Full text : 6.1928-1929 (0006)

Saar⸗Sänger-Bund I.
Ganz starr, rot in den Augäpfeln, schoß Martins seine
Blicke gegen den Pfarrer.
„Wir haben das Blechhorn an einen Sammler verschenkt,
an' einen hochherzigen Herrn, der hier Ihre Unterkunft
dezahlt; er sah vom Weintisch aus, wie Sie am Ufer
zusammenbrachen!“
„An einen Sammler?“
Martins siel wieder jach hintenüber, sah wild gegen die
Stubendecke.
„An einen Sammler? Meine Trompete an einen Menschen
nit mit Geld? — Und das hat sie sich gefallen lassen?
Ist das Ting denn doch nur von Blech? Ist es treulos
Jeworden?“
„Nicht fluchen, Freund, nicht murren, der Sammler war
srüher nicht mehr denn Sie; durch Arbeit und Klugheit ist
r reich geworden!“
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dier trat dem Sterbenden Schaum vor die Zähne.
„Turch ehrliche Arbeit wird keiner reich, nein, nie, niemals,
8 sei denn, er wuchert, er saugt, er betrügt um Ware oder
Zzinsen!“
Und ächzte noch heiser hinterdrein:
„Ach, jerum, Hilse, mein Horn ist zum Judas geworden,
zat sich einem Wechsler vermählt, der dreißig Silberlinge
gab, pfa, niederträchtig!“
Er spie aus, röchelte in den Schlaf neuer Ohnmacht
hinüber. Der Geistliche wischte sich Tropfen von der Stirn.
Noch nie war er so arm gegen einen Erlöschenden, der ihm
alle Spende aus den Händen sog. Seltsam war dieser Tag,
o verklagend und schreéckhaft; er schlich leise hinaus, sich muͤt
allen zu bereden, die sich des bärtigen Sängers angenommen
Jatten.
Martins schließ indes in die Nacht hinein; draußen blitzte
die Lufft von Frost, der weiße Eisnelken an die tropfenden
Scheiben des Krankenzimmers malte.
Irgendwo brummten zwöls Mitternachtsschläge, tief und
gachhaltend. Da schlug Martins die Augen auf, stemmte
ich hoch im Bett, tastete um sich, fand Kerze und deugrzeug
Er zündete ein Licht an, schlüpfftte ruhig, ohne jede Fieber—
zile in Hose und Maͤntel, drüͤckte sein Fenster gegen die weiße
Winternacht auf und sprang hinaus, auf die wenig tiefer
zelegene Straße, die handhoch voll Schnee lag, darein seine
Sohlen knirschten. Er schüttelte eine Faust gegen das Spital,
hielt in der Linken die rauchende Kerze und klagte an:
„Sterben soll ich? Wie? For Edelmütigen, ihr Barm—
herzigen ohne Barmherzigkeit! Nun hol ich zurück, was
ihr genommen habt, gehe noch den sechs von den sieben
Bebrüdern nach, daß sie nicht verzweiseln ohne mich:t o.
vie falsch war ich, sie zu verlassen!“
Martins torkelte fsort, trunken vom Wahn. Seine Stimme
hatte mehr geheult als gesprochen, das Fieber kroch das
Mark hingauf zum Hirn. Wie ein Spukgeist trippelte er
durch die Nacht, die Kerze erlosch nicht in seiner Hand, scharf
biß der Wind, ringsum junkerten Hunde. Dabei wirbelte
dicker Schnee vom Himmel, dichter und dichter; Martins
buhle dein Ziel und doch streble er einem zu. Hier lag

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wspuunuhj Nr. 2

das Wunder seines Schicksals und seiner selbst, jenes Ge—
yeimnis, vor dem wir demütig sein wollen: Sein hei—
nher Besitz war seine Trompele, mehr ließ ihm nicht die
elt, die ihn um alle Anker beschwindelt hatte; raubt einer
Mutter das Kind: sie wird es finden über Meere und
Schluchten; ihr nahmt Martins sein Horn: er spürte seiner
Witterung nach, tat noch einen Sprung über eine Hecke,
inen Lauf durch gezirkelte Gärten; Ta stand er vor, den
Bogenfenstern eines — Parkhauses, das hoch vom Hang
er Löwenburg hinabsah auf den Rhein, das eines Zucker—
zändlers dionysisches Besitztum war. Martins zögerte nicht.
ẽr legte sein Ohr an die kalte Steinwand des Gebäudes,
sorchte und wußte, daß er am Ziel war. Alles lag im
Zchlummer der Deetisüen, in keinem der vielen Schloß—
immer blinzelte Licht. Ta nahm er einen Stein vom Boden,
chlug eine Scheibe ein, daß die Scherben laut ins Haus
lingelten. Flink schwang er sich hinaus, riegelte die Fenster—
lügel auf, stand mitten auf dem Parkett einer Stube,
»e nach Südwein roch, nach Edelobst und Tabak. Rings
Teppiche, Oelbilder und Stofftapeten, in der Ecke aber ein
chwarz polierter Stutzflügel, dessen Tasten offen lagen wie
»er Mund eines Menschen, der grinsend seine Zähne zeigt.
Nartins setzte seine Kerze auf den Flügel, hockte nieder in
jnem 8 weichen Tawan, stützte den hämmernden Kopf,
'ann nach. Ein barsches Hüsteln fiel ihn an und seine
Ztirne hett Schwweiß nach dem hastigen Lauf durch die
Racht. lötzlich aber traten seine Augen stier, groß aus
hren Höhlen; er stand auf, sein Atem pfiff und keuchte, er
astete sich weiter in der Stube, ein Lächeln übergoß sein
gesicht zu heller Verklärung: er griff über die Kante eines
sotenschrankes, tat einen Schrei verhaltener Freude und
— umklammerte in den Fäusten seine Trompete, die er koste
vie ein Kind, die er küßte, so heiß und wild, als habe sie
unter der Hitze seiner Finger Leben bekommen.
„Tar —, ja du, kalt biste, hu kalt, und so elend, je je, hab'
ich dich wieder, Kind?“
Und küßte immer wieder das Blech, just da, wo es auf—
zerissen war von der Kugelwunde; er, gab das Letzte an
Inbrunst her, ließ dicke Tränen auf seine Fäuste kollern
ind stieg wieder hinaus, so schwebend und gespenstisch das
dap⸗ und seinen Vark zu verlassen, wie er es auch betreten
jat e.
Bald klang es von drüben herüber, indes das Echo der
Trifte alles zweifach wiedergab, ein altes, tapferes Lied:
Has ist der Tag des Herrn.
Ich bin allein auf weiter Flur,
noch eine Morgenglocke nur,
nun stille nah und sern!“ ——
Und plötzlich schrie der Klang ab, fast gab das Echo
auch noch dies letzte Röcheln wieder. a w
Im Walde fsanden sie ihn am Morgen, den Hornist Mar—
tins, der in einer Lache ausgestürztken Blutes schwamm,
das zwischen seinen Lippen eine sickernde Quelle hatte.
Keiner vermochte die Trompete aus seinen starren,
schwarzen Fäusten zu schälen; sie haben ihn damit be—
araben müssen. Heinz Steguweit.

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