Nr. 3
Eaar⸗Sänger-Bunde
Seite 61
Walter
Blloem.
Am 20. Juni tritt einer unserer bekanntesten und be—
Al liebtesten deutschen Dichter in die Reihe der berühmten
Zechzigiährigen: Walter Bloem. Aus einer Elber—
felder Juristenfamilie stammend, führte ihn sein Lebensweg
aus dem Gymnasium seiner Vaterstadt zu den Universitäten
Heidelberg, Marburg, Leipzig und Bonn, um Geschichte
ünd Phisosophie, dann aber ebenfalls Jura zu studieren.
Seiner Promotion folgte 1895 die Ablegung der großen
juristischen Staatsprüfung und alsdann eine neunsährige
Rechtsanwaltspraxis in Barmen. Schon als Gymnaäsiast
schriftsterlerisch tätig, blieb die göttliche. Muse ihm auf
Ztudienwegen und in der Unrast und dem Druck hin—
gebungsvroster Berufsarbeit
treu. Schon gingen seine
degeisternden, farbenfrohen
Dramen über die Bretter.
Zuerst 1897 mit viel Beifall
sein Schauspiel „Caub“ im
kKönig ichen Schauspielhaus
in Berlin. Dann folgten
rasch hintereinander die
Tragödie „Heinrich von
Plauen“, das Verslustspiel
„Schnapphähne“, die Dramen
„Es werde Recht“, „Der
neue Wille“ und „Der Ju—
biläumsbrunnen“. Die lite—
rarischen Erfolge veranlaßten
Walter Bloem 1904 seine
Anwaltschaft niederzulegen
und sich ganz der Dichtung
zu widmen. Er ließ sich zu—
nächst als unabhängiger
Schriftsteller in Berlin
nieder, folgte dann einem
Ruf als Dramaturg und Re—
gisseur an das Hostheater in
Stuttgart, stand von Kriegs—
anfang bis Kriegsende als
Kompagnieführer und Ba—
taiclonskommandeur im Felde
und bezog, heimgekehrt, den
Frieden eines köstlichen
Landsitzes, Burg Rieneck in
Unterfranken.
Wenn in einem unserer
Begenwartsdichter der
Pulsschlag des deut—
schen Herzens in Glück
und Not nie ausgesetzt hat,
dann ist es Walter Bloem!
Mit seinen Romanen voll
dramatischer Spannungen be—
gleitet er deutsches Schicksal
von der schwertgewaltigen
deutsch⸗französischen Aus⸗
einandersetzung von 1870
und der deutschen Reichs—
gründung an bis zur Gegen—
wart. Greift sie uns nicht
mmer wieder ans Herz, die prachtvolle Romantrilogie: das
eiserne Jahr, Volk wider Volk und die Schmiede der Zu—
kunft! Diese lebenswahren buntfarbigen Bilder vom Kriegs—
schauplatz, aus den Kabinetten der dursten und Regierungen,
aus den Häusern und Familien der durch den Krieg in
Mitleidenschafi gezogenen Menschen! Ueber allen Schrecken
und allem Leid sobiel Erhabenheit und Größe! Ein Hohes—
ied auf deutsche Kraft und deutsche Art, und doch so viel
seines Verständnis und gerechte Bewunderung für das
deldentum des Gegners! Tausend kaleidoskopartige Bilder
aber vom echten Dichter zusammengesehen in die Ein—
heitlichkeit einer in sich geschlossenen großen Handlung!
Uund an diese berühmte Romantrilogie sicher angelehnt
zer Roman: Das verkobrene Vaterland. Auch ein Heldenepos!
Das Schicksal des Elsasses und seines Kronjuwels Straß—-—
zurg! Wie hellsfeherisch sind sie alle psychologisch durch—
chaunt und Sann mit dem unhefstechlichen Monzolstift auf*
d»em Papier festgehalten: Der pflichttreue, opferbereite
Nair der unglücklichen Stadt, der endlich in der National—
»ersammiung an der Garonne sein heiliges Werk zer—
chragen siest und den Weg in sein geliebtes Elsaß nur
ioch als ein Toter, im Sarge, zurüuückfindet, sein miß—
zelkeiteter Sohn, den Vaterlandsliebe in die Reihen der
Fzranttireurs treibt und ihr Schicksal teilen heißt, die
ugend iche Cecile, deren Herz ins Schwanken gerät zwischen
em genußsüchtigen, haltlosen Geliebten in der franzö—
ischen Front und dem edlen tapferen, hilfsbereiten deut—
chen Offizier, der dann auch für sein Vaterland in den
dod gehen mußte.
Das feine sozigle Emp—
finden des Dichters spie—
Jelt sich wieder in dem
Roman: Das jüngste Gericht.
der junge Gerichtsreferendar
Werner Achenbach empfindet,
daß die Ausbildung der Ju—
risten nicht immer ausreicht,
ꝛinem Arbeitervolk, wie es
das Remscheider ist, gerechtes
Urteil zu sprechen. Er er—
ennt, daß ein Richter viel
iefer in die Psyche des
Volkes eindringen muß, um
ein Denken, Leben, Han—
deln zu rerstehen. Deshalb
internimmt Werner Streif—
züge durch die Arbeiter—
ziertel, in die Kreise des
Proletariats, in die Sphäre
der Bedrückten, Verhetzten,
oom Bolschewismus Erregten.
Daß ihm auf diesen Wegen
in der gleich ideal gesinnten
Fabrikantentochter Mathiede
deydenreich sein Lebensglück
aufgeht, setzt den düsteren
Bildern des Romans ein
ftreundliches Licht auf. In
der sozialen Linie bewegen
iich auch die Romane: Brü—
derichkeit, da der 1919 aus
weijähriger Gefangenschaft
heimkehrende Hans Joachim
Eichholz am jungen Deutsch—
land Wiederaufbauarbeit im
Beiste der Brüderrichkeit
treibt, und dem andern Ro—
nan: Das Land unserer
diebe, in dem uns der Klas—
enkampf nach verlorenem
Kriege erschütternd vor die
Seee gestellt wird. Der
Sohn eines Hamburger Groß—
reeders, Kapitänskeutnant
Heinz Freimann, findet sein
Vaterland in der „roten Se—
ligkeit“ des Bolschewismus
chwimmend, in innerem Zerwürfnis der Schichten und Par—
eien, und er ist voll Sehnsucht, ein neues Seutsaud zu
chaffen. Er entfremdet sich seiner aus altem Patrizier—
geschlecht stammenden Braut Ilse, taucht im Proletariat
inter, lernt „das große Rätselding“ der Arbeiterseele,
die auch nach Schönheit und Glück dürstet, verstehen und
jewinnt Einblicke in die Herzen wertvoller Menschen unter
zen Arbeitern. Verhetzt, wollen Werftarbeiter das erste
zeichen wiederausblühender deutscher Wirtschaft, das Werk
hres eigenen Fleißes, den großen Passagierdampfer
„Deutschland“, wieder zerstören. Aber es gelingt, den Plan
u vereiteln. Beim Aufruhr kommt Heinz in den Verdacht,
in Spitzel zu sein. Aber seine Unschuld wird bewiesen, und
ßroletarier sind es, die ihn vor Ermordung schützen. Seinem
Finfluß ist es zu danken, daß die Waffen niedergelegt und
ernichtet werden und daß die Erkenntnis wächst. dau mir
IIe Rrüder sind
Walter Bloem.