Full text : 6.1928-1929 (0006)

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Tage. Ueberwältigende Kraft, hauchzarte Weichheit,
stählerner Glanz, silbernes Schimmern, jede Stimmung,
jede Seelenregung findet geeignete Ausdrucksmittel. Die
dämonischen Töne gestopfter Hörner (Rudolf Bucks
„Wilde Jagd“), tiefe Posaunenklänge („Weihe des Liedes“
oon Hegar), herzwarme Cellokantilenen (Karl Kämpfs
„Holde Erinnerung“), gedämpfte Geigen („Wein' leise“
von Kaun), der satte Wohlklang geteilter Streicher
„Erdgeboren“ von Wiedemann), Kesselpauken (Bucks
„Gotenzug“), ja Pikkoloflöten (Kaspars Freischützarie“
von Buck), alles bietet ohne Mühe der riesige Farben—
kasten dar. Orchester und Orgel ist's und Chor zugleich!
Selbst die vierfache Teilung jeder Stimme, die ich in
meinem „Edward“ verlangte, ward ohne jede Schwierig—
keit verwirklicht. Welche Wonne, was stille Stunden
schufen, schauernd in einer Saalecke zu genießen, den
Eindruck zu gewahren, den diese dämonischen Tongeister
hervorrufen, gebändigt durch den Zauberstab eines Hugo
Rüdel oder — dereinst — Felix Schmidt.
Von Männerchores Herrlichkeit, Macht und Schönheit
erzählen auch all die stolzen Namen von Weber, Schu—
bert und Schumann über den Eckpfeiler Hegar hinaus
bis zu den Barden unserer Zeit: Friedrich E. Koch,
Kämpf, Kaun (unsere drei großen „K“), Matthieu Neu—
mann und vor allem Rudolf Buck. Unvergessen seien
auch die liebevollen Pfleger und Sammler des deutschen
Volksliedes: Erk, Silcher, v. Othegraven und Georg
Schumann; mögen sie nun das Lied in seiner Schlichtheit
 bewahrt oder es in feine kontrapunktische Kunst—

gebilde verwandelt haben, anmutend wie ein mittel—
alterlicher Reliquienschrein. Herrlich ist der Männerchor
auch in seiner einfachsten urwüchsigsten Form.
Auch dies Jahr brachte uns bei Gelegenheit des
25jährigen Stiftungsfestes des „Berliner Sängerbundes“
eine großzügige Kundgebung für das deutsche Lied, die
allen Teilnehmern unvergeßlich bleiben wird. Ein Fest—
zug aller nur möglichen einheimischen Chöre bewegte
sich durch die Straßen Berlins, und in kunstvoll ge—
stellten Gruppen wurden kernhafte Gedanken, die im
deutschen Liede verkörpert sind, zu bildhaftem Aus—
)ruck gebracht. Dann das gewaltige Konzert der 5000
in der Autohalle! Herzerfreuend war die ungewöhnliche
Teilnahme der ganzen Berliner Bevölkerung aller
Schichten an den Ereignissen dieser Tage. Es zeigte sich
das Erhebende und EGinigende des deutschen
Liedes. Und mancher sinnende und spinnende Ton—
dichter nahm wohl neue Anregungen mit nach Hause,
erwärmt und befeuert durch die Herrlichkeit der riesigen
Stimmenorgel. Uns aber, die wir in diesem wunder—
oollen Zweige musikalischer Ausübung tätig sind, seien
wir Dirigenten, Komponisten oder Schriftsteller: Laßr
uns mit großem Idealismus und reinem Herzen an
unsere für das Volkswohl so ungemein wichtigen Auf—
gaben herantreten und geloben nach Schenkendorfs Wort
„Will noch tiefer mich vertiefen
In den, Reichtum, in die Pracht;
Ist mir's doch, als ob mich riefen
Väter aus des Grabes Nacht!“
Professor Walther Moldenhauer.

Walther Mohldenhaunuer.

Die heutige Nummer unserer Bundeoeszeitschrift ist dem
.Gedächtnis des allzufrüh aus seinem reichen Schaffen
gerissenen Meisters Professor Walther Molden—
hauer gewidmet. Noch einmal spricht der Frühvollendete
zu uns in seinem begeisterten Aufsatz von der Herrlichkett
des deutschen Männergesanges! Da spüren wir aus jeder

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Walther Moldenhauers Grab.

Zeile, daß wir in ihm einen der unsrigen verloren haben,
zinen unserer Besten. Verpflichtet es uns nicht, sein Erbe
hoch in Ehren zu halten? Immer wieder in unsern Kon—
zerten seine Chöre zum Klingen zu bringen, uns und
unsern Hörern zu wahrer Herzenserhebung? Möchten auch
diese Zeilen dazu beitragen, Verständnis und Liebe für
diesen Sänger von Gottes Gnaden zu wecken, zu stärken,
zu vertiefen. Dann wissen wir, daß uns am 5. September
1927 von Walther Moldenhauer von dem unerbittlichen
Tode nur entrissen wurde, was sterblich an ihm war.

Neben Bildern, die uns aus Familienbesitz freundlichst
zur Verfügung gestellt wurden, bringen wir heute pietät
holl eine Handschriftprobe: das letzte Werk des Ver—
»wigten! Mehrere Monate vor seinem Tode trug der
Meister einen Zyklus von zehn Lönsliedern mit Harfen—
begleitung als reife Frucht unter dem Herzen. Aber er
kam nicht dazu, diesen Kompositionen in einer Nieder—
schrift die feste Form zu geben. Nur der „Abschiedsgruß“
fand Aufzeichnung. Er wurde am 27. August verfaßt
Dann nahm ihm der Tod die fleißige Feder aus der
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Handschriftprobe Woldenhauers.

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dand. Diese letzte Komposition des Meisters, deren An—
fangszeilen wir heute veröffentlichen, ist zugleich seine
letzte Handschrift überhaupt, ein kostbares Vermächtnis nicht
nur für diejenigen, die dem Tonschöpfer auch menschlich
nahe gestanden haben.
Walther Moldenhauers Wiege stand in Pommern. In
Freienwalde ist er am 25. Dezember 1878 geboren. Die
Absicht, Lehrer zu werden, führte ihn in das Camminer
Seminar, wo der musikbegabte Student stärkste Anre—
jungen durch Musikdirektor Gustav Hecht empfing. Bald
            
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