Nr. 11 IIhu. nup Seite 257
Regenb
om Regenbogen der Ewigkeit.
Ein naar Worte an unsere Künstlerjugend.
Die allergrößte Dummheit ist doch die Gegnerschaft Wir Alten müssen lachen: wir rechneten überhaupt
A zwischen Jugend und Alter. Es kommt mir das nicht. Die Phantasie gab keine Stunden im Rechnen
io vor, als wollte sich Hirn und Herz katzbalgen. Hirn Das mußte alles vorher erledigt worden sein. Der
sagt: Herz, du bist dumm! Herz sagt: Hirn, du bist unbekannten X bliesen wir ins Gesicht. Und das alte
kalt — ein elender Philister! Und so streiten sich in Zauberweib grinste.
einem Körper — der nur bei „friedlich und schied— Ach — und trotz alledem! Da ich lange Jahre Uni—
lich“ von Hirn und Herz versitätsmusikdirektor war
gesund sein kann — die in Dorpat, in Leipzig und
wesentlichsten Kräfte und Kompositionsprofessor am
egen dadurch seine Haupt— Leipziger Konservatorium —
funktionen lahm. wie kann ich sie verstehen
Zwar wissen wir in dem diese Jugend — wie ist der
Falle kaum, wen wir mit Drang so natürlich: Wir
Hirn, wen mit Herz be— wollen etwas leisten, was
zeichnen sollen. Da aber vorher noch nicht da war!
die Jugend auf ihrer „Sach— Was wie Pallas Athene
lichkeit“ besteht, so vertritt frisch, neu, noch nie ge
sie eher das Hirn, während kannt und doch bereits ge—
das Alter sich mit dem wappnet aus dem Haupt
Herzen“ trösten muß. des Zeus springt! Alle
Oh, diese Sachlichkeit! Oh, Jugend hat so gedacht. Auch
dieser unglückselige Aus— vor fünfzig und sechzig
druck! Sachlich, reell! Sehr Jahren. Was besonders
gut! „Für prompte und Neues seid ihr also nicht.
reelle Bedienung eines hoch— Ben Akiba hat wirklich
geehrten Publikums garan— recht. Auch damals gab's
tieren —“, ist's nicht ein Jünglinge, die dachten: Ihr
Bastwirtsausdruck? Steht's altersschwachen Knöppe, ihr
nicht in großen Lettern in müßt von eurem Throne
seder Zeitung? runter! — Nun ja, wenn
Ich verstehe schon, was sie wirklich schwach waren
man jetzt darunter meint: und die Jungen stark, so
Wir schalten die „Senti— war's ja nicht so ganz ohne
mentalität“ aus, der Ritt Berechtigung. Aber diese
ins „romantische Land“ wird Anmaßlinge haben's mei
von uns nicht mitgemacht. stens nicht zu viel gebracht
Das Leben ist zu ernst“ Die wirklich Begabten waren
es ist nicht so, wie ihr nicht so roh und rückfichts
Alten es darzustellen be— los. Die sehen weiter und
liebtet und wohl gar noch haben einen Blick, „das
beliebt! Ganze zu überschlagen“, das
Das aber stimmt nicht, historisch Gewordene und
ihr lieben Jungen! Es gibt seinen bleibenden Wert.
nur eine Göttin — kennt Auch sind die geistig
ihr das Gedicht von Goethe: Hohen und Feinen meist
„Meine Göttin“? Die nicht so organisiert, daß sie
meinten wir, die verehrten wie handfeste Fleischerbur
vir, die liebten wir — und von der wurden wir schen mit ihren Armen sich einen Weg — nolens volene
sicherlich ein bißchen wieder geliebt! durch die Menge der Rüpel bahnen und wenn's so
Illusion!! — Natürlich Illusion! Das Beste auf gar nicht gehen will, dann zu dem „feinen“ Mittel der
diefer Welt ist Illusion: Ja, gibt's nicht gewisse Philo- Verleumdung greifen, oder gar dem noch schlimmeren
sophen, die diefe ganze Welt mit allem, was drauf, des hinterlistigen Jgnorierens.
drunter, drüber ist, für Illusion erklären? Ich kann hier nur ganz vag andeuten. Aber die
Indem ihr die Illusion ausschalten und die „Sach- Luft ist mir oft stinkend vorgekommen.
lichkeit“ an ihre Stelle setzen wollt, beraubt ihr euch Jünglinge, junge Männer — haltet eure Atmosphäre
des natürlichsten künstlerischen Mittels. Ihr hockt euch rein! Der Schweißgeruch allzu hitzigen Kampfes um
mit einer geradezu wollüstigen Verstocktheit auf dem vordere Stellen (die vielen vorderhand nicht zukommen!
grauen Schemel der Theorie fest und dekretiert: Von ist nicht eine Vorliebe der wahren Muse. Die liebr
diesem unferem neuen Throne aus wird die Welt andre Luft! Die kann nur mit Wonne atmen, wenn
regiert. Zwei mal zwei ist vier. Wenn's uns beliebt: es herb und rein von den Schneegipfeln des Parnaß
auch fünf. Ihr müßt dran glauben! herunterweht!
Professor Heinrich Zöllner.