Full text : 6.1928-1929 (0006)

Erinnerungen an m

Auunnucltthttt h SaareSänger⸗Bund IlllIlhlhhhh..
no⸗ New Uorbzer Zeit.

b

runnspeutnantrchsshstth/ Nr. 1

G⸗ war ein prachtvoller, warmer und sonniger Oktober—
DBnachmittag, als vor 82 Jahren das gute Schiff
„Trave“ des Norddeutschen Llohd vor dem Hafen von
New Vork anhielt, um einige dem Zollkutter entsteigende
Personen an Bord zu nehmen. Ich stand in den herrlichen
Anblick versunken am Schiffsgeländer. Da hörte ich die
Stimme einiger mir auf der Fahrt bekannt gewordener
Deutsch-Amerikaner: „Dort steht er .... Herr Zoellner, es
'ommt Besuch für Sie!“ Ein älterer Herr, Mitte der
Fünfzig, bebrillt, etwas korpulent, ziemlich klein, mit einem
Gesicht voller Gutmütigkeit, Schelmerei und Humor, be—
zrüßte mich in der herzlichsten Weise. Es war Julius
offmann, der Präsident des New VYorker Zeutschen
Liederkranzes. Mit ihm
zekommen war Richard
Adams, damals ganz
n der Vollkraft der
Jahre, mit energischen
Besichtszügen, aus denen
Lebenslust und Tatkraft
olitzte. Als dritter Ab—
zgesandter des Vereins
erschien Dr. Senner,
liebenswürdig, wie im—
mer, aber etwas reser—
oierter als die beiden
anderen Herren. Da war
s ja wieder, das gute
Deutschland — der Nor—
den, der Westen, der
Süden — Hoffmann der
Mecklenburger, Adams
der Westfale, Senner
der Oecsterreicher.
Ich fühlte, wie es warm
mir ums Herz wurde.
Da war nicht nur ein
gut gemachtes Bett für
mich bereit im fremden
Lande, da waren auch
Jleich freundliche Hände,
obereit mich sänftlich zu—
zudecken.
Und da mußte ich an
den Zufall denken, der
nich hierhergeführt. Vor
ungefähr einem Viertel—
ahr haätte ich in einer
ilteren Nummer einer
Musik-Zeitung gelesen,
daß der „Deutsche Lieder—
kranz von New Vork“
die Stelle seines Diri—
eeten ausschrieb. Die
edingungen waren sehr
Jut. — der enr Die Dirigenten des Liederkranzes in New Nork.
var bereits so nahe,
daß ich mir ausrechnen, konnte: Wenn du dich auch meldest,
dein Brief käme zu spät.
Aber kurz gefaßt, schrieb ich doch. Das war alles so
schnell und zufällig gekommen, daß ich einige Wochen später
an meine Anfrage dort kaum noch dächte. Ich lag auf dem
Sofa (es war ein schwüler Sommertäg) uͤnd war gerade
bei der spannendsten Stelle von Tolstois Kreuzersonate
angelangt, als mir ein Kabelgramm aus Amerika gebracht
wurde. Ein langes Telegramm, das außer meiner festen
Berufung so ziemlich alles enthielt, was ich zu wisfen
pünschen konnte. Eine kurze Besprechung mit Dr. Franz
Wuellner, dem damaligen Direktor des Kölner Konserva⸗
toriums, an welchem ich angestellt war, ein Telegramm an
meine Mutter in Dresden — und am nächsten Tage flog
die bejahende Antwort nach New VYork.
Ich war gerade 36 Jahre alt geworden; mit vierzig wollte
ich wieder zurück sein und auf dem Acker der deutschen
unst. wieder mitpflügen, säen und ernten. Sieben Jahre
reilich war ich schon dem, Vaterlande fern gewesen als
Musikdirektor an der ruffisch-deutschen Univerfitat Dorpat.

Aber wie dort, so wollte ich auch während des amerikanischen
Intermezzos“ mein deutsches Herz bewahren. Ein paar
Tage vor der Ueberfahrt hatte ich noch den Niederwald
zesucht und meiner ehernen Mutter Germania ein Ver—
prechen gegeben. Und das Meer durchschnitt ich auf einem
deutschen Schiff, die Wogen sangen mir eine deutsche Weife
und als sie am fünften Tage zornig aufbrausten und den
Dampfer in seinen Fugen erkrachen ließen, durfte ich
deutsch lächeln über die sich über die Schiffswand beugen
den Jammergestalten und bei mir denken: Junge, das
hättest du dir gar nicht zugetraut, als deine Beine heute
morgen in der engen Kabine kaum die entsprechenden Hosen—
löcher fanden und du dir an dem vermalmedeiten Wasser—
— hahn beinahe den Schä—
J del einschlugst.
Und nun saß ickh
friedlich in der Ost 60
Straße in New Vork,
im Hause von Huberi
Cillis, des famosen
lebenssprühenden
Rheinländers, und vor
mir standen die ersten
Austern, die mir wirklich
schmeckten, Blue Points
— das sind bessere blaue
Punkte, als die, welche
ich mir in der Schiffs—
kajüte an den Kopi
malen ließ.

Zwei Tage nach meiner
Landung hörte ich in
New NYork das erste
Konzert. William
Steinway, den ich
bereits in Köln kennen
gelernt und der meinen
Kontrakt mit dem Lie—
derkranz unterzeichne!
hatte, führte mich dort
ein. Thodor Tho—
mas dirigierte ein Or—
chester von einigen hun
dert Musikern. Der Ein—
druck war kein guter, da
keine rechte Präzision
herrschte und die Klang—
fülle nicht der kolossalen
Zahl der Ausführenden
entsprach. Ich war an—
dere Leistungen vom Köl—
ner Gürzenich-Orchester
unter Wuellner ge—
wohnt. Doch zu meiner
Beruhigung hörte ich
daß dies eine aus ver—
schiedenen Elementen zusammengewürfelte Schar von Mu—
sikern sei, die mit dieser Aufführung eine Art künstlerischen
Versuch einer Massenleistung machen wollten. Nun — der
Versuch glückte ganz entschleden nicht fonderlich und in
auch meines Wissens nicht wiederholt woͤrden.
Theodor Thomas, war sonst gerade der Dirigent, der auf
Präzision hielt, wie ich mich“ bald in den von ihm ge—
leiteten philharmonischen Konzerten überzeugen konnte.
Freilich habe ich mich manchmal des Gefühls nicht erwehren
können, daß er in Amerika überschätzt wurde. Mir persönlich
war er als Dirigent zu glatt — die Finessen freilich brachte
er wunderschön heraus. Doch die lodernde Leidenschaftlichkeit,
 den letzten heißen Atem einer genialen Inspiration
wiederzugeben, schien ihm versagt zu sein.
Das schmälert aber durchaus nicht sein großes Verdienst.
ein wahrer, Pionier der deutschen Kunst“ in Amerika ge⸗
vesen zu sein. Er war auch Manns genug, dem fruüher wohl
etwas weniger aufmerksamen Publiküm die Zähne zu zeigen
und ganz gelassen den Taktstock niederzulegen, wenn nich
vollkommen Ruhe gehalten wurde. Da' er dJonst ein feinen
            
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