Full text : 6.1928-1929 (0006)

Hom Wefsen der Mulsik.

Muf dem Gebiete der Musik liegt manches ganz anders
SAl als bei anderen Künsten und man braucht nicht aus—
übender Musiker zu sein, um sich näher mit dem Wesen
der Musik zu beschäftigen. Viel mehr Menschen — zumal
oom deutschen Volke gilt das, haben ein fruchtbar zu
machendes Verhältnis zur Musik, als etwa zur Literatur
und zur bildenden Kunst. Es gibt nur ganz wenige Leute,
die für Musik unempfänglich sind, die nicht darüber hinaus
geradezu Liebe zur Musik empfinden. Man braucht nur
zu bedenken, daß es in Literatur und in der bildenden
stunst ein Seitenstück zu ungeheuer großen Hahlen der
reproduzierenden Musiker nicht gibt. Musikalisch ist jeder
Mensch, der Musik stark zu empfinden fähig ist. Dagegen
kann man bis zu einem ganz beträchtlichen Grade musik—
cechnisch reproduzieren, ohne musikalisch zu sein. Bei der
dildenden Kunst ist es außerordentlich schwierig, sich so
tief in die Formgebung, die gestaltenden Kräfte, die inneren
debensgesetze, zu versenken, daß wir es ganz nachzuleben
»ermögen. Auch bei der Literatur gehört große ästhetische
und geistige Schulung dazu, um nicht bloß am Stoffe
und an der äußeren Form einer Dichtung haften zu bleiben.
Bei der Musik dagegen sind wir geradezu gezwungen,
venn wir ein Musikstück spielen, in des Künstlers Lande
zu gehen; das Werk entsteht durch uns in diesem Augen—
zlick neu, und so wie wir es in die Welt stellen, so ist es für
uns und jene, die uns zuhören,. Hierin liegt die außer—
ordentlich bereichernde und beglückende Kraft eines seelen—
oollen Musizierens.
Die Musik ist einerseits die konservativste aller Künste,
indererseits ist sie mehr als alle anderen auf das jeweilige
Begenwartsempfinden angewiesen. Sie ist die konservativste
Kunst einmal hinsichtlich ihrer Technik. Nur in langen
Kämpfen hat die Musik ihr Ausdrucksmittel erworben. Von
der Einstimmigkeit zur Mehrstimmigkeit, von der Ent—
wicklung eines der Wesenheit der Menschenstimme nachge
bildeten, jede einzelne Stimme als ein Individuum behan—
delnden polyphonen (Vielklang-) Satzes zur harmonischen
Auffassung, in der zu einer beherrschenden Melodie aus
der Fülle des gesamten Tonmaterials die bereichernde
Ausmalung gewonnen wird, und von dieser Stufe aus
vieder zu einer neuen, mehr geistigen Polyphonie, in
der das einzelne thematische Motiv als Ausdrucksmittel
für ein Geistiges verwertet wird, ist ein ungeheuer weiter
Weg. Es ist ein ganz wunderbarer, von keiner anderen
Kunst gebotener Anblick, wie in der Musik von der einfachen
Melodielinie aus allmählich von Instrument und Sing—
stimme und dann wieder die Entwicklung der Instrumental—
musik als solche Jlangsam gewonnen und gemehrt wird
wie die Fähigkeiten der Instrumente gesteigert werden,
vie mit einem Worte vor den Komponisten ein immer an—
vachsendes Material gehäuft wird, mit dem er nach Be—
lieben schalten kann. Es geht eigentlich nichts verloren in
der Musik, verhältnismäßig schnell kann der Folgende
sich alles zu eigen machen, was seine Vorgänger erworben
haben, und dann geht er weiter und mehrt den Besitz;
aur der Geist, in dem er es tut, entscheidet, die Technik
ist hier in einem Maße Schulsache, eroberungsfähig, wie in
deiner anderen Kunst.
Die Musik ist eine Welt für sich, mit ihren eigenen
Mitteln, mit ihren eigenen Gesetzen. Diese musikalische
Welt dient zu zwei grundverschiedenen Tätigkeiten, die
aAlerdings niemals so scharf gesondert sind, wie es das
Wort nun feststellen wird. Man kann diese beiden Rich—
tungen scheiden durch die Worte „Musik als tönende Form“
und „Musik als Ausdruck“. Die sinnliche Welt des Tones
und der durch Ton und Rhythmus zu gestaltenden Form
als Selbstzweck auf der einen Seite, auf der anderen die
Musik als Seelensprache, als reinstes und ausdruckvollstes
Mitteilungsmittel des menschlichen Innenlebens. Beide
Wege führen zu unerschöpflichen Schönheiten, auf beiden
können wir höchste Beglückung durch Kunst erleben
Der Musik fehlt das Geistige; sie drückt nur die seelische
Empfindungswelt aus mit rein ee zu erfassenden Mit—
de!n. Wenn unsere Seelen also nicht in Mitschwingung
rsetzt werden, so empfinden wir nichts, und es entsteht
eere.

