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J m Winter, als die frostige Luft in die Wangen biß, waren
2Bdie sieben Gebrüder an den Rhein gekommen. Sie
trugen feldgraue Soldatenmäntel, wollene Schlauchmützen,
Pulswärmer und Fausthandschuhe. An den Achseln ihrer
Aermeln hingen noch die rot-weiß gestreiften Schwalben—
nester jener preußischen Grenadiermusikanten, die einst im
Zold ihres Königs nichts anderes lernten, als Gleichschritt,
stotenlesen und das Lied ihrer jetzt verbrauchten Instru—
mente von Holz und Messingblech. Nun zogen sie von
Ort zu Ort, schliesen im Sommer unter den Sternen, im
Winter auf dem Stroh gefüllter Scheuern, nachdem sie
am Tage den Brotlohn ihrer Weisen auf einer geflickten
Kalbselltrommel vor Türen und Fenstern erbettelt haätten.
Tie fsieben Gebrüder hießen sie, weil der Volksmund sie so
nannte: weder verschwistert noch verschwägert hatten sie
sich als flandrische Heimkehrer zusammengefunden, stumm,
ohne Verträge und Klauseln, nur mit einem Handschlag
ihrer Waffenkameradschaft. Licdher und Münze wollten sie
teilen, nichts mehr, denn was darüber ging, war erloschen
in ihnen, ihre Herzen schlugen nicht füreinander. Der
Krieg lehrte sie die Furcht vor dem Tode; dieser Friede
gab ihnen die Angst um das Leben ein; Lied und Speise
für alle sieben, sonst jeder für sich selbst. Tas höhlt aus,
macht schweigsam und mürrisch. In den gegerbten Leder—
gesichtern war jedes Lächeln gestorben; mochte ihr Lied
zin weinerliches Ständchen oder ein springender Ländler
sein: Tüesen sieben Männern wurde die Resonanz ihrer
Seelen verstopft, mechanisch hüpften ihre Finger über die
Löcher der hölzernen Flöten, über die Tasten des Kornetts
oder den Saitenhals der jammernden Geige. Ein Hand—
verk wie Hobelbank und Amboß, nichts mehr. Wer ihre
Kalbselltrommel leer ließ, den schalten sie nicht aus, wer
ihnen Geld oder Essen reichte, dem dankten sie mit einem
müden Nicken. Zu stumpf, sich zu ärgern, zu matt, sich zu
freuen, zogen sie weiter, in Schnee und Sonne, in Sturm
ind Wetterleuchten.
Heut spielten sie ihr Tandaradei am Rolandseck, ließen
sich übersetzen zu den sieben Bergen, wo die gläsernen
Balerien der Gasthäuser mit lachenden Menschen im Sonn—
ragsputz gefüllt waren. Und stellten sich auf am Ufer,
wie immer im Halbkreis, stampften mit oen frierenden
Füßen auf den Boden, hauchten in die blauen Hände und
begannen ihr Lied, das ihnen eine Suppe und ein Tach für
zie Nacht bringen sollte.
„Taͤe Kugel traf, mich ruft der Tod,
und alles ist dahin,
ich ändre meinen Lebenslauf
uind meinen Lebenssinn!“
Freilich, so kalt der Abend auch war, alle Fenster öffneten
sich, Tücher winkten und Hände, und jene, die ihren Most
an satten Tischen tranken, die kam ein Schaudern an, ein
Ahnen roter Scham über den Wänsten ihres Wohllebens: Ta
standen ja Soldaten, Herrgott, zertrümmerte Musikanten,
die teils ein Holzbein trugen oder ein Glasauge, die ihre
Backen blähten am Mundstück der Instrumente, die ihr
Schlachtenlied wie einen Haufen klirrender Scherben an das
Rheinuser warfen, um Brot zu haben, ein wenig Wärme
und ein Toch über den Scheiteln. Der älteste von ihnen,
zin bärtiger Hornist, trat vor, hustete und sang mit rofstiger
Stimme den zweiten Vers, denn seine dürre Lunge stach ihn
im Rücken, wenn er zu jach in das Blech blies. Singen
konnte er noch; so sang er denn. dieweil die Kameraden
ihn bedgleiteten:
olitzende Kornett, die Linke in die Brust des Mantels ver—
rampft, da, wo das wilde Herz klopfte. Schon huben
ecine Kameraden gleichgültig den dritten Vers zu spielen
in: da zuckte der alte Sänger zusammen, schrie stöhnend
ruf und schlug zu Boden, mit dem Gesicht auf die Steine.
