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In den Bergen war viel Regen gefallen. Das Wasser lief
Btalabwärts. Von allen Felsen troff es, durch alle Moos—
bolster rann es, es sprang über die Steine, es rieselte
in Rinnsalen, die Bäche fuüllten sich, sie führten sich als
reißende Ströme auf und spielten Fangball mit den Blöcken,
um die sie sonst herumkrochen wie Buben um den schlafen—
den Vater. Sie stemmten die Arme in die Hüften und
slachten ins Tal hinein und höhnten die Flüsse, die gar
nicht wußten, was sie mit all dem Wasser ansangen sollten,
und voll liefen wie ein Regenfaß. Und wie des Wassers
immer mehr wurde, staute es sich zur Flutwelle und lief
die Elbe hinunter, vorbei an all den schönen Städten, an
Meißen und Wittenberg, an Magdeburg und Tangermünde
und drückte endlich in die Havel hinein, so daß auch sie
sich staute und das Wasser in die Seen drückte.
Marie Irmschläger lief den Garten hinunter, als sie
hörte, wie das Wasser durch den Graben keupelte, wie es
unter der Brücke kluckerte. Sie sah, wie es über die
Wiesen lief und fast schon in den Garten reichte.
„Es werden viel Fische von der Elbe kommen“, sagte ste
zu ihrem Vater, als auch er an das Wasser kam.
„Dann gibt es einen guten Fang.“
Die alte Hechtmutter, die auch vom diesjährigen Laichzug
vohlbehalten in den See zurückgekehrt war, lauerte oben
zwischen dem Schwandel auf Beute. Eine Lietze schwamm
dort unruhig herum. Es stand ein Kahn im Wasser, schon
seit Stunden, darin rührte sich nichts. Die Lietze fing hier
Alandskäfer und betrachtete immer wieder den Kahn, ob
nicht doch Gefahr daraus drohe. Was hatte er hier zu
stehen, wo er niemals stand? Einmal hob sie plötzlich die
Flügel und flatterte wasserschlagend davon. Als es aber
mmer noch still blieb und die Käfer so lustig und in
Massen dort herumschossen, kehrte sie in dies schöne Jagd—
revier zurück. Es war so still, daß nicht einmal der
Schwandel sich rührte, keine Spur von Flut oder Wellen
im Wasser.
Die Lietze hielt nachdenklich inne und sann, nach welcher
Zeite sie sich nun wende, da fuhr ein Schlag durchs Wasser,
ein breiter, flacher Kopf stieß heraus, ein gieriges Auge
euchtete auf, ein gewaltiges Maul mit blinkenden Zähnen
zffnete sich, die Dietze war vor Schreck kalt und still wie
ein Stein, schon war sie bis an den Bürzel im Rachen
des Räubers verschwunden. Da fuhr blitzschnell ein Ruder
nieder und schlug ins Wasser. Schlug ins Wasser; denn
der Räuber hatte gesehen, wie das Ruder sich hob und der
Doktor Hans Martin Wittenbusch über den Kahnrand
blickte. Der Lietze löste sich der Schreck, sie fuhr aus
des Räubers Rachen zurück und flatterte abermals davon,
auf Nimmerwiederkehr. Der Doktor aber lag lauernd im
Kahn und wartete, daß der Hecht getroffen hochkäme.
Er wartete auf den weißen Schimmer, der zwischen dem
Schwandel auftauchen sollte; aber er harrte vergeblich.
Die alte Hechtmutter machte sich auf die Beine, so
vürden wir sagen, wäre sie nicht auf ihre roten Flossen
angewiesen gewesen. So also schlug sie ihre Flossen und
uhr in diese und jene Ecke des Sees, ohne irgendwo einen
Entschluß zum Bleiben zu fassen. Sie war über diesen
ückischen Schlag ergrimmt, sie war voll Wut über diesen
harmlosen, gutmütigen, mitleidigen Doktor Wittenbusch, der
edes Wesen in der Welt mit seiner Liebe umfing und
zerade ihr, der alten Hechtmutter, die mit ehrlicher List
und Mühe ihr Leben fristete, eben an dieses Leben wollte.
Sie fand es empörend und konnte nicht wieder zur Ruhbe
ommen.
