Zeite 236 Ib.
„Saar-Sänger-Bund fs
iche Nr. 10
„Nun“, meinte der Direktor und winkte einen jungen
storrepetitor an den Flügel, „so wollen wir einmal sehen,
was Sie schon gelernt haben. Was haben Sie denn da
Schones in Ihrer Notenrolle? Möchten Sie uns das vor—
tingen?“
Hega Nuntius nickte. Sie trat an den Flügel, streifte
die Umhüllung von den Noten und strich die Blätter
glatt. Es sah aus, als ob sie das Papier streichelte. So
zart und liebeboll glitt die schmale Mädchenhand darüber hin.
Dann blickte sie auf, und auf den jungen Zügen lag
zin feierlicher Ernst. Dieselbe Feierlichkeit, mit der sie
in dem nüchternen weißen Bau, auf dem heute die Sonne
piette, einen Tempel gesehen hatte.
„Darf man wissen?“ fragte der Direktor.
„Die Erlöserarie aus Händels „Messfias“, erwiderte der
unge Mann vom Frügel her.
„Hm, hm.“
„Nicht gerade das Leichteste.“
Nun Stile. Das Vorspiel ertönte. Helga Nuntius setzte
ein.
ihre Dummheit extro stolz sind, weil der liebe Gott der
Einfältigen einmal das Himmelreich versprochen hat'! Alter
dersündig dich nicht.“
„Ob du sie unterrichten willst, Faller!? Frau Professor
struse macht mir schon Zeichen.“
„Die sorl ihre Dampfnuüdeln und Klöß' für andere Kehlen
präparieren“, knurrte der Griesgram grimmig, stieg vom
Fensterbrett, daß ihm die Ge'enke knackten, und — lächelte
„Da! Ob du hinschaust!“ Und er zog den Anstaltsleiter
bertraucich am Aermel. „Ein Esel ist der Faller all sein
Zeit g'wesen, sonst wär' er ja net hier. Aber so ein
Esel, auf seine alten Täg' so ein süß—-selig's G'schöpferl
laufen zu lassen, die Dummheit traust mir schon gar ne—
zu. Mir ni⸗nicht!“
„Der Direktor wandte sich um. Er kannte die Eigen
heiten seines besten Lehrers.
„Fräukein Nuntius, es wird Ihnen Freude machen, zu
hören, daß Sie aufgenommen sind. Herr Professor Faller
wird Sie weiter unterrichten. Er bringt Ihnen großes
Vertrauen entgegen. Täuschen Sie es nicht. Und nun
seien Sie mir herzlich als Schülerin unseres Konserva—
85 willkommen, dem Sie eines Tages Ehre machen
olen.“
Er schüttelte ihr wohlwollend die Hand.
„Morgen beginnen Sie. Herr Professor Faller wird
zhnen noch den Stundenplan geben, Und“ — der alte
derr Tächelte in sich hinein, als dächte er an vergangene
zeiten — „und: vergessen Sie mir über der Kunst das
Jungsein nicht. Manche müssen das auch noch lernen
Wenn sie act werden, merken Sie, daß es das Beste von
33 war. Guten Morgen. Guten Morgen, meine Herr—
chaften!“
„Schön g'red't. Sehr schön sogar“, sagte Faller, als
das Kollegsum das Zimmer verlassen hatte und er allein
mit seiner Schülerin zurückgeblieben war. „Das vom Jung—
ein nämlich. Das mit dem Stundenplan weniger. Geben
5* mir altem Krauter noch einmal die Hand. So! Sehen
S*“, akkurat wie Sie bin ich auch g'wesen — — Jung
aämlich und mächtig draufgängerisch, wo ich g'meint hab',
es tät' in der Kunst brennen. Und der Meister von Bayreuth
hat mir mehr als das eine Mal auf die Schulter ge—
Topft, wenn ich den Maulafsen in München den Schwanen—
ritter hab' erstehen lassen, der zu früh Abschied g'nommen
hat, oder den Pere Tannhäuser, der's hact zu spät
versucht hat. Kind, Kind, das Leben ist alles. Und wir
zwei beide wollen's uns gegenseitig nicht sauer machen
Jetzt gibst mir einen Kuß.“
„Ich weiß, daß mein Erlöser lebt — —“
Es war eine Inbrunst in ihr, die den Ton erfüllte
and die Stimme voller erscheinen ließ, als sie war.
„Und daß er mich einst erweckt —“
Das war ihr Glaube, an dem sie hing, ihr Mädchen—
glaube, der in der Kunst den Himmel sah, den einzigen,
alleinigen im Leben.
„Merkwürdig“, murmette der Direktor und meinte die
Augen des Mädchens, in denen er so wenig Jugend ge—
funden hatte, und in denen er jetzt so vie! Begeisterungs—
fähigkeit fand. „Sie wird eines Tages vie? nachzuholen
zaben.“
Er wandte sich mit fragendem Gesicht Professor Farler
zu, der zusammengeknickt auf der Fensterbank saß und
mit vorgeschobenem Kopf horchte. Wie ein altes Schlacht—
roß aufhorcht, wenn es prößlich aus der Ferne, dem
deben, Signake vernimmt.
„Sonderbare Stimm'“, sagte er Leise, als der Direktor
ich zu ihm beugte. Das heißt, die Stimm' ist es nicht,
aber der Vorträg. Der Vortrag! Zah! 's Geld zurück,
Arter. Gutwillig. Die lernt dir hier nix Gescheit's mehr
dazu.“
„Die Stimme sitzt noch nicht überall fest, Faller. Noch
nicht ausgegtrichen. Sie nimmt die Uebergänge willkürlich,
d es ihr mit der Atmung paßt. Da haft du Arbeit
—RB
„Ach was. Sie sol die Register ziehen, wie sie mag.
Aber den Vortrag soll sie behalten. Ich sag' dir: Schaff
das Mäde? hinaus aus der Kleinkinderbewähranstalt da,
rus der Horde von Einfaltspinseln und Gänsen. die quf
Rudolf Herzng.
Aus dem Roman: Das Lebenslied.
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