Die Musik verlangt die feinste Art des Hörens. Es
zandelt sich dabei einerseits, wenn auch weniger, um die
Schärfe des Hörens, d. h. die Fähigkeit, möglichst kleine
Tonunterschiede wahrzunehmen, andererseits hauptsächlich
um die Frage, was wird vom Ohr als Wohklaug emp—
funden. Hier haben wir nun die merkwürdige Tatsache,
daß alle Bereicherung des musikalischen Materials zunächst
als unangenehm, als hastlicher oder doch störender Lärm
empfunden wurde. Gegen einen Mozart, ja gegen Rossini
ind genau so gut die Vorwürfe der Lärmmusik, der
dissonanzhäufung erhoben worden, wie gegen Wagner und
Richard Strauß. Gerade weil für die musikalische Ton
velt kein Vorbild in der Natur draußen ist, weil diese
Tonwelt ganz für sich geschlossen ist, wird unser Ver—
zältnis zu ihr nur bestimmt durch das, was in dieser
Welt bereits errungen ist. Unser Gehör muß gewöhnt
verden, und zwar durch die Musik für Musik, andere Hilfs—
nittel gibt es da nicht. Für eine neue Klangverbindungç
»der Klangfolge in der Musik können wir nur durch das
Anhören dieser Klangverbindung ein Gefühl bekommen
Venn in der Dichtung an die Stelle einer ideglistischen
Z„childerung die realistische, später die naturalistische tritt,
o bleibt für alle diese Fälle das Mittel der tatsächlichen
Welt draußen zum Vergleich, zur Gewöhnung. Wenn ein
Musiker eine ganz neuartige Akkordverbindung aufstellt,
so mutet er unseren Ohren etwas zu, was diese vorher
niemals haben empfinden können, wofür sie sich nirgendwo
anders einstellen. Aber wir gewöhnen uns daran, und
zwar so sehr, daß dieses selbe zunächst so widerspenstige Ge—
zör nach einiger Zeit das schön findet, was es vorher ver
trteilt hat, ja noch mehr, er vermißt diese neuartige
stlänge dort, wo sie nicht sind. Die frühere Musik „ver—
altet“ für die Hörweise. Aus diesen Gründen gibt es
tirgendwo mehr Einseitigkeit und Parteilichkeit als in der
Musik. Je mehr das Reich der musikalischen Technik er—
weitert worden ist, um so schwieriger ist dessen volle Be
zerrschung, nicht nur für den schöpferischen und ausüben
den Musiker, sondern auch für den genießenden. Die ver—
nünftige gebietet uns, dafür Sorge zu tragen, daß unser
Benußvermögen und unsere Aufnahmefähigkeit möglichst
vielseitig und umfassend seien.
Die Musik ist neben der Religion die vielleicht tiefste
Aeußerung seelischen Lebens, kann wie kaum eine andere
stunst jeweils von den breitesten Massen aufgenommen
and genossen werden, ist — wenigstens in Deutschland —
zu den meisten Zeiten mit dem gesamten Leben des Volkes
inniger verwachsen als eine andere Kunst. Unsere Aufgabe
nuß also sein: Die Menschen durch gute Musik zur guten
Musik zu erziehen, ihnen nur gute Musik zuzuführen, da—
für zu sorgen, daß sie sich nur mit guter Musik beschäf—
tigen, dem Volk im weitesten Sinne die Schätze der Musik
likeratur zugänglich zu machen, ihm dadurch die Anregung
zu eigenem Nachdenken und eigenem Handeln für das
Beste der schönen Kunst, der Musik, zu geben.
Nicht nur Kunst ins Volk zu tragen gilt es, sondern sie
rus diesem Volk heraus zu entwickeln. Nirgendwo ist das
eichter als bei der Musik. Die Anlagen sind da, sie be—
dürfen nur der Pflege. Die Schule, die Gemeinde, das
daus und die Kirche haben hier eine herrliche Aufgabeé
zu erfüllen. In langsamer, stetiger Arbeit wird es ge—
fsingen, unserem Volke erneut wirkliche musikalische Kultur
zu bringen. Dr. Karl Storck.

2 —— 2 8 65
BecruceungsInssitut, Pictät
Wilhelm von Rüden, Inh. Otto Dreher, Saarhrücken 3
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