Rasend fand sie das. Ein langes Leben schon hauste sie
in dem See; allen Schlichen des Fischers war sie entgangen,
aichbeschwert war sie über jede Reuse gesprungen, sie
ah schon die Zeit kommen, da ihr in Ehren ein Moops—
haupt wuchs, und nun dieser ganz gemeine Schlag mit dem
Ruder, der ihr fast den Gardus gemaächt hätte! Sie
schmamm vnn Hebe zu Hebe und schnellte sich vor Wur
einmal hoch aus dem Wasser, daß der Doktor sie über
d)en halben See weg sah und nun also bestimmt wußte,
daß er daneben geschlagen hatte. Als sie aber wieder
eintauchte, riß sie mit einem Ruck den Kopf herum. Was
trömte ihr so erfrischend durch die Kiemen? Sie spürte
inen Strom, der lang den See her kam. Es kostete sie
inen kurzen Entschluß, sie schwamm quer durch den See,
zann dem Wasser entgegen, das durch den Graben keupelte,
»ie Mühlenlanke hinunter, bis sie an die Havel kam.
dier wendete sie links und wendete rechts und schwamm
ndlich in den Pareyschen See, der stark angeschwollen
var. —
Gegen Abend zogen Wolken hoch, und es kam ein mäßiger
Vind auf. Jochen Kolrep und Ernst Graffehn standen an
»en Fischständen und sahen zu, wie ihre Frauen Fische
»erkauften. Es war ein Leben am Wasser wie alle Tage.
die Frauen strickten, wogen die Fische, die sie mit dem
detzer aus dem Kasten geholt, steckten das Geld in die
dasche und strickten weiter, und der Mund stand die ganze
zeit nicht still. Der heckelte und strickte noch mehr als die
Finger. Die Kinder spielten, schrien oder lachten, wie es
jserade kam, und die Fischer, die eben nicht schliefen, freuten
ich, daß Leben um sie war. Ja, Leben war damals an den
Fischständen in Rathenow, und die Bürger ließen manchen
Taler an der Havel.
Ernst Graffehn sah über das Wasser.
„Der Wind geht auf.“
„Dann wird der Fisch vertraut“, antwortete Jochen
kKolrep.
„Wollen wir mit dem Garn ausfahren?“
„Das können wir ja!“
„Wen nehmen wir mit?“
„Ich will bei Karl Hellgrebe anfragen.“
Eben kam Walter Huxdorff aus dem Haus, dessen Fenster
leich auf das Wasser hinaussahen.
„Dann kann Walter auch mitkommen. Der hat Kraft
zum Ziehen.“
Es war Mitternacht. Drei Züge hatten sie schon ge—
nacht, die Hägewinne, den Langen Zug und die Wehrstelle.
Nun saßen sie beim Frühstück. Sie hatten die Kähne an
dand gefahren, dicht aneinander, und saßen auf den
Brettern. Noch war es nicht völlig dunkel, die ziehenden
chwarzen Nachtwolken ließen hier und dort das Sternen—
icht durch. Der Wind rauschte durch die Weidenbäume und
rafchelte im Rohr. Ein lautes „Lit-lit“ gina manchmal
chreckhaft durch die Nacht.
Ernst Graffehn nahm noch einen Schluck aus der Kruke.
dann schlug er den Korken fest und stellte sie ans Kahnende.
„Nun wollen wir noch die Häwe und die Grippe
aehmen“, sagte er. „Dann wird es wohl langsam Tag
verden.“
Sie standen auf, zogen die langen Stiefel bis an den
rdeib hoch, banden die Lederschürze vor und traten in
»as Wasser, um die Kähne mit dem schweren Zeug von
dand zu schieben.
Die Wolken hatten sich zu einer dichten Wand geschlossen,
o daß kein Stern mehr hindurchblickte. Es war noch
)unkler geworden, und es gehörte eine geübte Fischerhand
dazu, um das Zeug richtig und unverwirrt in das Wasser
zu bringen. Seltsam, wie fein diese groben, großen Hände
doch den geringsten Faden spürten! Dicht nebeneinander
ruderten sie die breite Lanke hinaus, Karl Hellgrebe und
krnst Graffehn in dem einen Kahn, Jochen Kolrep mit
Valter Huxdorff im anderen. Dann begannen sie das
zeug in das nachtdunkle Wasser zu werfen. Die Steine
ogen hinab, die Flotten hielten oben. Immer weiter ent—
ernten sich die Kaähne voneinander, bis das Zeug ganz im
Vasser war. Als die Seile begannen, sich von der Winde
zu rollen, wandten sie und ruderten zur Helinge, wo sie
das Zeug an Land holen wollten. Keiner sah den anderen.
Fruüt Henotcd'vom Ppeih dobröcen.