er
hetrachtete mich von oben bis unten, dann sah er mir ins
Auge, tief, so wie man es tut, wenn man einem Menschen
in die Seele schauen will.
„Haben Sie Papiere?“ „Hier, bitte.“ „Erst kürzlich aus—
jelernt?“ „Ja, Meister.“ „Und sonstwo noch nicht ge—
arbeitet?“ „Nein, Meister.“ „Warten Sie in der Stube
»is ich komme!“ Das geschah. Nach einer Weile erschien er,
in einem Stocke nur mühsam fortschreitend. Die Gicht
»lagte ihn und machte ihn arbeitsunfähig. Wir waren bald
»inig. Er wies mir ein Zimmer an, einen kleinen, aber
reundlichen Rauia. Dann trat ich in die Werkstätte. Auch
hier war, wie überall im Hause, alles in fast peinlicher
Irdnung. „Sie müssen aber gleich nach dem Mittagessen
zeginnen. Ich habe eine Arbeit, die morgen unbedingt er—
edigt sein muß: ein Sarg muß gemacht werden.
Ich bin nicht abergläubisch, aber daß meine erste Arbeit
»ine so ernste sein sollte, ließ mich doch etwas erschauern.
Als ich beim Essen erschien, wurde mir Rosa, die Tochter
des Hauses, vorgestellt. Sie war ein hellblondes Mädchen
m Alter von 22 Jahren, anfangss still, zurückhaltend, später
iber so gesprächig, dabei so einfach und natürlich, daß
nan sich unwillkürlich zu ihr hingezogen fühlte. Und eine
Ztimme hatte ihr der Schöpfer verliehen, wie man sie
elten antrifft. Nach der Arbeit saß ich immer in dem
leinen Kreise. Die NAußenwelt lockte mich kaum mehr.
fFines Tages bat ich den Meister um die Erlaubnis, mir
neine Violine herschicken lassen zu dürfen. In der ganzen
Familie begegnete ich einer freudigen Zustimmung Jetzt
segannen herrliche Tage. Wenn wir zusammen musizierten
— ich habe ganz vergessen zu sagen, daß Rosa sehr gut
zither spielte —, so waren das Stunden des köstlichsten
Blückes. Auch die beiden Alten empfanden das und nahmen
ebhaften Anteil. Schließlich versuchten wirs im Quartett.
Rosa sang einen herrlichen Sopran, die Mutter einen zarten
Alt, ich singe Tenor, und der Meister beherrschte einen
räftigen, volltönenden Baß. Wir alle liebten es, dieses
chöne, harmonische Zusammensein. Und wenn des Tages
Last und Arbeit drückte, ein Gedanke an den Abend
zab neues Leben, frischen Mut. Kennen Sie das schöne Lied
„Heimweh. Was so mächtig zieht bei Tagesneige“, von
treutzer? Nein? Schade! Das war unser Lieblingslied.“
Der Andres schwieg eine Weile. Einige Minuten gingen
dahin, bis er wieder begann:
„Da starb die Mutter. Eine Lungenentzündung hatte
ie niedergeworfen. Daß unsere Musik- und Gesangstunden
iun ein jähes Ende nahmen, können Sie sich denken.
der Schmerz der guten Leute war zu groß. Aeußerlich war
der Meister sehr gefaßt; aber in dem Augenblicke, da die
deiche eingesargt werden sollte, brach der gute Alte zu—
ammen. Ich habe ihm das Einsargen erspart. Und Rosa?
Wundern Sie sich, wenn ich Ihnen sage, daß ich auch ihr
n diesen trüben Tagen näher getreten bin, daß ich plötzlich
ühlte, daß ich sie liebte? Meine Liebe wurde erwidert. Ich
nerkte es deutlich. Dem Meister wagte ich nichts zu sagen,
in unbestimmtes Gefühl hielt mich davon ab. — Ein halbes
Jahr hatte dieses stille, heimliche Glück gewährt. Da kam
ötzlich der zweite harte Schlag für den Meister, aber auch
ür mich. Rosa rutschte auf der Treppe aus und kam so
inglücklich zu Fall, daß sie sich eine schwere Gehirn—
erschütterung zuzog. Erlassen Sie mir, zu schildern, was ich
n diesen Tagen gelitten habe, in den Tagen, an denen sie
n heftigem Fieber darniederlag. Der Meister wich nicht
»om Lager des guten Kindes. Vier Tage lag sie be—
innunassfoes Ging sichte Stunde hafte der Schänfor ihe
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.