Zeite 40 b'
Zaar-Sänger-Bund flr
in Nr. 2
verein, der alte Kontrahent der „Berliner Lehrer“, führte
einen versprochenen Besuch in Berlin aus. Umfangreiche
Vorbereitungen ließen glänzende Veranstaltungen voraus—
ahnen, und auch wir Kursusteilnehmer erhielten von der
sttursusleitung Aufforderung zur Teilnahme an den ge—
blanten Festlichkeiten. Der Vorabend vor dem Ankunftstage
der Kölner führte uns nach Besuch einer Chorprobe der
„Liedertafel“ unter Wiedemann in ihrem damaligen
Uebungslokal Odd-Fellow-Logenhaus nach der Gesangstunde
in stark ausgedehnter Nach- und Nachtsitzung mit einigen
derren des Vorstandes der Kölner, darunter mit dem
Vorsitzenden des Rheinischen Sängerbundes, die dem Verein
zur Erledigung gewisser Unterkunftsbesprechungen voraus—
zgeeilt waren, zusammen. Am folgenden Tage war der
Fmpfang des Vereins am Lehrter Bahnhof unter Beteili—
zung vieler Berliner Gesangvereine, und am 25. April,
bormittags 1212 Uhr, fand im Staatlichen Opernhaus
die offizielle Feier zur Begrüßung der Kölner statt. Diese
Feier gehört zu den schönsten und eindrucksvollsten Er—
nnerungen meines Lebens. Uns Kursusteilnehmern waren
30 hervorragende Plätze gesichert, und so konnten wir die
Vorgänge genau beobaächten.
Ernst und stimmungsvoll der geheiligte Raum im
Schinkelbau, packend und erhebend die Einleitung der Feier,
die Egmont-Ouvertüre von Beethoven, vorgetragen von
der Kapelle der Staatsoper unter Leitung des Intendanten
Dr. Max v. Schillings. Die Berliner „Liedertäfel“ betritt
die Bühne und singt unter Wiedemanns sicherer Leitung
Media vila von Bruch. Dumpf und wie gedrückt von
Todesangst erklingt der Chor der Mönche von St. Gallen,
hart wie der Schrei nach Erlösung dann der Gegenchor
derer von Reichenau und endlich der gemeinsame Chor
nit dem „Erbarme dich unser“ als Schluß, einen starken
Findruck hinterlassend. Dann erhebt sich in der ersten
Loge links der Bühne der Reichspräsident Ebert, um in
einfachen und herzlichen Worten die Sänger vom Rhein
zu begrüßen. Starker Beifall des ganzen Hauses, besonders
der mit ihren Damen im Parkett und Parterre sitzenden
sKölner. Die Stimmung wird schärfer angespannt, als die
„Berliner Lehrer“ mit 250 Sängern die Bühne betreten,
um Mathieu Neumanns damals kaum noch bekannten
jzroßen Chor „Hagen“ sozusagen aus der Taufe zu
seben. Die balladenartige Dichtung von Franz Mäding
schildert in bewußter, auch sprachlicher Anlehnung an das
Nibelungenlied die treue Wacht der beiden Recken Volker
und Hagen bei dem schlafenden Burgundenheere. Professor
dugo Rüdel, der damals noch neue Dirigent der „Berliner
Lehrer“, hebt den Stock, und geheimnisvoll mit feinstem
Pianissimo beginnt das Wort: Sonnenwendnacht — die
helden schlafen und träumen, Volker, der Fiedler, spielt
eise von „Liebe und Treue, von Minne und Glück“, von
den Sagen der herrlichen Heimat — die Schläfer träumen
oon Treue und Minne, draußen ist Sonnwendnacht. Der
luchbeladene Hagen, ohne Rast und Ruhe, hält Wacht,
damit ihm die Treue die Schuld sühnen möge. Die Hunnen
erscheinen. Volker spielt andere Weisen! — Mächtig wächst
die Tonstärke bis zum brausenden Fortissimo in vor—
rehmem Stimmenausgleich — „Die Hunnen entweichen!“ —
dagen hält weiter die Wacht, und die Helden schlafen und
räumen weiter, und mit ihnen die Sonnwendnacht. Ver—
zauchend verklingt das letzte Wort. Das Empfinden, eine
zerrliche Männerchorkomposition in vollendet schöner Dar—
zietung gehört zu haben, löst die atemlose Spannung in
einem Beifalle, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Immer
vieder werden Dirigent und Chor herausgerufen, längst
ichon steht das ganze Haus, und unter immer stärker an—
schwellendem Händeklatschen zeigt Rühle zunächst nach dem
Chor und dann mit deutlicher Armbewegung nach der
der Bühne gegenüberliegenden ehemaligen Kaiserloge. Alles
dreht sich um, die im Parkett Sitzenden ersteigen die Stühle,
an der Brüstung der Kaiserloge erscheint ein kleines, fast
ganz graues Männchen, sich nach allen Seiten verneigend —
Mathieu Neumann. Niemand, — vielleicht nur Rühle und
seine Sänger — wußte von seiner Anwesenheit, wie einfach
und bescheiden er die gewaltige Ovation entgegennahm! Es
setzte jetzt ein Beifallsturm ein, wie man sich ihn kaum
sttärker denken kann, und kam erst zur Ruhe, als der an
Stelle des auf dem Programm vermerkten Kultusministers
Boelitz im Auftrage der Staatsverwaltung sprechende da—
nalige Dezernent, der heutige Kultusminister Dr. Becker,
hereits an der Brüstung seiner Loge erschienen war, um
—V
uins Kursusteilnehmer aus dem Saargebiet besonders er—
vähnte, eine Würdigung des Besuches der Sänger vom
sthein zu unternehmen und die wohlwollende Stellung des
Ministeriums für Wissenschaft, Kunft und Volksbildung zur
»eutschen Gesangssache darzulegen. Der Schluß der er—
»ebenden Feier konnte nicht besser gewählt sein: Ansprache
»es Hans Sachs aus den „Meistersingern“, gesungen vom
dammersänger Scheidt. Ein unvergeßliches Erlebnis, von
zem ich mein Leben lang zehre, aber der Höhepunkt war
zoch Neumanns „Hagen“ mit seinem gewaltigen Erfolge
uind der bescheidenen Entgegennahme der verdienten Ehrung
des nun verstorbenen kleinen und doch so großen Meisters
Oberlehrer Friedrich Schmidt. Ottweiler.