das Lied ächzte ab, tausend Gaffer murmelten sich in die
Nhren, nicht einer sprang hinzu, dem Ohnmächtigen zu rn
die Musikanten knieten nieder, wälzten den Sänger au en
kücken, sahen, daß eine klaffende Wunde an seiner Stirn
lutete. Sie hatten es schon lange geahnt, daß ihr Hornist
»ald passen würde. In Flandern hatte er sich einen Lungen—
iß geblasen, der war schwach verheilt, die Mühsal un—
teter Hungermusik halte der Teusel aus. Aber Not lehrt
zeten und singen, wenn auch der Magen sticht und die
Zeele verwüstet ist. Ter Ohnmächtige lag wie ein Toter
»a. Die andern rieben ihn warm, stilkten sein Blut mit
chmutzigen Sacktüchern: „Kamerad, he, Martins?“ —
Martins zuckte schmerzhaft mit den Wimpern: „'S geht
rimmer!“
Zwei liefen zur Poliezi. Tann ging alles schnell und
ühl vor sich. Von irgendwoher zimbelte ein Hotelorchester:
„Auf der Reeperbahn nachts um halb eins ...“, da kamen
»om Krankenhaus Wärter mit einer Bahrec, trugen den
Zänger fort, dem immer noch die Trompete in den Fäusten
itterte. —
„Nu sind wir noch ihrer sechse!“, zählten knurrend die
Musikanten, stierten vor sich und gingen schweigend in die
Nacht, irgendwo rheinab eine Scheune zu finden, oder
ine Schlafstelle im Armenhaus. Sie führsen ja den Krieg
nit dem Brot, was lag daran, wenn einer stel? — Sie haben
Martins nie wieder gesehen.
Der stöhnte im Waschraum des Spitals, wo barmherzige
zchwestern ihm den Mantel öffneten. Tie Adlerknöpfe
varen kalt wie Eiskörner, die Stiefel, die sie von seinen
Füßen schälten, bröckelten an den Sohlen auseinander wie
Torf. Es waren gute Schwestern, die demütig ihren Täenst
am Elend taten.
„Seht nur, er hat das Eiserne Kreuz am Rock, den Toten—
opf auf dem Aermel und bunte Ordensbänder im Knopf—
och; der war einmal tapfer!“ —
Eine andere wischte ihm mit einem Schwamm über das
truppige Haar, da es vom Blute klebte. Sie stammelte
»twas vom Schicksal, vom Krieg und vom verlorenen Vater—
ande. Der Arzt, der dem Kranken den Brustbeutel vom
dalse schnitt, las: „Hornist Martins, vierte Kompagnie.
Ver mich findet, lasse mich liegen, habe nichts als meine
Trompeéte, die gebt mir bei, ob ich kalt bin oder noch atme.“
Ind schüttelte den Kopf vor dem Wunden, der allen erst
ziin Ekel, nun aber ein Bruder schien, mit der Tornenkrone
vergessenen Heldentums.
„Bringt ihn auf Zimmer 17, da ist geheizt und Ruhe“,
agte der Arzt, der einen weißen Leinenkittel trug, in defsen
Tasche ein Hörrohr stak und ein Fieberthermometer.
Es kam ein neuer Tag, an dem es kräßtig schneite. Und
ine Nacht kam noch, die Martins bleich verschlief; am
Morgen aber wachte er auf, griff nach der Hand einer
wachenden Schwester, und lächelte, wie Irre lächeln:
„Wo sind meine Geiger und Flötisten? — Wer bezahlt
hier meine Zeche? — Oder gibt es noch Menschen, die
zinem ein weißes Bett schenken ohne Trompetenspiel und
Besang? Ich meine, in Téutschland sei alles verschachert?
Oder bin ich nicht in Teutschland?“
Tae wachsbleiche Nonne verstand ihn nicht. Sie schauderte
und deckte ihn sorgfältig zu über der keuchenden Brust,
darin, die Atemzüge pfiffen. Sie lief, den Arzt zu rufen
und kam mit anderen Schwestern zurück. Nun staänden sie
alle um das Bett des rauhen Menschen, dem erbsendicke
Tränen aus den Augen sprangen, der ständig in den Vetrus—
vart schluchzte und winseste wie ein Knabe.
„Wer auf der Welt was Liebes hat,
der scheidet schwer von ihr,
leb' wohl, leb wohl, du schöne Stadt.
ich scheide schwer von dir!“ —
Und er wischte den Bart, hustete, spie Blut.
„Weiter!“, riesen die Satten beim Wein. Aber der Bärtige
stand steif wie ein Säulenheissiger. in der Rechten da—
SANGER-TRINXIMOLMVURI