Full text : 6.1928-1929 (0006)

Nr. 2IIhHh

Sanr⸗-Sänger-Band IIIIn

l Seite 37

rur das Plätschern der Ruder hörten sie und, als sie
dem Ufer näherkamen, das Rauschen im Rohr. Das Schilf
sang seinen ewigen Nachtgesang. Von Halm zu Halm
gjins er fort, flußab, ein Lied der Einsamkeit, der Ferne
ind doch der Nähe zu Gott.
Die alte Hechtmutter war die Havel aufwärts geschwom—
men. Als sie bei Grütz fühlte, wie die Sonne das Wasser
wärmte, schnellte sie fich hoch in das goldene Licht. Da
schrien die Kinder, die in den Kähnen saßen, als sie
das große Tier sahen, und erzählten dann die alten Ge—
ichichten, wie badende Menschen von Hechten angegriffen
vorden. Unter den breiten Weiden, die aufwärts das Ufer
äumten, stand die Hechtmutter stundenlang und harrte auf
Beute. Sie war auf ihre alten Tage wählerisch geworden,
und die Havel hatte es dazu. Es war ein Gewimmel in
deren Bett, daß man sich wundern mußte, woher all die
Fische ihre Nahrung nahmen. Doch es war ein einziges
Verschlungenwerden vom Plankton zu den Kleintieren, zu
den Friedfischen, zu den Raubfischen, und die nahm der
Mensch. Die alte Hechtmutter dachte aber nicht daran, sich
oom Menschen nehmen zu lassen. Sie fing eine fette
Havelquappe, zog einen Frosch, der auf einem Seerosenblatt
saß, herein, verschlang beide und setzte ihre Wanderung
fori. Als sie spürte, daß ein Strom in die Hundert—
alerlanke ging, schwamm sie da hinein. Mit Behagen
ühlte sie, ein wie nahrhaftes Wasser es war, in das sie
geraten. Sie überlegte in ihrem, Sinn, ob sie hier dauernd
Auartier machen solle. Einstweilen zuckte sie hierhin und
in bis sie zwischen den Grippenblättern einen Stand
vählte.
Es kam die Nacht heran. Sie hörte es wohl, wie das
Netz durch die Lanke zog, wie die eingeschlossenen Fische
zin und her stießen und doch den Ausweg nicht fanden
Das rührte sie aber nicht. Das war alles weit von ihr
Als ihr der Stand schließlich zu langweilig wurde
chwamm die alte Hechtmutter fort in das Rohr hinein
dabei stieß sie auf einen Lorch, der dort seinen Nachtschlaf
hielt. Mit ihren harten Kinnladen fühlte sie in dem
Hefieder des Vogels herum. Darüber drang diesem das
alte Wasser an die Haut, und er flog erschreckt auf. Das
reizte die Jagdlust des Hechtes, er schwamm dem Lorche nach
der wähnde sich im freien Wasser schon sicher, als er nach
sich schnappen fühlte. Entsetzt tauchte er unter, um nun
erft zuů merken, daß ein Hecht ihn verfolgte. Eilig ging
er“ hoch und flatterte über das Wasser hin. Der Hecht
mmer hinter ihm her. Es ward eine ruhelose Jagd in
das Rohr und aus dem Rohr in das offene Wasser.
Mit hartem Griff drehten die Fischer die Winden, bis
die Seile aufgerollt waren und das Zeug selbst an die
delinge stieß. Da traten sie in das Wasser und zogen
has Garn heran. Kleine Barsche, Gustern und Plötzen
die in den Naschen aufblinkten, warfen sie in das Wasser
Sie wollten das kleine Zeug nicht haben. Es war, so dunkel,
daß nur ein Fischerauge die Fische entdecken konnte.
Das ist etwas Ordentliches“, sagte Ernst Graffehn.
Sie hielten inne und horchten. Sie hörten heftig das
Wasser schlagen und fühlten danach einen Ruck im Garn
„Das wird ein Wels sein.“
Oder ein großer Hecht.“
„Jedenfalls hat er Gewicht.“ J
Sie zogen weiter. Das mußte in ruhigem Gleichmaß ge—
chehen und war keine leichte Arbeit.

Walter hatte ein Licht den Damm von Hohenauen her—
ommen sehen. Er hatte aber keine Zeit, danach zu blicken.
Jetzt merkten sie alle, wie ein Schein über das Feld her—
am. Sie hielten im Ziehen inne. Der helle Schein
»lendete sie, so daß sie die Fische nicht so sicher fanden
Sie hörten an dem Gruß, daß es der Doktor Witten—
zusch war.
„Was bringen Sie uns?“
„Eigentlich nichts. Sehen Sie den Eisvogel? Den hat
Meister Wübbelin in der Reuse gefangen.
„Das ist wieder ein Fischräuber weniger“, bemerkte Karl
dellgrebe.
„So müssen Sie das nicht ansehen. Die paar Fische sind
zei unserem Reichtum noch übrig. Aber an Schönheit
saben wir wahrhaftig nichts mehr übrig. Wenn seine
Farben in der Sonne glitzern, meinen Sie da nicht auch,
daß dieser kleine Räuber ein köstlicher Gedanke Gottes ist?“
Jochen Kolrep bat den Doktor, daß er seine Laterne
ösche. Danach zogen sie weiter. Kolrep hielt den Ketzer,
Walter warf die Fische hinein. Sie hatten schöne Aale
dabei, auch Schleie und ein paar Hechte.
“ ist in den Sack gegangen!“ sagte Ernst Graffehn
„Wer?“
„Das wissen wir noch nicht.“
Sie zogen den Sack aus dem Wasser. Er hatte seine
dänge, sie mußten eine Weile ziehen.
„Ist das ein Gewicht!“ rief Karl Hellgrebe.
Hans Martin Wittenbusch trat dicht heran und blickte
rufmerksam auf das Netz.
Nun hatten sie ihn.
„Wirklich ein Hecht!“
Es war die alte Hechtmutter. Sie schlug wütend um sich
„Der hat seine vierzig Pfund!“
„Da steht Rathenow auf dem Kopf!“
„Sieh mal, was er noch in den Zähnen hat!“
Jochen Kolrep zog ihm den verendeten Lorch aus dem
Maul. Der Räuber sperrte es weit auf, weil ihm die
Kiemen trockneten.
„Das kommt, wenn man so gierig ist! Dann läuft man
von selber ins Netz,“ sagte Jochen Kolrep nachdenklich.
„Dem wollte ich heute schon eins auf die Nase geben,“
meinte der Doktor. „Aber er war fixer als ich.“
„J, wo denn?“
„Im Schollener See.“
„So weit her soll er heut schon gekommen sein?“
„Eigentlich ja gestern. Er ist wohl mit dem Stau ge—
laufen. Da haben Sie Irmschlägers Fisch gefangen. Er
zat ihm schon lange nachgestellt.
„Er wird schön spucken“
Sie lachten.
„Walter, den mußt du anbinden, Sonst springt er uns
aus dem Kahn.“
Die alte Hechtmutter lag im nassen Grase und schnappte
ämmerlich. Der Lorch daneben rührte sich nicht.
Es gah keine Rettung mehr.

Wilhelm Kotzde.
(Mit Erlaubnis des Verlages J. F. Steinkopf,
Stuttgart, aus „Frau Harke“, der Roman einer
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