Hugo Raun sos Jahre alt.
Am 21. März wurde einer unserer bedeutendsten
Männerchorkomponisten, Hugo Kaun, 65 Jahre alt. Er
vurde im Jahre 1863 in Berlin geboren, war uͤ. a. Schüler
»on Grabau und Fr. Schulz an der Kgl. Hochschule.
Zpäter studierte er in der Kompositionsabteilung der Aka—
demie von Fr. Kiel. 1887—-1902 verbrachte er in Mil—
vaukee als Lehrer, Komponist und Dirigent. Seitdem lebt
ex wieder in Berlin. Kaun ist Mitglied der Staatlichen
Akademie der Künste. In allen musikalischen Formen hat
ich der Komponist betätigt. Seine Symphonien, Kammer—
nusikwerke und symphonischen Dichtungen werden viel ge—
pielt, Opern (zuletzt „Menandra“, 1925) gelangten an
sielen Bühnen zur Aufführung. Eine große Popularität
sat er errungen durch seine Kompositionen für Chor. Sein
Zratorium „Mutter Erde“ ist sehr bekannt, noch mehr aber
ein „Requiem“, für Altsolo, Männerchor und Orchester,
»as nach seiner Uraufführung in Berlin (1922) sich im
Zturm die führenden deutschen Chorvereinigungen eroberte.
Zzeine Männerchöre sind in die kleinsten Vereine gedrungen
z. B. „Vaije carissima“ und „Weg-Worte“). Kauns Werke
»erraten eine stark melodiöse Begabung, die mit einem
rusgeprägten Formwillen verbunden ist. Er gehört nicht zu
)en umstürzenden Neutönern unserer Modernen, hat es
iber verstanden, sich eine gediegene und hochgegachtete Stel—
ung im Musikleben Deutschlands und weit darüber hinaus
zu verschaffen. Sein letztes Werk ist eine Kantate „Wachet
uuf“ für Solostimmen, Männerchor und Orchester, die An—
ang April in Potsdam ihre Uraufführung erlebte.
Musikabteilung der Autsbücherei.
In Nr. 10 dieser Zeitschrift wurde auf die Autobücherei
»es Verbandes der Volksbüchereien des Saargebietes hin—
zewiesen, die 14 Gemeinden des Saargebietes regelmäßig
zur Ausleihe von Büchern aus ihrem großen Bestand von
sast 5000 Bänden aufsucht. Wir berichteten damals, daß
»ieser Verband sich unter dem Vorsitz von Herrn,. Stadt—
chulrat Bongard aus Angehörigen aller Parteien zu—
ammengeschlossen hat, und daß vor allem die Kreise und
Hemeinden Träger seiner Arbeit sind.
Heute liegt es uns daran, darauf aufmerksam zu mächen,
»aß auch eine Musikabteilung dieser Bücherei ein—
zegliedert ist. Sie ist vorläufig noch sehr klein, da die
dachfrage nach Büchern über Musik oder über einzelne
konkünstler bisher gering war. Wird die Nachfrage nach
»iesen Büchern größer, so werden wir auch unsereée Abteilung
ergrößern, die heute schon mehr enthält, als der Katalog
ingibt. Es wird also auf die musikalisch Interessierten
n den von uns aufgesuchten Orten ankommen, ob wir die
Musikabteilung weiter ausbauen oder nicht. Denn wir
nüssen uns in Ergänzungen unserer Bücherei immer ganz
iach der Nachfrage richten. Wir können eine Abteilung nur
sann vergrößern, wenn ernste Interessenten dafür sich
nelden. Unsere Ausleiheorte sind ja wohlbekannt. Wir
ügen sie aber noch einmal bei. Es sind von Ostern an:
hdanweiler, Rilchingen, Auersmacher, Gersweiler, Groß—
osseln, Ludweiler, Emmersweiler, Naßweiler, St. Nikolaus,
darlsbrunn, Lauterbach, Ueberherrn, Bisten, Friedrichsthal.
In Ittersdorf und Felsberg setzen wir wegen der landwirt—
chaftlichen Arbeiten den Sommer über aus und beginnen
erst im Herbst wieder mit der Ausleihe. Auch in anderen
Bemeinden werden wir im Sommer eine längere Pause ein—
reten lassen. In allen Orten hat sich unsere Arbeit über
krwarten gut eingeführt. Das Bücherauto ist heute dort
ine hekannte, stets mieder erwartete Erscheinung geworden
A Gan